Wochengespräch

«Ein Tierpark bildet den Wandel in der Mensch-Tier-Beziehung ab»

Karin Hindenlang Clerc ist Geschäftsführerin der Stiftung Wildnispark Zürich. Die Verhaltensforscherin sieht kein Problem darin, Wildtiere in Menschenobhut zu halten – wenn Mensch und Tier einander auf Augenhöhe begegnen.

Umgestürzte Bäume mitsamt Wurzeltellern prägen den Sihlwald: Das freut Karin Hindenlang.

Umgestürzte Bäume mitsamt Wurzeltellern prägen den Sihlwald: Das freut Karin Hindenlang. Bild: Manuela Matt

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Sie sind Verhaltensforscherin und haben viele Tiere in Freiheit beobachtet. Wie ist es für Sie, Wildtiere in Gehegen zu sehen?
Karin Hindenlang: Ich nehme mir gerne Zeit, Tiere zu beobachten. Ich bin regelmässig im Wald unterwegs und beobachte beispielsweise Hirsche am Unter­albis. Es freut mich zu sehen, dass unsere Hirsche im Langenberg ähnliche Verhaltensweisen zeigen wie ihre Artgenossen in Freiheit.

Trotzdem: Ein Tier in Freiheitzu sehen ist etwas ganz anderes als eines in einem Gehege.
Das ist richtig. Wenn wir Wild­tiere in Menschenobhut halten, müssen wir ihnen eine Umgebung bieten, die es ihnen ermöglicht, möglichst ihr gesamtes natür­liches Verhalten zu zeigen. Dann dürfen wir von artgerechter Haltung reden.

Im Langenberg bemühen Sie sich darum, die Tiere interessant zu füttern, ihnen also das Futter beispielsweise zu verstecken. Wie wichtig ist Nachwuchs?
Partnersuche, Paarung und Jungtieraufzucht sind wichtige Bestandteile des natürlichen Verhaltens. Deshalb gehört das Zulassen der Fortpflanzung für uns zu einer artgerechten Haltung. Wenn wir den Tieren die Fortpflanzung verwehren, wird es schwierig, sie genügend zu beschäftigen.

Dadurch wird aber eine Bestandesregulierung nötig: Entweder Sie finden Plätze für die Jungen, oder sie müssen getötet werden.
Ja, das gehört bei uns dazu. Wir versuchen, für alle Jungtiere gute Plätze zu finden. In den letzten Jahren ist uns dies gut gelungen. Dass wir alle drei Jungbären platzieren konnten, freut uns riesig. Bei den Hirschen und Wildschweinen, die viele Junge haben, ist das aber unmöglich. Wir verwerten ihr Fleisch bei uns im Restaurant. Das ist gesellschaftlich akzeptiert.

Was löst es in Ihnen aus,wenn Sie einen Jungbären töten lassen müssen?
Das Töten ist bei uns immer die letzte Möglichkeit. Wenn wir keinen guten Platz finden können. Ich könnte weniger gut damit leben­, ein Tier in schlechten Verhältnissen zu wissen, als es töten zu lassen.

Wie würden Sie die Entwicklung im Bereich Tierhaltung im Langenberg beschreiben? Immerhin ist der Tierpark 149 Jahre alt.
Sie ist enorm. Nehmen wir das Bärengehege. Es zeigt exemplarisch, inwieweit ein Tierpark auch den Wandel der Mensch-Tier-Beziehung abbildet. Anfänglich wurden die Bären im Langenberg den Besuchern in Ketten vorgeführt, dies im Graben unten. Das heisst, die Menschen haben auf die Bären hin­untergeschaut. Später, noch im alten Gehege, wurde eine Plattform gebaut, die Bären wurden wenigstens auf Augenhöhe angehoben. In der neuen, naturnahen Anlage können die Tiere nun entscheiden, wann sie sich den Besuchern zeigen wollen.

Inwieweit sind die Besucherfür die Tiere ein Stressfaktor?
So lange die Besucher sich an die Regeln halten, sind sie für die Tiere­ durchaus eine willkom­mene Abwechslung. Sie reagieren auf die Menschen. Die Przewalski-Pferde galoppieren teils über die Weide, um sich in Szene zu setzen; junge Hirsche spielen Verstecken im hohen Gras. Stress entsteht erst dann, wenn die Besucher­ sich falsch verhalten.

