Rapperswil-Jona

«Ein interessantes, ­ aber risikoreiches Business»

Vor fünf Jahren übernahm Christian Meier die beiden Rapperswiler Kinos. Der Unter­nehmer spricht unter anderem darüber, war­um er das Kino nicht als Auslaufmodell sieht.

«Wir können es uns nicht leisten, keine Top-10-Filme zu zeigen, sagt Betreiber Christian Meier. Am Sonntag wird der Gottesdienst aus der nahen Freikirche im Prisma in den Saal übertragen.

«Wir können es uns nicht leisten, keine Top-10-Filme zu zeigen, sagt Betreiber Christian Meier. Am Sonntag wird der Gottesdienst aus der nahen Freikirche im Prisma in den Saal übertragen. Bild: Michael Trost

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2010 haben Sie das Kino ­Leuzinger und das Schlosskino in Rap­pers­wil übernommen. Würden Sie sich heute nochmals dar­auf einlassen? Christian Meier: Auf jeden Fall. Ich habe den Betrieb zwar als Quereinsteiger übernommen – zuvor kannte ich das Kino bloss als Kinogänger. Aber ich konnte verhindern, dass die Kinos am 1. Januar 2011 geschlossen wurden. Das ­wäre für das Freizeitangebot in ­ der Stadt und für mich persönlich ein herber Verlust gewesen.

Wo stehen Sie mit dem Unternehmen heute? Wir haben gute Beziehungen ­ zu den Verleihern, schreiben schwarze Zahlen und können inves­tieren. Das Ziel, ein Prozent der Deutschschweizer Besucher nach Rap­pers­wil zu holen, haben wir noch nicht ganz erreicht – im Moment liegen wir bei 0,85 Prozent. Personell musste ich zunächst stark abbauen, von 28 auf ­ 11 Angestellte. Inzwischen hat ­ das Unternehmen wieder 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 2010 war unsere Position erstaunlich schlecht, der Draht zu einigen Filmverleihern nicht besonders gut. Viele Leute aus der Stadt besuchten andere Kinos, vor allem wohl in Zürich. Im Kino Leuzinger standen 2010 noch zwei 60 Jahre alte 35-Millimeter-Projektoren ­ in der Operateurkabine, die Leinwand hatte einen grossen Flecken, und es gab kein Popcorn. Beide ­Kinos haben wir digitalisiert und modernisiert.

In welchem Ausmass ­ bestimmt die Gewinnorientierung das Programm? Mit unseren zwei Leinwänden in zwei verschiedenen Häusern sind die Personal- und Mietkosten derart hoch, dass wir konsequent die richtigen Filme im Programm ­haben müssen. Wir können es uns nicht leisten, einen Film im Kino laufen zu lassen, der sich am ersten Wochenende nach der Premiere nicht als Top-5-Film erweist. Seit der Digitalisierung kann jedes Kino jederzeit jeden Film zeigen. Jeden Montag­mor­gen analysieren wir nach dem Startwochenende genau, wie die Filme am Wochenende liefen – vergleichen mit Deutschland und den USA. Und wechseln rasch ­Filme aus, die unter den Erwartungen blieben.

Kommen die Verleiher nach Belieben den kurzfristigen Wünschen der Kinobetreiber nach? Manchmal kommt es zu har­ten Verhandlungen. Wenn drei ­etwa gleich starke Filme von drei unterschiedlichen Verleihern ange­laufen sind, streiten diese um ­die Präsenz auf den Rappers­wiler Leinwänden im Hauptprogramm. Dann wird zuweilen auf die langjährige Partnerschaft gepocht. ­ Als Kinobetreiber will man es sich mit niemandem verderben. Trotzdem enttäuscht man immer wieder Leute. Es ist ein interessantes, aber risikoreiches Business. Reich wird man damit nicht. Ticket­verkauf und Kinowerbung sind nur ein Teil der Einnahmen. Popcorn und sonstige Verpflegung sind ebenfalls wichtig, ebenso die Events. Wir sind noch daran, dieses Standbein weiter aufzubauen.

In den letzten fünf Jahren ­haben Sie in Sachen Events eini­ges ausprobiert. Was hat funktioniert, und was nicht? Was sehr gut läuft, ist das ­Frauenkino. Mit der Auslagerung an einen Verein ist das inzwischen institutionalisiert. Anklang fin­den auch die Biker und die Wes­tern Nights, auch die Reihe «Schwei­-zer Filme und ihre Macher» ist uns wichtig. Nur allzu gut haben die Single-Events funktioniert (lacht).

Inwiefern? Am ersten Anlass hatten wir ­ über 100 Leute im Kino. Dar­auf haben sich so viele Paare gebildet, dass an den Folgeveranstaltungen immer weniger Singles kamen. Was uns nie gelang: Englisch­spra­chige Filme beliebt zu machen. Dass man sich Mainstream-Filme in synchronisierter Fassung anschaut, ist schweiz­weit ein ­Trend. Vielleicht sind Filme in den letzten Jahren etwas dialoglastiger und schneller geworden. Jedenfalls liest das Publikum nicht ­gerne Untertitel.

Sie haben auch in die 3-D-­Technologie investiert. Hat es sich gelohnt? Jeder neue Animationsfilm kommt inzwischen in 3-D her­aus. Dreidimensionale Filme haben heute ihren festen Platz im An­gebot. Immer, wenn eine Szene ­ in der Luft oder im Welt­raum spielt, ist die dritte Dimen­sion spannend. Ins Kino geht man, ­ um einen Film zu erleben, nicht nur um zuzusehen. Deswegen glaube ich, dass das Kino trotz ­Video on Demand, Internet und TV-Serien weiterhin einen bestimmten Stellen­wert haben wird. Es geht um Gemeinschaft. Einen Film gemeinsam mit anderen ­ auf grosser Leinwand zu erleben, wird immer das stärkere Erleb­- nis bleiben.

