Eisenbahn

Ein Jubiläum, das fast vergessen ging

Die rechtsufrige Bahnlinie ist 125 Jahre alt. Das Jubiläum wurde am Sonntag entlang der ganzen Strecke mit Bahnhofsfesten und Nostalgiefahrten gefeiert – mit einer Ausnahme. Für Herrliberg war es auch eine Versöhnung mit der Geschichte.

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Das Blatt der Geschichte hat sich gewendet. Am 14. März 1894 fand das grösste Fest zur Einweihung der rechtsufrigen Bahnlinie in Rapperswil statt. In Herrliberg hingegen flogen Steine auf den Eröffnungszug, aus Wut, weil ihr Bahnhof auf Meilemer Boden gebaut wurde.

Zum 125-Jahr-Jubiläum am Sonntag übernahm ausgerechnet Herrliberg die Regie, während Rapperswil – im Gegensatz zu allen Gemeinden am rechten Ufer – auf jegliche Festivitäten verzichtete.

Alt trifft auf Neu

Nostalgie dominierte das Jubiläum, das mit Festbeizli, Bahnausstellungen, kulturellen Vorführungen, Kutschen- und Oldtimerbusfahrten sowie mit Attraktionen für die ganze Familie gefeiert wurde. Zwischen Zürich und Rapperswil luden ein über 100 Jahre alter Dampfzug mit harten 3.-Klasse-Wagen und der Elektro-Triebwagen Wyländerli aus den Fünfzigerjahren mit extrem weichen Sitzen zu Gratis-Extrafahrten ein.

Das Wyländerli unterwegs am rechten Seeufer. Video: Christian Dietz-Saluz.

Den modernen Gegenpol bildete der neue Fernverkehrs-Doppelstockzug Dosto, den man bisher vor allem aus den Medien als «Problemzug» kennt. Der Dosto passte gut zur Knorzgeschichte der rechtsufrigen Bahn. Die kam erst 1870 aufs Tapet, als die Schweiz bereits von Schienen durchzogen war. Am linken Ufer war der Bau der Linie fast vollendet, während auf der anderen Seeseite mangels Geld bei der damaligen Nordostbahn jahrelang nichts weiterging. Auch verzögerten Streitereien um die Lage des Bahnhofs in Küsnacht sowie der «Fall Herrliberg» die Bauarbeiten.

«Lebensader der Goldküste»

Am 14. März 1894 rollte endlich der Eröffnungszug von Stadelhofen nach Rapperswil. Überall wurde er mit Musik, Ansprachen und Wein empfangen – bis auf Herrliberg, wo Steine und brennende Torffackeln flogen. Der Eklat ging als «Herrliberger Eisenbahnkrawall» in die Geschichte ein, drei Männer kamen für zwei Monate ins Gefängnis.

Ein historischer Dampfzug bei der Ankunft in Herrliberg-Feldmeilen – diesmal ohne Proteste. Video: Christian Dietz-Saluz.

Solche Episoden bildeten am Sonntag das Gerüst des Festaktes im ehemaligen Güterschuppen des Bahnhofs Herrliberg-Feldmeilen, der vom Herrliberger Gemeindepräsidenten Gaudenz Schwitter (FDP) moderiert wurde. SBB-Regionenchef Urs Arpagaus bezeichnete die rechtsufrige Linie als «Lebensader» der Goldküste. Spätestens 1968, als hier die erste Bahnstrecke der Schweiz mit Taktfahrplan eingeführt wurde, sei sie «von der Vororte- zur Vorzeigelinie der SBB» geworden.

Der Meilemer Gemeindepräsident Christoph Hiller (FDP) brachte auch eine ernste Botschaft an. Die SBB sollten das Problem der auf dem Wendegleis abgestellten «Schnarchzüge» beheben, weil sie die Anwohner übermässig strapazierten.

Stäfa 1933 und heute: Die Bahn als (fast) einzige Konstante Vorher/nachher: Ziehen Sie den Slider in der Mitte nach links und rechts, um den Unterschied zu sehen. Bild: PD/Patrick Pfenninger

Sofort Feuer und Flamme

Dass das Jubiläum überhaupt gefeiert wurde, ist dem Zufall zu verdanken. Der Herrliberger Gemeindeschreiber Pius Rüdisüli und der ehemalige Uetiker Bahnhofsvorstand Hansruedi Knopf stellten im Frühling fest, dass seit 125 Jahren Züge am rechten Ufer fahren und niemand davon Notiz nimmt.

Das dürfe nicht sein, sagten sie sich. Rüdisüli gewann sofort seinen Gemeinderat mit der Idee eines Festes. Nachdem auch die SBB begeistert zugesagt hatten, wurde ein OK mit allen Gemeinden entlang der Linie gegründet.

Nur Rapperswil scherte bereits nach der ersten Sitzung aus. «Sie hätten schon zu viele Anlässe», sagt Rüdisüli mit Bedauern. Ob dort am Sonntag Steine geworfen wurden, aus Wut, weil den Bahnfreunden ein grosses Jubiläumsfest vorenthalten wurde, ist nicht bekannt.

Erstellt: 29.09.2019, 21:08 Uhr

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