Meilen

«Diese Wurst ist uns nicht wurst»

Regierungsrätin Silvia Steiner sprach an der Bundesfeier in Meilen. Mit kulinarischen Vergleichen verbildlichte sie die Schweizer Werte und betonte die Bedeutung des Bildungssystems für die Schweiz.

Bildungsdirektorin Silvia Steiner sprach in Meilen über die Schweizer Werte und inwiefern diese sich im Cervelat widerspiegeln.

Bildungsdirektorin Silvia Steiner sprach in Meilen über die Schweizer Werte und inwiefern diese sich im Cervelat widerspiegeln. Bild: Sabine Rock

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Dass Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) ihre 1.-August- Rede­ in Meilen und nicht in Ueti­kon hielt, sorgte im Bezirkshauptort für eine gewisse Schaden­freude. Oder vielleicht war es auch eher ein gutmütiges Foppen. «Ueti­kon hätte wahrscheinlich gerne – so kurz vor der Eröffnung des neuen Gymnasiums – die Bildungsdirektorin als Festrednerin gehabt», sagte Gemeindepräsident Christoph Hiller (FDP) und erinnerte daran­, dass Meilen im Wettbewerb um den Gymi­stand­ort unterlegen war. Schmunzelnd fügte er an, dass man im Gegenzug für die Rede Silvia Steiners einen Meilemer Gemeinderat als Festredner nach Ueti­kon ent­sende. Gemeint war SP-Kantons- und Gemeinderat Hans­peter Göldi, der abends in der Nachbargemeinde sprechen würde.

Freiheit, Bescheidenheitund Weltoffenheit

Kurz nach elf Uhr trat die Regierungsrätin ans Rednerpult und hatte die Lacher sogleich auf ihrer Seite. Auf die rhetorische Frage, wer oder was die Schweizer Werte wie Freiheit, Bescheidenheit und Traditionsbewusstsein am besten repräsentiere, gab sie eine über­raschende Antwort. «An wen ­denken Sie? Vielleicht an den Bundesrat? Oder an Alfred Escher? Oder sogar an die Hel­vetia?», erhöhte sie die Spannung im Festzelt, um spitzbübisch nachzulegen: «Ich verrate Ihnen, woran ich denke: Ich denke an einen Cervelat.»

Die Auflösung dieser eher ungewöhn­lichen Metapher blieb sie den gut 180 Anwesenden im Festzelt neben dem Fähranleger nicht schuldig. So setzte sie die ­begrenzte Anzahl der Zutaten beim Cervelat mit der Schweizer Bescheidenheit gleich, und die Verschiedenartigkeit der Zube­reitungsarten nannte sie als Symbol für den Wert der Freiheit.

Nicht zuletzt fand sie mit dem Darm des brasilianischen Zeburinds, welcher die Haut der Wurst bildet, auch einen Aspekt, der Weltoffenheit versinnbildlicht. «Diese Wurst ist uns nicht wurst!», schloss sie ihr Gleichnis. «Der Cervelat weckt Emotionen in uns und ruft Erinnerungen hervor, wie vielleicht noch ganz wenige andere Dinge.» Und um gleich bei kulinarischen Schweizer Ikonen zu bleiben, würzte sie ihre Rede­ mit einer Anekdote aus ihrer Kindheit. So erzählte sie, wie ihre Mutter in den Ferien in Spanien jeweils das Aromat-Dösli aus der Handtasche zückte, um der Paella des Vaters den letzten Schliff zu geben.

«Gemeinsame Erlebnisseverbinden»

Die rhetorische Brücke zur Bildung schaffte die CVP-Politikerin, indem sie vom Cervelat über die Schulreise auf die Volksschule zu sprechen kam. «Gemeinsame Erlebnisse sind es doch, die uns verbinden, die uns allen das Gefühl geben, in der Schweiz daheim zu sein», sagte Steiner. «Das wichtigste Erlebnis ist für uns alle vermutlich der erste Schultag und der Eintritt in die Volksschule.»

«Unsere Schule trägt viel zu dem bei, was wir als typisch schweizerisch empfinden», verdeutlichte sie den Kern ihrer Rede­. «Die Volksschule leistet viel von dem, was uns als Gesellschaft zusammenhält.» Doch Steiner machte sich nicht nur überge­ordnete Gedanken zur Schule, sondern kam spezifisch auf die Schule Meilen zu sprechen. Dabei erinnerte sie daran, dass Bildung nicht immer die gleiche Wertschätzung erfahren hat. So erzählte Steiner die Geschichte eines Meilemer Bauern, der damit drohte, den Lehrer zu ver­prügeln, sollte dieser das Kind als unentschuldigt fehlend eintragen. Der Nachwuchs musste schliesslich bei der Ernte helfen.

Nach diesem historischen Exkurs­ kam sie in die Gegenwart zurück und betonte, dass das Bildungssystem Schweizer Werte wie Freiheit, Beschei­denheit und ein aufgeschlossenes Verhältnis zur Tradition ver­mittle. «Wir müssen der Bildung Sorge tragen», schlussfolgerte Steiner und gab zu guter Letzt noch allen Vegetariern ein Verspechen: «Nächstes Jahr spreche ich über Blumenkohl.»

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 01.08.2018, 19:52 Uhr

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