Adliswil

Ein Gottesdienst mit Politprominenz

Am eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag luden Kirchen zu speziellen Gottesdiensten ein. In Adliswil erklärte Altbundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, was für sie der Glaube bedeutet.

Die Kirche sei nach wie vor wichtig in unserer Gesellschaft, predigte Alt-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf in Adliswil von der Kanzel.

Die Kirche sei nach wie vor wichtig in unserer Gesellschaft, predigte Alt-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf in Adliswil von der Kanzel. Bild: Sabine Rock

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Die reformierte Kirche Adliswil war gestern bis auf den letzten Platz gefüllt, um den eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag zu feiern. Dieser hat in der Schweiz eine lange Tradition. Und auch dieses Jahr pilgerten hochkarätige Gäste nach Adliswil. So begrüssten Pfarrer Markus Moll und die Pfarrerinnen Esther Baier und Marion Moser zum einen die Zürcher Sängerknaben, zum anderen Altbundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP).

«Kirche hat einiges zu sagen»

Gleich zu Beginn zeigten die Zürcher Sängerknaben ihr Können. Diesem Chor gehören über hundert Buben und Männer aus allen Bevölkerungsschichten und Konfessionen an. Die rund 30 Knaben sangen verschiedene Kirchenlieder. Der Chor aus hohen und tiefen Stimmen füllte den Saal, hallte an den kirchlichen Gemäuern und liess wohl bei manchen Kirchengängern Hühnerhaut entstehen.

Als das letzte Amen verhallte, begrüsste Pfarrer Markus Moll den Stargast des gestrigen ökumenischen Gottesdienstes: Eveline Widmer-Schlumpf. Zu Beginn ihrer Rede erklärte sie, weshalb die Kirche auch heute noch eine so hohe Bedeutung hat. «Die Vertreter der Kirche geben ihre christlichen Werte weiter.» Das sei gut in einer Gesellschaft, die manchmal rastlos und haltlos erscheine, die Orientierung suche und auch brauche. «Deshalb ist die Kirche nach wie vor wichtig.» So betonte Widmer-Schlumpf auch, dass Kirche und Staat zwar getrennt seien, das aber nicht bedeute, dass die Kirche nicht mitreden könne. «Die Kirche hat einiges zu sagen. Zu gesellschaftspolitischen Fragen, zu sozialen Fragen oder zu Umweltfragen.» Was die Kirche sage, sei reflektiert und fundiert. Das sei heute nicht mehr selbstverständlich, sagte die Altbundesrätin.

Eveline Widmer-Schlumpf hielt in ihrer Rede fest, dass wir dankbar dafür sein dürften, in einem Land leben zu können, in dem alle vor dem Gesetz gleich sind. Die Menschenrechte, die humane Justiz und der Ausbau des Sozialstaates in den letzten Jahren sei gelebtes Christentum, sagte Widmer-Schlumpf. Das christliche Bekenntnis habe sich auf die Praxis übertragen. «Man beruft sich in der Öffentlichkeit nicht mehr auf Gott, orientiert sich aber vielfach an den besten Elementen des christlichen Wertes», sagte sie. Der Dank,- Buss- und Bettag sei eine gute Gelegenheit, sich daran zu erinnern und sich bewusst zu werden, wie viel Glück unsere Eidgenossenschaft in den letzten Jahrzehnten gehabt habe.

«Der Glaube ist privat»

Zum Schluss erzählte Widmer-Schlumpf einige Anekdoten aus ihrem ehemaligen politischen Alltag. Sie habe viel Schönes aber auch viel Elend erlebt. «2008 besuchte ich in Bulgarien die Nichtregierungsorganisation Animus, die sich für Opfer von Gewalt einsetzt. Ich traf dort sehr junge Frauen, die von ihren Familien ins Ausland verkauft worden waren.» Dort seien sie zur Prostitution gezwungen worden. Ein Jahr später traf sie im Irak ein Mädchen, deren Mutter und Schwester auf der Flucht vor ihren Augen erschossen worden seien. «Ihr Vater sagte mir, dass er nur noch ein Ziel habe: Dass seine Tochter ein würdiges Leben führen dürfe.»

2014 besuchte Widmer-Schlumpf ein Spital in Kirgistan, dessen Einrichtung und Versorgung dem Standard entsprochen habe, den die Schweiz vor Jahrzehnten gehabt habe. «Weil das Behandeln von schweren Krankheiten zu teuer war, mussten die Ärzte Patienten sterben lassen. Für die Ärzte war das psychisch sehr belastend.» Eveline Widmer-Schlumpf fragte diese Personen, was ihnen Kraft gebe, um weiter zu machen. Die Antwort sei immer die Gleiche gewesen: Dass sie im Glauben und in der Zuversicht leben würden und dass sie nicht allein seien und getragen werden würden.

Für die Altbundesrätin ist der Glaube etwas Privates, etwas ganz Persönliches, etwas, das bei jedem Menschen anders aussieht. «Für mich ist die Anrufung von Gott das Bekenntnis, dass wir von einem universalen Geheimnis umfangen sind, dass viele, und darunter auch ich, Gott nennen. Verbunden mit der Bitte, aufgehoben und getragen zu werden.»

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.09.2017, 18:58 Uhr

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