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Es ginge gar nicht mehr ohne die Grosseltern

Wie sich die Bedeutung der Grosseltern in denletzten 150 Jahren gewandelt hat, war das Thema eines Referats von Heidi Witzig. Die Historikerin kam in Zollikon auch darauf zu sprechen, dass sich Abhängigkeitsverhältnisse gedreht haben.

Heidi Witzig wusste nicht nur aus historischer, sondern auch aus persönlicher Sicht, worüber sie in Zollikon sprach: Sie ist nämlich selbst Grossmutter.
Heidi Witzig wusste nicht nur aus historischer, sondern auch aus persönlicher Sicht, worüber sie in Zollikon sprach: Sie ist nämlich selbst Grossmutter.
Sabine Rock

Unter den Zuhörern, die das Referat der bekannten Autorin Heidi Witzig am Donnerstag in Zol­likon besucht haben, mögen auch die einen oder anderen Grosseltern gewesen sein. Das gehobene Alter der gut 30 Besucher spräche zumindest dafür, aber auch das Thema. Sie folgten ­nämlich einer Einladung zum Themenabend «Grossmütter/Grossväter ­– müssen – dürfen – wollen». Organisiert hatte die ökumenische Arbeitsgruppe «Lebensfragen. Schritte ab 60» die Veranstaltung im reformierten Kirchgemeindehaus.

Sowohl mit ihrer leidenschaftlichen Art, mit der sie ihre Erkenntnisse vortrug, als auch mit ihrer ausladenden Gestik und ihrem Humor nahm die Referentin das Publikum schnell für sich ein. Zu Beginn warf Witzig einen Blick zurück: Als Erstes fragte die 73-Jährige danach, wie früher die Leitbilder zum Alter ausgesehen haben. «Das lange Zeit allein vorherrschende kirchliche Bild hat das Alter in einem positiven Licht gezeigt, in dem die alten Menschen dem Himmel näher als die Jungen gewesen sind», führte Witzig aus. Für sie sei der Himmel bereits ein Stück weit offen. Im 19. Jahrhundert sei dann das konkurrierende Leitbild der Naturwissenschaften aufgekommen und habe das Alter als Zeit des Zerfalls beschrieben.

Die damals «Alten» seien im Normalfall von ihren erwachsenen Kindern abhängig gewesen, die sich um ihre Eltern kümmern mussten, sobald diese nicht mehr arbeitsfähig waren. Die Jungen mussten die Alten zu sich nehmen und im besten Fall kamen sie miteinander einigermassen aus. Die Grosseltern wiederum konnten noch irgendwie in der Kinderbetreuung oder im Haushalt nützlich sein. Im schlimmsten Fall waren die Alten pflegebedürftig und stellten für die Jungen eine grosse Belastung dar.

Alter als Zeit der Versöhnung

Vieles hat sich seitdem verändert. Wir werden älter, bleiben länger gesund und sind mobiler. Neben den beiden konkurrierenden Leitbildern der Kirche und der Naturwissenschaft gebe es inzwischen viele weitere, stellt die Historikerin fest. Heidi Witzig selbst vertritt das Bild vom Alter als Zeit der Versöhnung mit seiner Biografie. Es gehe darum, ­zurückzublicken und Ja zum eigenen Leben zu sagen, mit allen Fehlern und Schicksalsschlägen, die passiert sind.

Die Schere zwischen Arm und Reich gehe gerade bei den älteren Menschen heute enorm auseinander, fuhr die Historikerin fort. Es gibt sehr viele sehr Reiche, aber auch viele Armutsbetroffene, insbesondere Frauen, die oft keine zweite Säule und nur eine schlechte AHV haben.

Heute seien die meisten älteren Menschen aber nicht mehr auf die Jungen angewiesen, oft sei sogar das Gegenteil der Fall. Oft sind etwa die berufstätigen Kinder bei der Kinderbetreuung auf die Hilfe der Grosseltern angewiesen oder brauchen finanzielle Hilfe, um etwa ein Eigenheim erwerben zu können. Die Beziehungspflege zwischen den Generationen sei dementsprechend eine grosse und wichtige Herausforderung, stellte Heidi Witzig fest. Unterschiedliche Werthaltungen und Lebensmodelle treffen aufeinander, was zu Konflikten führen kann. Zudem würden oft sehr hohe Erwartungen an die Grosseltern gerichtet. «Hier ist es wichtig», sagte Witzig, «dass die Grosseltern offen mit ihren Kindern sprechen und die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen lassen.»

Geschenk für Grossväter

Viele der angesprochenen Fragen beschäftigen offensichtlich auch das Publikum. Nein sagen zu können, sei gar nicht immer einfach. «In der heutigen Situation ginge es ja gar nicht ohne uns, so viel, wie die Jungen heute arbeiten müssen», sagte ein Anwesender. Zum überwiegenden Teil erleben die Frauen und Männer ihre Rolle als Grosseltern und die gemeinsame Zeit mit ihren Enkelkindern als grosse Gunst, wie sie erzählten. Insbesondere für viele Grossväter sei es ein besonderes Geschenk, ihre Enkel beim Aufwachsen beobachten zu können, weil sie dies bei den eigenen Kindern vielleicht verpasst haben.

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