Herrliberg

Fasziniert von den Geschichten, die hinter Ansichtskarten stecken

Ferienzeit ist Kartenschreibzeit: Das war einmal. Für den Herrliberger Gemeindeschreiber Pius Rüdisüli aber haben Ansichtskarten umso mehr einen besonderen Wert.

Als 18-jähriger kaufte Pius Rüdisüli seine ersten historischen Ansichtskarten - heute besitzt der Sammler gut 10 000.

Als 18-jähriger kaufte Pius Rüdisüli seine ersten historischen Ansichtskarten - heute besitzt der Sammler gut 10 000. Bild: Michael Trost

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Ob er ahnt, auf was er sich einlässt? Pius Rüdisüli entschliesst sich, auf das Inserat zu antworten. Erschienen ist es in der Zeitschrift für Münzensammler – doch es richtet sich an die sogenannten Heimatsammler.

Angeboten werden: historische Ansichtskarten diverser Schweizer Ortschaften. Von Amden etwa, von Erlenbach oder Küsnacht. Damit ist das Interesse von Rüdisüli geweckt. Ist doch Amden seine Heimatgemeinde, Erlenbach sein Wohnort und Küsnacht der Ort, wo er die Lehre macht.

10 000 Karten

Es ist das Jahr 1977. Der damals 18-Jährige bestellt drei Karten. «Ich war auf den ersten Blick fasziniert», sagt Rüdisüli heute über den Kauf. Mittlerweile arbeitet er seit 30 Jahren als Gemeindeschreiber, wovon deren 19 in Herrliberg, wo er auch lebt. Dass die einst empfundene Begeisterung nicht ohne Folgen geblieben ist, erkennt schnell, wer sein Wohnzimmer betritt.

Die rustikal getäferte Stube hat den Charme eines Bergchalets. Und ein bisschen wirkt sie wie ein Tourismusbüro aus vergangenen Zeiten mit den drei Metallständern, die im Raum stehen und hängen. Satt gefüllt, scheinen sie auf Kundschaft zu warten. Gefüllt sind sie mit – genau: Ansichtskarten. Diese sind indes nicht zum Verkauf da. Im Gegenteil. Kurz nach der entscheidenden Lektüre der Münzenzeitschrift wird aus Rüdisüli ein leidenschaftlicher Sammler; er bleibt es bis heute.

«Ich war auf den ersten Blick fasziniert.»Pius Rüdisüli

Den Bestand von ursprünglich drei Karten vergrössert er bis auf aktuell gut 10 000. Was davon nicht in den Metallständern Platz findet, lagert sortiert in rund 25 dicken Alben. «Am Anfang habe ich jeden Samstag den Flohmarkt auf dem Bürkliplatz nach alten Karten durchstöbert», sagt Rüdisüli. Wenn die Karten Spuren der einstigen Verwendung zeigen, etwa die originalen Grussworte und eine abgestempelte Briefmarke: umso besser.

So geht einiges seines monatlichen Lehrlingslohns von 400 Franken an das Hobby, auch wenn er pro Karte nur bescheidene Summen von einem bis zu zehn Franken ausgibt. «In den Achtzigerjahren herrschte aber eine wahre Sammeleuphorie», erinnert er sich. Bis zu 300 Franken seien pro Stück bezahlt worden. In Einzelfällen, für Karten kleinerer Ortschaften, gar noch mehr.

Urgrossvater aus dem Netz

Mittlerweile hätten auch hier internationale Internetplattformen die traditionellen Händler abgelöst. «Viele Karten, die einst ins Ausland verschickt worden sind, gelangen nun von dort zum Verkauf und so wieder zurück in die Schweiz», beobachtet Pius Rüdisüli. Fünf bis zehn Minuten widmet er täglich dem Studium der einschlägigen Webseiten. Und landet bisweilen unglaubliche Treffer: wie die Karte von Amden, auf der ein Alphirt mit Touristen abgebildet ist – beim Hirten handelt es sich um Rüdisülis Urgross­vater. Das habe sich erst herausgestellt, als er die Karte seinem Vater gezeigt habe. «Ein Riesenzufall.»

Vergleich mit Istzustand

Er wolle wissen, wie es früher in den Dörfern ausgesehen habe, sagt der heute 59-Jährige. Dabei fasziniere ihn besonders, die Entwicklung im Lauf der Jahre nachzuvollziehen. Längst hat er sein Sammelgebiet über Amden und Erlenbach hinaus ausgedehnt: auf die anderen Seegemeinden, das Glarnerland und vor allem das Oberengadin.

Immer wieder reist Rüdisüli an die Orte und vergleicht Karten­sujets mit dem aktuellem Zustand. «Die bauliche Entwicklung der Gemeinden nachzuverfolgen, ist beeindruckend.» Und wenn er da so mit schwarzweissen oder ­ko­lorierten Aufnahmen in den Strassen stehe, komme er öfters mit Anwohnern ins Gespräch. ­

«Man erfährt so eine immense Horizonterweiterung.»Pius Rüdisüli

Erinnerungen würden ausgetauscht über Lokalgeschichte und Dorfleben. «Eine immense Horizonterweiterung erfährt man so», schwärmt er, «konkrete Geschichte, einem Zeitraffer gleich.» Mitunter mache ihn die Entwicklung auch recht nachdenklich. Bei Karten mit dem Morteratschgletscher etwa – heute sei dort nichts als Geröll und Ödnis.

Die digitale Welt hat dem ­Ansichtskartenschreiben längst den Rang abgelaufen. Gleichwohl schwebt Rüdisüli vor, dereinst mit Schülern den Wert von Ansichtskarten zu diskutieren. «Ein MMS liest man schnell und löscht es wieder», sagt er. Damit lösche man aber auch Zeugnisse unserer Zeit. Auf Ansichtskarten hingegen liessen sich die alten Feriengedanken noch nachvoll­ziehen. Vielleicht könne er den einen oder anderen Jugendlichen wieder zum analogen Schreiben animieren – wie schon seine Kinder oder die Gemeinderäte. Er hoffe halt, dass die Karten so bald nicht aussterben werden.

Erstellt: 14.07.2018, 10:31 Uhr

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