Wochengespräch

«Filmmusik sollte einer eigenen Dramaturgie folgen»

Er sorgt dafür, dass uns beim «Tatort» ein Schauer über den Rücken läuft: Der Filmmusikkomponist Fabian Römer. Im Gespräch erzählt er, weshalb Verfolgungsjagden aus musikalischer Sicht langweilig sind und welche Filme er mag.

Heimweh nach dem See: Die Stille des Wassers hat Fabian Römer schon immer inspiriert.

Heimweh nach dem See: Die Stille des Wassers hat Fabian Römer schon immer inspiriert. Bild: Patrick Gutenberg

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Wie beginnt ein Filmmusik­komponist mit seiner Arbeit? Hören Sie bestimmte Töne, wenn Sie das Drehbuch lesen? Fabian Römer: Ein gutes Drehbuch muss mich berühren. Ich denke dann an eine bestimmte Klangfarbe, manchmal kommt mir auch ein klassisches Thema in den Sinn. Dann setze ich mich an den Flügel oder an meine elektronischen Geräte und bastle Töne, von denen ich denke, dass sie sinnbildlich sind für den Film.

Was kann eine gute Filmmusik? Sie betont nicht das Offensicht­liche, also zum Beispiel die Verfolgungsjagd, sondern die Geschichte hinter dem Offensicht­lichen, also die Emotionen des Protagonisten, seine Beklemmung zum Beispiel.

Zu welchem Zeitpunkt werden Sie in den Produktionsprozess einbezogen? Bei Kinoproduktionen beginne ich meistens bereits mit dem Dreh­buch. Bei Fernsehproduktionen komme ich dazu, wenn der Film schon montiert ist.

Nehmen wir den Film «Gotthard»: Welches Ziel haben Sie bei dieser Produktion verfolgt? Filmmusik ist immer eine Auftragsarbeit. Ich muss also gewisse Wünsche erfüllen und gleich­zeitig mit meinem Namen für die Musik stehen können. Bei «Gotthard» haben sieben Personen von SRF und ZDF ihre Meinungen eingebracht. Erwünscht war eine klassische Filmmusik, was mir einleuchtete. Gleichzeitig wollte ich moderne und elektronische Elemente in die Musik inte­grieren, denn diese symboli­sie­ren das Thema Industrialisierung und Fortschritt. Das Gefühl der Modernität sollte Platz haben. Letztendlich ist es ein Abstimmen mit allen Beteiligten.

Das klingt nach einem diffizilen Balanceakt. Das ist es mitunter. Ich ver­suche, mit meiner Musik auf die Ideen einzugehen, greife aber wenn möglich das her­aus, was mir gefällt und mich überzeugt. Es kann nicht sein, dass ich als Komponist einfach nur Wünsche erfülle. Der gemein­same Entstehungsprozess führt aber oft auch zu ungeahnten neuen Wegen in der Musik.

«Ich habe immer sehr gerne Violine gespielt. Aber ich war zu nachlässig beim Üben.»Fabian Römer

Haben Sie auch schon erlebt, dass Sie mit den Produzenten keinen Kompromiss gefunden haben? Ja, es gibt leider Situationen, in denen man sich trennt, weil man zu unterschiedliche Vorstellungen hat. Zum Glück geschieht dies sehr selten.

Mit vier Jahren begannen Sie, Violine zu spielen. Wäre für Sie auch eine Karriere als klassischer Musiker infrage gekommen? Ich habe immer sehr gerne Vio­line gespielt. Aber ich war zu nachlässig beim Üben. Und stundenlanges tägliches Üben ist eine der Hauptvoraussetzungen für eine Karriere in diesem Bereich.

Wie sind Sie darauf gekommen, Filmmusikkomponist werden zu wollen? In meiner Jugend in den 80er-Jahren wurde ich stark von Filmen geprägt. «Star Wars» und Filme von Steven Spielberg liessen mich in einen ganz eigenen Kosmos eintauchen. Ich war faszi­niert vom amerikanischen Blockbuster-Kino dieser Zeit.

Wie kam es zur Ihrer ersten Auftragsarbeit? Ich lernte im Jahr meines Maturitätsabschlusses einen franzö­sischen Regisseur kennen, der gerade an seinem ersten Kurzfilm arbeitete. Ich durfte dann für ihn die Filmmusik komponieren, ich habe zwei Wochen lang Tag und Nacht durchgearbeitet. Ihm gefiel das Resultat, und für mich war es unglaublich wichtig, eine erste Referenz zu haben.

