Wochengespräch

Er ist der Schutzherr über 300'000 Gebäude

Lars Mülli kennt den Gebäudeschutz in Theorie und Praxis: Als Direktor der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (GVZ) und als Ausbildungschef der Feuerwehr Zollikon. Brandkatastrophen wie in London oder die im Sommer hohe Gefahr von Unwettern beschäftigen ihn daher doppelt.

Lars Mülli will, dass die Gebäudeversicherung und die Feuerwehren im Kanton Zürich  immer auf der Höhe ihrer Aufgaben sind, um Menschen und Häuser vor Schaden zu schützen.

Lars Mülli will, dass die Gebäudeversicherung und die Feuerwehren im Kanton Zürich immer auf der Höhe ihrer Aufgaben sind, um Menschen und Häuser vor Schaden zu schützen. Bild: Michael Trost

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Was haben Sie bei den Bildern vom lichterloh brennenden Hochhaus in London gedacht? Lars Mülli: Ein fatales Ereignis... Ich habe mir die Bilder aus der Sicht des Brandschutzes und der Feuerwehr angesehen. Dort hätte ich hätte nicht Einsatzleiter sein wollen. Ich habe auch gestaunt, wie lange die Feuerwehrleute ins brennende Hochhaus reingegangen sind.

Könnte sich ein solcher Brand auch in Zürich ereignen? Offenbar war in London die Fassade brennbar. Das könnte bei uns nicht passieren, da nur nichtbrennbare Fassaden zulässig sind. Hier sind auch Sicherheitstreppenhäuser mit Überdruck gegen eindringenden Rauch, Feuerwehraufzüge und Innenhydranten bis ganz nach oben Vorschrift. Der Brand hätte daher bei uns nicht so geendet.

Bei Nachrichten über Feuersbrünste und Naturkatastrophen in der Welt: Stellen Sie sich dann automatisch die Frage «Was, wenn das bei uns passiert»? Ja, das tue ich. Sich vorzustellen, was solche Ereignisse für uns bedeuten könnten, heisst auch immer präventiv zu denken und sich zu überlegen, ob es sinnvolle und wirtschaftliche Gegenmassnahmen dafür gibt. Damit meine ich Massnahmen, die dem Risiko gerecht werden und pro investierten Franken auch mindestens ein Franken Risikoreduktion ergeben. Ein gutes Beispiel sind Brandmelder im Wohnbereich: Eine Studie der ETH hat klar aufgezeigt, dass mehr investiert werden müsste als das Risiko verringert würde. Darum wurde auf ein Obligatorium verzichtet. Aber zur persönlichen Vorsicht empfehlen wir Brandmelder.

Wie reagieren Sie zuhause bei einem nahenden Gewitter? Soweit möglich verstaue ich draussen die Gegenstände sicher. Die Storen kommen – ganz wichtig – hoch und nicht runter. Moderne Fenster ertragen viel mehr als Storen. Dünne Lamellenstoren gehen schon bei einem etwas kräftigeren Hagelschlag kaputt. Am besten wäre es, nur Storen der Hagelschutzklasse 3 zu verwenden. Verlangen können wir das aber mangels Rechtsgrundlage nicht.

Sind der GVZ baurechtlich die Hände gebunden? Es wird heute leider oft auf gesetzlichem Minimum gebaut. Mit der Elementarschadenprävention versuchen wir die Bauherren zu sensibilisieren. Die GVZ vergütet ja nur den Schaden, die Umtriebe bleiben dem Bauherrn.

Machen Sie sich auch im Privatleben ein Bild über Gefahren? Ich laufe mit offenen Augen durch Gebäude. Besonders in Hotels und Veranstaltungsstätten schaue ich sofort, wo der nächste Fluchtweg ist. Schon in den eigenen vier Wänden ist es schwierig, den Ausgang zu finden, wenn alles verraucht ist.

Was heisst es für Sie, Direktor einer Versicherung zu sein, die über alle Dächer im Kanton Zürich schützend ihre Hand hält? Es macht mich stolz, die GVZ leiten zu dürfen. Gleichzeitig ist damit auch eine grosse Verantwortung verbunden, die ich gerne trage. Das System der Gebäudeversicherungen ist einmalig. Bei uns fliessen die drei Elemente Prävention, Intervention und Schadenregulierung zusammen. Damit kann ein Optimum für die Eigentümer und alle im Kanton Zürich wohnenden und arbeitenden Menschen bezüglich Sicherheit im Gebäude erreicht werden. Dies bedeutet natürlich auch, dass die Arbeit bei der GVZ sehr sinnstiftend und befriedigend ist.

Rund 300 000 versicherte Gebäude im Kanton Zürich und nur 120 feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Wie geht das auf? Wir konzentrieren uns auf unsere Kernaufgaben in den Bereichen Brandschutz, Feuerwehr und Versicherung. Die Wirtschaftlichkeit ist auch für ein nichtgewinnorientiertes Unternehmen wie die GVZ zentral. Im administrativen Bereich hilft uns sicher auch die Einheitsprämie von 32 Rappen pro 1000 Franken versichertes Kapital. Bei einem Einfamilienhaus, das für eine halbe Million Franken Neuwert versichert ist, kostet die Jahresprämie somit nur 160 Franken. Die GVZ ist die günstigste Gebäudeversicherung in der Schweiz.

