Wochengespräch

«Existenzangst wäre Schnee von gestern»

Rebecca Panian ist für das bedingungslose Grundeinkommen. Ihr neuster Film, in Adliswil erdacht, sorgt schon vor den Dreharbeiten für Furore. Die Idee: Das Grundeinkommen in einem Dorf für ein Jahr testen.

Eine feurige Verfechterin des bedingungslosen Grundeinkommens: Regisseurin Rebecca Panian.

Eine feurige Verfechterin des bedingungslosen Grundeinkommens: Regisseurin Rebecca Panian. Bild: Moritz Hager

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Sie haben über 100 Zuschriften erhalten von Personen, die alle für ein Jahr das bedingungslose Grundeinkommen in ihrem Dorf einführen wollen. Woher dieses grosse Interesse?
Rebecca Panian: Gemeinderäte zum Beispiel versprechen sich mit der Teilnahme eine Umkehr einer Negativspirale: Sozialleistungen schnellen in die Höhe, zugleich falle der Zusammenhalt weg. Deshalb sind sie offen für neue Ideen wie dem Grundeinkommen.

Wer würde von einer Teilnahme an diesem Experiment besonders profitieren?
Familien — und zwar nur schon rein finanziell. Bisher erhält ja die Person, die zuhause bleibt und auf die Kinder aufpasst, keinen Rappen. Während des Experiments hingegen erhält auch dieser Elternteil 2500 Franken. Das Kindergeld wird auf 625 Franken aufgestockt. Dieses monatliche Polster führt zu mehr Zeit und Wahlfreiheit für die Familie; zu mehr Zufriedenheit für die Einzelperson; und für die Gesellschaft zu einer Entlastung.

Sie selbst leben bereits von nur 2000 Franken im Monat. Inwiefern hat sich Ihr Leben seither geändert?
Ich habe so wenig Geld und bin zugleich so glücklich wie nie zuvor. Ich fühle mich zufriedener, gesünder, freier. Ich bin Herrin meiner Zeit, muss keine Arbeitsstunden absitzen. Ich arbeite nach meinem Rhythmus, Wochentage zählen für mich nicht mehr.

Wo müssen Sie Abstriche machen? Und wofür geben Sie gern Geld aus?
Ich lebe auf 30 Quadratmetern. Für viele wäre das eine Katastrophe – ich liebe es. Für mich heisst Luxus: eine schöne Aussicht, Licht und eine Badewanne. Und Kaffee.

Sie haben nach dem Tod Ihres Vaters einen Film über das Sterben gedreht. Hat Sie diese Erfahrung dazu bewogen, Ihr Leben zu ändern?
Der Tod meines Vaters hat mich vor allem zwei Dinge gelehrt: Demut und Dankbarkeit. Daraus resultierte, glaube ich, Materiellem weniger Wert beizumessen, und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Aber meine Lebensumstellung hat schon früher begonnen, als ich dachte, ich hätte alles verloren: Job, Beziehung, die Aussicht auf eine Weiterbildung. Doch dann setzte diese Sinnkrise eine unglaubliche Energie frei: Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. Ich habe mehr gewagt und überraschend ist ein Puzzlestein ins andere gefallen.

So haben Sie zu Ihrer Leidenschaft dem Film gefunden?
So war es, ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, als ich meinen ersten Kurzfilm im Kasten hatte. Ich weinte und lachte gleichzeitig – und habe mir geschworen: Dieses Gefühl möchte ich wieder erleben! Ab diesem Moment gab es kein Zurück mehr. Das war mein Matrix-Moment.

Der «Matrix»-Moment?
Der Moment, als ich aus meiner bisherigen Realität ausgebrochen bin, und begann, sie zu hinterfragen. Ich merkte plötzlich, dass mein Job mich auslaugte und mir wichtige Zeit raubte. Plötzlich sah ich über den Tellerrand hinaus, in ein Leben, in dem ich nicht einfach Geld scheffle und erst im Alter das tue, was mich begeistert. Deshalb habe ich «das System» verlassen und mir ein Leben eingerichtet, in dem ich mich wohlfühle.

Ihr Film über das Grundeinkommen nimmt sich zum Ziel, an verhärteten Denkkonzepten zu rütteln. Woher kam die Idee?
Die Initianten haben vor der Abstimmung 2016 viel Vorarbeit geleistet und mit der Initiative ein grossartiges Zeichen gesetzt. Da müssen wir doch dranbleiben, fand ich. Und zwar mit einem Experiment. Ein Dorf zu wählen, lag für mich auf der Hand, da es gleich einem «Miniland» Prozesse abbildet, die auch auf nationaler Ebene ablaufen könnten.

