Wochengespräch

«Die Pfadi ist eine Lebensschule»

Anfang Juni wählten über 100 Delegierte den 27-jährigen Fabian Rymann alias Orion zum neuen Kantonsleiter der Pfadi Zürich. Im Gespräch erzählt er, warum man auch im Streit mit einem Bauern viel fürs Leben lernen kann.

Über die Jahre ist Fabian Rymanns Pfadihemd zum individuellen Erinnerungsstück geworden. Die Aufnäher und Abzeichen stammen von Lagern und Pfadiprüfungen.

Über die Jahre ist Fabian Rymanns Pfadihemd zum individuellen Erinnerungsstück geworden. Die Aufnäher und Abzeichen stammen von Lagern und Pfadiprüfungen. Bild: Manuela Matt

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Sie sind seit 18 Jahren in der Pfadi­. Wie hat alles angefangen?
Fabian Rymann: Einige Kinder aus meiner Klasse und der Nachbarschaft gingen in die Pfadi. So wurde meine Neugier geweckt.

Was bedeutet die Pfadi für Sie?
Sie ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Mein ganzer Freundeskreis ist um die Pfadi aufgebaut. Ausserdem gibt sie mir die Möglichkeit, mich zu entfalten. Dadurch, dass nur junge Leute in der Pfadi sind, bietet sie das perfekte Umfeld, die eigenen Talente zu entdecken und unbeschwert auszuleben.

Was ist das Besondere an Pfadi­freund­schaften?
Es gibt kaum andere Vereine oder Institutionen, denen man mit sechs oder sieben Jahren ­beitritt und dann 20 Jahre mit den gleichen Leuten zusammenbleibt. Zum Vergleich: In der Primar­schule ist man bestenfalls sechs Jahre lang in der gleichen Klasse, dann trennen sich die Wege. In der Pfadi gibt es diese Brüche nicht. So entstehen tiefe Freundschaften, die über die Pfadi hin­ausgehen. Die letzten drei Jahre lebte ich mit Pfadikollegen in einer WG. Vom ersten Tag an war es, als hätten wir seit Ewigkeiten zusammen gewohnt.

Die Pfadi ist also eine Konstante im Leben, während sich drum her­um immer etwas verändert?
Genau. Sehr wertvoll ist auch das Motto der Pfadi: «Jungi für Jungi». Damit erlaubt sie Jugend­lichen, früh Verantwortung zu übernehmen. Im Alter von 15 Jahren kann man Leiter werden. Dafür durchlaufen die Jugend­lichen eine Ausbildung und übernehmen zu zweit oder zu dritt die Verantwortung für Gruppen von etwa 15 Pfadis. Dadurch entwickeln sie ein Pflichtbewusstsein, welches ihnen viel bringt für das ganze Leben.

Pfadi als Lebensschule?
Absolut. Die Pfadi bringt einen immer wieder in Situa­tionen, mit denen man sonst nicht konfrontiert worden wäre. Beispielsweise mit einem wütenden Bauern zu diskutieren, weil dessen Wiese während eines Pfadilagers Schaden genommen hat. In solchen Momenten lernt man viel über den Umgang mit Menschen.

Jetzt nach den Ferien beginnt Ihre Amtszeit als Kantonsleiter der Zürcher Pfadi-Abteilungen. Was ist Ihre Aufgabe?
Als Kantonsleiter bin ich das Binde­glied zwischen den verschiedenen Regionen des Kantons und der Pfadibewegung Schweiz. Es ist ein sehr adminis­trativer Job mit vielen Sitzungen. Nicht gerade das, was man sich unter Pfadi vorstellt, aber ich mag den Ausgleich des Administra­tiven zu meinem Leiterposten bei den Jüngsten der Pfadi Wädenswil-Richterswil-Au (WRA).