Welche Art von Fehlverhalten stellen Sie fest?
Es kommt immer wieder vor, dass Kinder Steine werfen. Oder dass Besucher Tiere bewusst oder unbewusst füttern.

Ist es nicht unfair, Tiere in einem Gehege Stress auszusetzen?
Wir setzen unsere Tiere keinem ungesunden Stress aus. Natürlich gibt es in jedem Tierleben immer wieder Stresssituationen, sei es in Freiheit oder in der Anlage. Dies ist nicht per se schlecht. Alle Wildtiere haben ein angeborenes Verhalten, wie sie mit solchen Situationen umgehen können.

Der Langenberg ist nur ein Teil des Wildnisparks Zürich. Der andere ist der Sihlwald. Seit 2009 darf sich dieser Naturerlebnispark nennen. Was ist Ihre Erfahrung mit dem nationalen Label?
Der Naturerlebnispark ist ein Er­folgs­projekt. Der Kanton Zürich hat es geschafft, eine Schutzverordnung auszuarbeiten, mit der die verschiedenen Interessengruppen leben können. Die Stiftung setzt diese mit einem professionellen Management um und ermöglicht es den Besuchern, die Entwicklung des Sihlwalds zu einem Naturwald mitzuerleben.

Die Schutzverordnung ist aber teilweise umstritten. Biker und Reiter haben sich gegen die eingeschränkte Wegnutzung gewehrt.
Das stimmt. Neben den Parkbesuchern gibt es auch die Anwohner, die den Wald vor ihrer Haustüre seit eh und je nutzen zum Spazieren, Joggen, Velofahren, Reiten. Und plötzlich taucht die Idee eines Naturwalds auf, in dem nicht mehr alles möglich ist, um der Natur mehr Freiraum zu lassen. Das funktioniert nur, wenn der Mensch bereit ist, einen Schritt zurückzumachen.

Dieser Schritt zurück, das Reit- und Veloverbot in der Kernzone, hat für Unmut gesorgt.
Ja. Und ich habe Verständnis für dieses Anliegen. Wichtig ist es, mit den Betroffenen das Gespräch und gemeinsam eine Lösung zu suchen. Die vor zweieinhalb Jahren festgesetzte Revision der Schutzverordnung hat viele Anliegen von Nutzenden aufgenommen.

Wie wirkt sich das allesauf den Wald aus?
An vielen Orten ist erlebbar, wie sich der ehemalige Nutzwald zu einer Wildnis entwickelt, seit kein Holz mehr geschlagen und das Totholz liegengelassen wird. Bereits konnten wir etwa die Zitronen­gelbe Tramete nach­weisen, ein knallgelber Pilz, der nur wächst, wo die Natur ursprünglich ist.

Im Sihlwald erobert die Natur sich Lebensraum zurück. Für wie möglich halten Sie die Rückkehr von Wolf, Luchs und Bär in den Sihlwald?
In der Schweiz sind die Grossraubtiere bereits zurück. Der Sihlwald ist für Wolf, Luchs und Bär zu klein. Aber auf ihrer Wanderung Richtung Vogesen ziehen wohl Wölfe durch den Sihlwald, ohne dass wir es merken. Rothirsch und Fuchs machen es vor – sie haben sich mit den Gegebenheiten im Raum Zürich arrangiert. Gerade für Wölfe ist das Nahrungsangebot besser denn je, gibt es doch wieder viele wild ­lebende Huftiere. Limitierend sind die Zerstückelung der Lebens­räume durch Strassen und Bahnlinien sowie die mangelnde Akzeptanz des Menschen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 29.07.2018, 14:49 Uhr

Zur Person

Karin Hindenlang Clerc (52) ist diplomierte Zoologin und besitzt­ langjährige Forschungs- sowie­ Führungserfahrung in der Stadtzürcher Verwaltung. So leitete sie etwa sieben Jahre den Geschäftsbereich Natur­förderung bei Grün Stadt Zürich. Für die Stiftung Wildnispark Zürich ist sie seit 2008 tätig, bis 2010 als Mitglied des Stiftungsrats, danach vier Jahre als dessen Präsidentin. 2014 hat sie auf die operative Seite gewechselt und die Geschäftsführung übernommen. Sie lebt im Aeugs­tertal, ist verheiratet und hat drei Hunde, die sie als Lawinen- und Jagdgebrauchs­hunde ausbildet. (sis)

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