Eine grosse Mehrheit der Schweizer Stimmbürger, fast 77 Prozent , lehnte das Grundeinkommen an der Urne ab. Woher kommt diese grosse Abwehr?
Die Volksabstimmung lässt sich auch als Erfolg lesen, schliesslich haben immerhin 22 Prozent dafür gestimmt. Dennoch: Mit den teils fast philosophischen Argumenten der Initianten konnte man nicht alle Bürger abholen. Das Grundeinkommen ist als unfinanzierbare Utopie, als Kommunismus gar, verschrien — ein grosser Irrtum. Ausserdem ist der Glaubenssatz «Mer muess schaffe fürs Geld» tief in unserem Denken verankert und hindert viele daran, das mal umzudrehen zu: «Man bekommt Geld dafür, dass man tätig sein kann.» Ein Zitat von Götz Werner.

Ist Arbeit ein Privileg?
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der Existenzangst Schnee von gestern ist. Eine Zukunft, in der niemand mehr aus Zwang einen Job annehmen und Lebenszeit verbraten muss. Zudem täten wir gut daran, die Automatisierung nicht zu verfluchen, sondern sie als Segen zu sehen: Endlich geht der langgehegte Menschheitstraum in Erfüllung, nicht mehr arbeiten zu müssen.

Aber ist der Gedanke nicht auch beängstigend — nicht mehr gebraucht zu werden?
Im ersten Moment mag das so sein. Ich bin aber überzeugt, dass wir schnell realisieren, wie viel wir zu geben haben, ohne dass diese Tätigkeit an Geld geknüpft ist. Ich vertraue darauf, dass man Möglichkeiten findet, sich einzubringen. Auch diese Angst rührt im Kern wohl vom Glaubenssatz, dass man nur arbeitend ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft sein kann. In protestantischen Ländern ist dieses Denken besonders ausgeprägt. Wie Calvin sagte: «Die Tätigen kommen in den Himmel». Gerade ihm stünden wohl alle Haare zu Berge, wenn er sähe, wie seine Anhänger heute seine Überzeugung leben.

Was versprechen Sie sich von dem Experiment, das Grundeinkommen zu testen?
Eine gesicherte Basis zu haben, ist ein befreiendes Gefühl, finde ich. Bei mir kommen gleich Ideen auf, wie ich mich in der Gesellschaft nützlich machen kann. Ist man zufriedener, hat man mehr Raum, sich mit der Umwelt und seinen Mitmenschen auseinanderzusetzen. Ist mir wohl, neide ich niemandem seine Millionen. Ich erhoffe mir vom Experiment, dass sich im Dorf wieder ein stärker Zusammenhalt einstellt — vielleicht ergibt sich eine gemeinsame Aktion fürs Dorfleben? Ich bin gespannt. Und natürlich fände ich es toll, wenn es nochmals zu einer Abstimmung käme.

Wie dürfen wir uns den Film vorstellen – gleich einer grossen Big-Brother-Show?
Keineswegs. Wir wollen im Film «Humanity Reloaded» das Aufgleisen des Experiments festhalten, die Suche nach einem Dorf, in dem sich alle Bürger bereit erklären, dieses Experiment durchzuführen — inklusive Abstimmung. Am besten mit Handaufheben. Natürlich möchte ich auch das Experiment filmisch begleiten, wobei mir dafür eher eine Serie vorschwebt. Aber wer weiss, vielleicht ergibt sich daraus ein zweiter Film.

Haben Sie bereits eine Gemeinde für den Testlauf ins Auge gefasst — vielleicht sogar aus der Zürichseeregion?
Es gibt auch Gemeinden der Seeregion, die sich beworben haben. Allerdings werde ich die Namen erst verraten, wenn die Wahl definitiv ist, denn ich möchte niemanden überrumpeln. Bald schon führen wir konkrete Gespräche mit vier Gemeinden. Diese Interviews mit den Gemeinderäten werden einen ersten Teil unseres Films sein.

Und wie soll das Experiment überhaupt finanziert werden?
Für mich gibt es drei Optionen: Erstens ein Crowdfunding. Zweitens will reiche Schweizer ins Boot holen und drittens denke ich an ein Sponsoring durch Schweizer Firmen. Schon allein deswegen, weil bei der Abstimmung über 500 000 Menschen Ja gesagt haben, bin ich überzeugt, dass wir es schaffen, das Experiment zu finanzieren. Wenn jeder Ja-Stimmende 20 Franken spendete, hätten wir 10 Millionen zusammen.

Erstellt: 18.03.2018, 13:55 Uhr

Zur Person

Mit der Adliswiler Produktionsfirma Catpics gleist die Regisseurin Rebecca Panian den Dokumentarfilm «Humanity Reloaded» auf. Ein Film über das bedingungslose Grundeinkommen und die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Schon vor Drehbeginn sorgte das Projekt von drei Frauen – neben Panian die Adliswiler Produzentin Sarah Born und ihre Assistentin Theresa Berres – für grosses Aufsehen. Panian ist seit 2006 Regisseurin. Ihr Erstling «Zu Ende leben» gewann den Audience Award am Zurich Film Festival. Die 39-Jäh­rige hat als TV-Redaktorin in der Welt des Films Fuss gefasst. Sie absolvierte den Master in Spielfilmregie an der ZHDK und den Bachelor in Journalismus an der ZHAW, an der sie seither als Filmverantwortliche tätig ist. aes

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