Wie ging es dann weiter? Ich habe den Film an einige deutsche Filmmusikkomponisten geschickt und sie um eine Einschätzung gebeten. Es war unglaublich, wie viele reagiert haben! Harold Faltermeyer, der die Musik für die Serie «Beverly Hills Cop» komponiert hat, schrieb mir zurück und gab mir Tipps. Und der Komponist Andreas Köbner bot mir an, bei ihm vorbeizukommen. Das war für mich die Initialzündung: Ich brach mein Musikstudium ab und ging nach Deutschland. Im Nachhinein war diese Entscheidung goldrichtig.

Vermissen Sie in Deutschland etwas aus Ihrer Heimat? Den Zürichsee vermisse ich in München fast am meisten. Er war für mich immer sehr wichtig, als Jugendlicher war ich ständig am Baden und Surfen. Der See hilft mir aber auch beim Komponieren. Ich komme regelmässig in mein Elternhaus nach Freienbach, um zu arbeiten, denn hier steht mein Flügel, und ich kann auf das Wasser hinaus schauen. Die Ruhe des Sees passt sehr gut zu meiner Art von Arbeit.

Gibt es andere prägende Erinnerungen an ihre Jugendzeit? Das ehemalige Fabrikareal ­Gysko war sehr wichtig für mich. Dort blühte in den 1990er-Jahren eine interessante Subkultur. Es war ein regelrechter Schmelz­tie­gel von Musikkulturen mit ­Ate­liers, Proberäumen und Konzert­bühnen. Das hatte eine ganz tolle Dynamik.

Sie komponieren regelmässig die Musik für die Krimiserie «Tatort». Wie unterscheidet sich diese Arbeit von Filmproduk­tionen? Im Unterschied zu Filmen wie «Gotthard», die nach einer überwiegend klassischen Vertonung verlangen, lässt mir «Tatort» viel mehr Spielraum. Ich versuche, bei jeder Folge andere Klänge zu finden.

Bei der Folge «Nachbarn» ist mir die recht dominante Filmmusik aufgefallen. Ich habe für diese Folge elektronische Musik komponiert, aus­ser­dem setzten wir an den Schluss der Folge den Song ­«Happy». Der poppig-fröhliche Song von Pharell Williams bildet einen starken Gegensatz zur verkorksten Nachbarschaft, die im Film thematisiert wird. Anstatt die offensichtliche Handlung zu spiegeln, folgt die Musik hier einer eigenen Dramaturgie. Ein Schmelztiegel von Negativität braucht nicht unbedingt eine nega­tiv wirkende Musik. Ein fröhlicher Song kann das ­Absurde unterstreichen.

Komponieren Sie lieber Musik für Kino- oder für Fernsehproduktionen? Aus künstlerischer Sicht kann man sich im Kino oft stärker ­entfalten, da man mehr Zeit hat, an der Komposition zu feilen.

Schlägt sich das auch in der Entlöhnung nieder? Während ich an Kinoproduktionen bis zu sechs Monate arbeite, beträgt die Arbeit an Fernseh­filmen oft nur rund einen bis zwei Monate. Die Gesamtentlöhnung aus Honorar und Musikrechten ist bei einem Fernsehfilm höher. Am besten verdient man mit Seifen­opern wie «Marienhof».

Was ist der Grund dafür? Wir Filmkomponisten leben gröss­ten­teils von den Musikrechten und nur zu einem kleinen Teil von den Honoraren. Je häufiger ein Film gesendet wird, desto mehr verdienen wir. Aber fürs Renommee und die künstle­rische Entfaltung sind Kinofilme oft zuträglicher.

Wie wählen Sie Ihre Aufträge aus? Ich brauche Vielfalt, das war schon immer so. Kürzlich habe ich von der Action-Serie «Kobra 11» eine Anfrage bekommen. Finanziell wäre es ein gutes Angebot gewesen, aber ich hätte eineinhalb ­Jahre lang nur Auto-Verfolgungsjagden vertonen müssen. Musi­kalisch wäre ich dabei zugrunde gegangen.

Erstellt: 10.09.2017, 15:05 Uhr

Zur Person

Fabian Römer gehört zu den bekann­testen Filmmusikkom­ponisten des deutschen Sprachraums. Zur Filmografie des 43-Jährigen gehören unter anderem diverse «Tatort»-Folgen, die TV-Produktion «Gotthard» sowie der Film «Papa Moll», der im Dezember in die Kinos kommt. Römers Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Musikautorenpreis und dem Deutschen Fernseh­preis. Am diesjährigen Zurich Film Festival gehört der Freienbacher erstmals der Jury des Film­musik­wett­bewer­bes an. Fabian Römer lebt mit seiner Familie in München. ep

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