Landläufig heisst es, dass eine jüngere Generation sich ja nicht einmal mehr fürs Fernsehen inter­essiert, sondern nur noch You­tube schaut. Wird das Kino da nicht je länger, je mehr zur Nische? Chabis. Vielleicht schauen die Jun­gen nicht mehr fern, aber sie kommen nach wie vor ins Kino. Weil es einfach cooler ist. Wie stark das Gemeinschaftserlebnis sein kann, sieht man immer dann, wenn ein ganzer Saal nach der Vor­stellung applaudiert – obwohl weder Darsteller noch Regisseur im Kino anwesend sind. Das Kino an sich ist nicht in Gefahr.

Mit dem Ausbau des Kinos Leuzinger zur Kinobar haben Sie ins Kino als Treffpunkt investiert. Wie gut funktioniert das? Die Leute kommen gern etwas früher ins Kino und stimmen ­ sich gemeinsam auf den Film ein. Nach der Vorstellung bleiben die Leute nicht allzu lang im Kino. ­ An Werktagen wollen die Leute heim, am Wochenende gehen sie anschliessend in den Ausgang.

Als Sie vor fünf Jahren als ­neuer Kinobesitzer bekannt wurden, gab es Befürchtungen, Ihre Verbindung zur Freikirche im Prisma werde sich auf das Film­angebot auswirken. Das hat mich damals sehr amüsiert. Nach wie vor übertragen wir am Sonntag den Gottesdienst in den Kinosaal. Die Kirche im Prisma mietet jeweils den Saal. Zurzeit kommen zwischen 120 und 200 Besucher. Ich bezweifle, dass ich mit einer Matinee durchwegs ­solche Besucherzahlen erreichen würde. Insofern ist das auch finanziell für das Kino eine gute Sache.

Damals erweckte ein Zeitungsbericht den Eindruck, der Mystery-Thriller «Sennentuntschi» des Rapperswilers Michael Steiner werde nicht gezeigt, weil die Kirche darin schlecht wegkommt. Da wurde etwas hineininter­pretiert. Der Film lief 2010 an, ­ das war kurz vor meiner Zeit. ­In Tat und Wahrheit war damals ­ das Problem, dass der Verleiher streikte.

Seither zeigten Sie unter anderem «Fifty Shades of Grey»; mit «Der Kreis» steht ein Film über die Zürcher Schwulenszene in den 50er-Jahren auf dem Programm. Hat noch nie ein Film Sie in ein Dilemma gebracht? Es gibt praktisch keinen Film, dem ich nicht etwas Posi­ti­ves abge­winnen kann. Was den «Kreis» betrifft, so hat er mir ­geholfen zu verstehen, wieso ­ diese Szene heute zum Teil militant auftritt. Homosexuelle wurden über Jahre von Gesellschaft und Staat unfair behandelt. Dann begannen sie, ihre Grundrechte einzufordern. Natürlich ist mir das Thema von «Fifty Shades of Grey» persönlich nicht nah. Anderer­seits gehört er bislang ­ zu den fünf besucherstärksten ­Filmen in diesem Jahr.

Welche Erwartungen haben Sie generell für 2015? 2015 wird ein gutes Kinojahr. «Schellen-Ursli» ist mit über ­1100 Besuchern am ersten Wochen­ende sehr gut angelaufen. Er wird sich lange halten können. Bei «Honig im Kopf» und «Mignons» hatten wir je 5000 Zuschauer. Grosse Erwartungen setzen wir ­ in den neuen James Bond ­«Spectre». Und im Dezember folgt unter anderem «Star Wars».

Welche Pläne haben Sie ­ für die weitere Zukunft? Künftig wollen wir auch das Schloss­kino event­tauglich machen, was bauliche Mass­nah­men erfordert. Bevor wir das Geld ­ausgeben, müssen wir es aber ­zuerst verdienen. Dazu kommen Erneuerungsarbeiten. Der Verschleiss ist im Kino beträchtlich. Der rote Teppich in der Kino­bar hat sich innerhalb von drei Jahren abgenutzt. Der Mietvertrag für die Liegenschaften lief zunächst über fünf Jahre, nun haben wir ihn bis zum 31. 12. 2020 verlängert. Mal schauen, ob wir danach nochmals fünf Jahre anhän­gen.

Erstellt: 24.10.2015, 10:40 Uhr

Über Christian Meier

Der heute 51-jährige Chris­tian Meier wuchs in Rap­pers­wil- Jona auf – und damit auch mit den beiden traditionellen Kinos. Als sich 2010 innerhalb ­ der bisherigen Betreiberfamilie keine Regelung ergab und die Schliessung drohte, entschloss der diplomierte Ingenieur ETH sich, den Kinobetrieb zu übernehmen. Zusätzlich ist Meier Geschäftsführer der Stiftung ­Fokus, die für das Bauprojekt Stadthof Süd verantwortlich zeichnet. Aus dem Vorstand der Freikirche im Prisma trat er ­ 2013 nach 16 Jahren aus Zeitgründen aus. Meier ist ver­heiratet und hat drei erwach­sene Kinder. Er ist Mitglied ­ der FDP und der GPK der Stadt Rap­pers­wil-Jona.

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