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Ein Konzert vollends im Dunkeln

In der Alten Fabrik nahmen die Tessiner Musiker Sandro Schneebeli und Max Pizio mit ihren über vierzig Instrumenten das Publikum auf eine fantastische Klangreise in der Dunkelheit mit.

Als die beiden Musiker nach einer Stunde eine Kerze anzündeten, tauchte das Publikum aus einer anderen Welt aus.
Als die beiden Musiker nach einer Stunde eine Kerze anzündeten, tauchte das Publikum aus einer anderen Welt aus.
Symbolbild, Keystone

Sich einem blinden Platzanweiser anzuvertrauen, als Glied einer Polonaise in einen abgedunkelten Raum und zu seinem Platz geleitet zu werden, unterwegs die Orientierung zu verlieren, sich in völliger Finsternis auf einen Stuhl zu setzen und sich der Menschen links und rechts bewusst werden, ohne sie zu sehen – das ist nicht jedermanns Sache. Doch gut fünfzig Besucher – mehr wurden nicht zugelassen – wagten es in der Alten Fabrik in Rapperswil und wurden dank den Tessiner Musikern Sandro Schneebeli und Max Pizio um eine wunderbare Erfahrung reicher. Denn spätestens als die Gespräche im Raum verstummten, wurden sie von der Welt der Töne ganz in Beschlag genommen.

Klänge wecken Emotionen

Es war, als ob mit den visuellen Eindrücken auch eine Art Filter, durch den alle Geräusche normalerweise wahrgenommen werden, entfallen wäre, sodass diese nun unmittelbar bis ins Innerste eindringen konnten. Und zwar nicht nur über das Gehör, sondern auch über die Haut, indem man die Vibrationen spürte, über den Bauch, der zum Resonanzboden wurde – und vor allem auch über die Emotionen, die durch die Klänge geweckt wurden.

Töne begleiten den Menschen durch das ganze Leben: So ahmten Schneebeli und Pizio den Herzschlag der Mutter nach, wie ihn ein Embryo im Uterus wahrnehmen mag. Sie füllten den Raum mit Vogelgezwitscher und Meeresrauschen, sie entführten die Zuhörenden mit Glockengebimmel und Ziegenmeckern auf eine Alp.

Die beiden Musiker nahmen das Publikum auf eine musikalische Weltreise mit– auf den Balkan, nach Indien, China, in die USA, nach Afrika, Südamerika – und ebenso auf eine Zeitreise. Denn immer und überall, wo sich Menschen zusammenfinden, wird musiziert, und zwar auf höchst vielfältige Weise: wehmütig, lieblich, tänzerisch und jazzig, irdisch sowie sphärisch – und witzig: Beim Dialog der Vögel wurde die andächtige Stille durch Lachen unterbrochen.

Wie Sinne geschärft werden

Und obwohl sich alles im Stockfinstern abspielte, wird der Raum kaum je so voll von farbigen Bildern gewesen sein wie während dieses Konzerts, denn die Klänge kreierten wohl in allen Anwesenden je ganz eigene Szenen. Unglaublich, wie kreativ die Menschen sind, wenn sie gezwungen werden, sich zu fokussieren! Und wenn einer der Sinne wegfällt, werden die anderen automatisch geschärft – auch das eine Erfahrung, die man so leicht nicht vergessen wird.

Als Sandro Schneebeli und Max Pizio nach über einer Stunde zwei Kerzen anzündeten, tauchten die Anwesenden aus einer anderen Welt auf. Sie schauten sich neugierig um und staunten über die mehr als vierzig Instrumente in ihrer Mitte, welche die Musiker blindlings bedient hatten und die ihnen nun vorgestellt wurden: die Blasinstrumente, die Gitarren und die Ethno-Instrumente aus aller Welt w ie etwa die Sansula, deren zarter, glockiger Ton bezauberte.

Die wunderbare Klangreise im Dunkeln wird in den Besuchern noch lange nachklingen, nicht zuletzt, indem viele ihre eigene Wahrnehmung neu entdeckt haben. Einmal ganz Ohr zu sein – das ist wohltuend. Doch anders als für die blinden Platzanweiser war es für sie nur ein zeitlich begrenztes Experiment.

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