Kann die GVZ das Risiko bei fast einer halben Billion Franken Versicherungswert überblicken? Das können wir sehr gut dank einem angemessenen Risiko Managementsystem und fundierten internen und externen Grundlagen zur Einschätzung der Risiken. Ausserdem wenden wir jährlich freiwillig den Swiss-Solvency-Test an, ein Werkzeug der Eidgenössischen Finanzmarkt-aufsicht Finma. Das erlaubt uns, die vorhandenen Risiken mit unseren Reserven und unserer Rückversicherung abzustimmen.

Der politische Druck zum verdichteten Bauen erhöht die Wertkonzentration: Bereitet Ihnen das Kopfzerbrechen? Nein, das ist schliesslich unser Geschäft, das Veränderungen unterworfen ist. Mit den Brandschutzvorschriften wird grundsätzlich das Ziel verfolgt, dass sich Brände nur begrenzt ausdehnen können. In grösseren und höheren Gebäuden steigen auch die Anforderungen. Sind diese umgesetzt, bleibt auch ein Schaden überschaubar. Bei Elementarschäden ist die Situation etwas anders einzuschätzen. Mehr Fassadenflächen und vor allem auch mehr genutzte Tiefgeschosse bringen höhere Risiken mit sich. Damit müssen wir uns befassen. Zum Beispiel mit dem Projekt «Storen hoch – einfach automatisch»: Damit unterstützen wir ein neues System, das bei einer Gewitterwarnung automatisch alle Storen eines Gebäudes hoch zieht und damit das Risiko von Hagelschäden verringert.

Drängen sich wegen der Schadenereignisse und Erfahrungen neue Bauvorschriften auf? Aktuell nicht, auch die jüngsten Ereignisse in London zeigen, dass wir beispielsweise bei Hochhäusern mit unseren Vorgaben gut aufgestellt sind. Im Hinblick auf die für 2025 anstehende Revision der Brandschutzvorschriften werden wir uns noch mehr auf die echten Risiken konzentrieren und prüfen, wo Anpassungen angezeigt sind. Diese werden tendenziell in Richtung Erleichterung in den Vorgaben gehen. Aber aufgrund von neuen Erkenntnissen muss auch geprüft werden, ob Verschärfungen notwendig sind.

Welche Anpassungen müssen die Feuerwehren vornehmen, um stets auf der Höhe Ihrer Aufgabe zu bleiben? Wir müssen darauf achten, dass wir das sehr gut funktionierende Milizsystem aufrechterhalten können. Dafür ist die enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden notwendig. Auch die Arbeitgeber müssen weiter sensibilisiert werden, dass freiwillige Feuerwehrleute aufgrund von Kursen oder Einsätzen nicht nur durch Abwesenheit glänzen, sondern für eine Firma durch ihr Wissen und ihre Erfahrung einen grossen Mehrwert bedeuten. Wegen der Pendler ist die Tagesverfügbarkeit bei Alarmen heute eine Herausforderung. Daran müssen wir arbeiten, auch weil ein Berufsfeuerwehrsystem im Kanton Zürich ungefähr dreimal so teuer käme.

Was bedeutet Ihnen der Dienst in der Feuerwehr Zollikon? Er bedeutet mir viel, weil ich den Menschen direkt helfen kann. Ich schätze die Kameradschaft –füreinander da zu sein, miteinander zu arbeiten. Das ist zu 100 Prozent sinnstiftend.

Leisten Sie also in der Freizeit Präventionsarbeit für die GVZ? Ich war zuerst in der Feuerwehr und bin dann erst in den Brandschutz reingerutscht. Beides befruchtet sich gegenseitig und die Erfahrungen in der Feuerwehr haben mir als Leiter Brandschutz in der GVZ enorm geholfen. Für mich ist Brandschutz nicht nur Theorie. Darum absolvieren auch alle Mitarbeiter der Abteilung Brandschutz in der GVZ den Feuerwehr-Grundkurs. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 25.06.2017, 13:42 Uhr

Zur Person

Lars Mülli (43) ist verheiratet und Vater zweier Töchter im Primarschulalter. Mit Ausnahme von vier Jahren in Basel lebt er seit seiner Geburt in Zollikon. Hier ist er Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und derzeit deren Ausbildungschef.
Der Bauingenieur ETH besitzt das Diplom HSG Executive MBA und ist seit Mitte April Direktor der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich. Die GVZ versichert alle Gebäude im Kanton gegen Feuer- und Elementarschäden und engagiert sich zum Schutz von Personen und Sachwerten in der Prävention. 2016 betrug der Schadenaufwand 43,7 Millionen Franken. di

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