Was sind die grössten Herausforderungen für die Pfadi?
Unsere grossen Konkurrenten sind die Sportvereine. Der Fussball ist zum Beispiel omnipräsent. Man denke nur an die Weltmeisterschaft letzten Monat. Auch die Schulen setzen auf Sport­arten wie Fussball oder Uni­hockey. Dadurch haben die Kinder leicht Zugang dazu. Die Sachen, die wir in der Pfadi machen­, sind dagegen kaum präsent­. Es gibt keinen, im Fernseher übertragenen Wettbewerb mit Pfadiaktivitäten. So ist es für uns insgesamt schwieriger, uns zu zeigen.

Wie liesse sich das ändern?
Ein Mittel wäre sicherlich, mehr Geld für Werbung in die Hand zu nehmen. In Wädenswil haben wir einmal die grossen APG-Plakate am Bahnhof gebucht. Das brachte uns ein grosses Echo.

Im Gegensatz zu Jugendgruppen wie Cevi und Jubla orientiert sich die Pfadi an keiner Religion. Was haben die Kinder inder Pfadi für einen Hintergrund?
Die Gruppen der Pfadi sind all­gemein sehr durchmischt. Aus meiner Sicht könnte es aber ruhig noch vielfältiger werden. Es wäre toll, wenn mehr Kinder aus Flüchtlingsfamilien in die Pfadi kommen würden. Das wäre die beste Integration für sie. Doch es ist schwierig, diese Kinder zu erreichen. Oft kennt man die Pfadi in ihren Heimatländern nicht. Teilweise wirken wir wohl auch befremdlich, weil wir in Pfadihemden herumlaufen.

Die Hemden erinnern an Uni­formen. Was ist der Grund?
Ursprünglich kommen die Pfadihemden tatsächlich vom Militär. Der Pfadigründer Robert Baden-Powell war Offizier der britischen Armee in Afrika. Seine Grundidee war, dass niemand seiner Kleider wegen besser oder schlechter dastehen­ soll als die anderen ­­­­– ein schöner Gedanke, wie ich finde. Trotzdem sind wir nicht gleich angezogen. Über die Jahre schmückt jeder sein Hemd mit den Abzeichen und Drucken von Lagern. So wird das Pfadihemd zum individuellen Erinnerungsstück.

An welches Pfadierlebniserinnern Sie sich am liebsten?
Eines der schönsten Erlebnisse hatte ich mit einer Pfadigruppe, die ich leitete. Als ich sie übernahm, waren die Pfadis knapp in der ersten Klasse, am Schluss im Sekundarschulalter. Diese Entwicklung mitzuerleben war sehr schön. An ihrem letzten Samstag in meiner Gruppe sassen wir noch lange nach dem Ende des Programms um unser Lager­feuer. Niemand wollte nach ­Hause gehen. Zum Schluss haben sich die Pfadis bei mir bedankt. Das kommt selten vor. Meist sind es die Eltern, die sich bei den Leitern bedanken.

Was wollen Sie Ihren Pfadis weitergeben?
Mir sind zwei Punkte sehr wichtig, der erste ist die Begeisterung für unsere Umgebung und die Natur. Ich habe die Region und die Schweiz dank der Pfadi sehr gut kennen gelernt und bin an ­Orte gekommen, an die es mich sonst nicht verschlagen hätte. Wenn ich ein Lager organisiere, versuche ich, den Pfadis neue Orte zu zeigen. Letztes Jahr waren wir zum Beispiel am Greyerzersee – eine wunderschöne Gegend, welche die wenigsten kannten.

Und der zweite Punkt?
Es ist wichtig, den Pfadis in der Leiterausbildung weiterzugeben, dass das Leitersein eine grosse Verantwortung birgt. Es ist ein strenger, anspruchsvoller Job. Am Samstag keine Lust oder andere Pläne zu haben, ist keine Option­. Dieser Verpflichtung müssen sie sich bewusst sein, wenn sie ihre Entscheidung treffen. Sonst halten sie kein Jahr durch. Das wiederum würde zu grossen Fluktuationen bei den Leitern führen, was wir verhindern wollen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 19.08.2018, 16:50 Uhr

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