Wochengespräch

«Die Musik ist ein Teil von mir»

Lilly Martin ist dank ihrer Auftritte mit Philipp Fankhauser und Polo Hofer längst nicht mehr nur in der Soulszene ein Begriff. Auch als Vocal Coach im SRF machte die Männedörflerin von sich reden.

Lilly Martin auf der Bühne im Rössli in Stäfa – ein besonderer Ort zum Spielen für sie und ihre Band.

Lilly Martin auf der Bühne im Rössli in Stäfa – ein besonderer Ort zum Spielen für sie und ihre Band. Bild: Michael Trost

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Auf Ihrem neuen Album «Right Now» singen Sie «Right here, right now, it’s all that really matters». Leben wir in der Schweiz zu wenig im Moment?

Lilly Martin: Nicht nur in der Schweiz. Man sollte sich öfters zurücklehnen, nicht dauernd aufs Handy starren und den Moment geniessen.

Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Songtexte?

Das ist unterschiedlich. Der Song «Right here, right now» wurde durch eigenes Erlebtes beeinflusst. Ich habe meine demenzkranke Mutter sieben Jahre gepflegt. Dadurch habe ich gelernt, den Moment bewusst zu leben. Oft haben wir gemeinsam Museen besucht. Meine Mutter war Künstlerin. Viele Menschen haben den Sinn dieser Besuche nicht verstanden, weil meine Mutter die Ausstellungen auf dem Nachhauseweg bereits wieder vergessen hatte. Für mich aber war es wichtig, dass sie den Moment genossen, sich wirklich gefreut hat.

Sie singen den Song «New York City». Drücken Sie damit Ihr Heimweh nach New York aus?

Die eigene Heimat ist und bleibt Heimat. Irgendwann verspürt jeder den Drang, nach Hause zu fahren, um seine Batterien aufzuladen. Delbert Mc Clinton, der das Lied geschrieben hat, hat das perfekt beschrieben.

War der Umzug aus den USA in die Schweiz nicht eine unheimlich grosse Umstellung?

Ich fühlte mich sehr schnell wohl hier. Als ich Kind war, bin ich mit meiner Familie oft umgezogen. Deswegen liebe ich die Ruhe, die Traditionen, die Sicherheit in der Schweiz. Was gewisse Leute negativ bewerten, gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit.

«Right now» ist Ihre dritte Studio-CD. Wie hat sich Ihre Musik im Laufe der Zeit entwickelt?

Auf dem ersten Album „Velvet Mission“ aus dem Jahr 2012 habe ich mit meiner Band vor allem Soul-Jazz gespielt. Zwar weist unsere Musik diese Elemente gelegentlich noch auf, aber wir spielen heute eindeutig mehr Blues und Soul.

Michael Dolmetsch, Ihr Lebenspartner, ist Keyboarder in Ihrer Band. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Als Paar sind wir eine Einheit. Wenn wir zusammenarbeiten, haben wir ein anderes Verhältnis zueinander. Privates gehört nicht in den Arbeitsalltag, das wäre auch den anderen Bandmitgliedern gegenüber ungerecht.

Sie haben als Backgroundsängerin für weltberühmte Musiker gesungen. Wie sind Ihre Erinnerungen daran?

Es gibt das Gerücht, dass ich mit Bob Geldof und Harry Belafonte gesungen hätte, aber das ist ein Missverständnis. Ich habe an einem Konzert gesungen, an dem die beiden im Publikum waren. Für Michael Bublé habe ich hingegen die Backing Vocals gesungen, als er 2014 im Hallenstadion ein Konzert gegeben hat. Für mich war das zwar aufregend, aber es gibt viel geübtere Backgroundsängerinnen.

An welchen Duettpartner denken Sie besonders gerne zurück?

Mit Philipp Fankhauser zu singen, ist ein Highlight für mich. Die Chemie zwischen uns stimmt. Mit ihm muss ich nichts planen, es ergibt sich alles aus der Situation. Mit Polo Hofer stehe ich auch gerne auf der Bühne. Seine Liebe zur Musik beeindruckt mich. Zudem fühle ich mich geehrt, dass unser Duett «When my final hour has come» auf seiner letzten CD zu finden ist.

Auf «Right now» haben Sie ein Duett mit dem amerikanischen Sänger Ellis Hall aufgenommen. Wie kam es dazu?

Während der Arbeit für die neue CD entstand die Idee, ein Duett aufzunehmen. Ein Freund aus Los Angeles empfahl uns Ellis Hall. Ich kannte ihn nicht, doch als ich ihm den Song schickte, gefiel Ellis dieser. Ich flog sofort nach Los Angeles, um «Next to me» mit ihm aufzunehmen. Dort trafen wir uns: Es war ihm wichtig, dass es stimmt zwischen uns. Eine Einstellung, die ich sehr schätze. Wir mussten dann vor der Aufnahme gar nicht proben, es passte einfach.

Haben Sie auf der Bühne schon einmal den Text vergessen?

Ja. Singe ich einen Song, erzähle ich eine Geschichte. Wenn ich dabei plötzlich den Faden verliere, schaltet sich ein Notfallknopf ein und es redet beziehungsweise singt weiter. Einiges ändert sich dann ein kleines Bisschen (lacht).

Sie haben als Vocal Coach die Kandidaten der Sendung Voice of Switzerland betreut. Wann sind Sie nervöser: Wenn Sie selbst auf der Bühne stehen oder wenn einer Ihrer Schützlinge singt?

Wenn ich selbst auf der Bühne stehe, bin ich zwar aufgeregt, aber nicht wirklich nervös, so dass mir etwa schlecht würde. Bei Voice of Switzerland war ich immer nervös, das habe ich den Kandidaten aber natürlich nicht gezeigt. Ein solcher Auftritt ist schliesslich live im Fernsehen, da muss jeder Ton sitzen.

Sie geben seit zehn Jahren Privatleuten Gesangsunterricht. Gibt es hoffnungslose Fälle?

Ja, die gibt es. Vielfach unterrichte ich aber Leute, die sehr schön singen, wenn der Knoten einmal gelöst ist. Oft haben ihnen Eltern oder Lehrer eingeredet, sie könnten nicht singen. Wir unterschätzen die Wirkung unserer Worte jungen Leuten gegenüber.

Würden Sie das Vocal Coaching auch bei der Sendung Deutschland sucht den Superstar (DSDS) übernehmen?

Bestimmt nicht. Im Gegensatz zu DSDS schadet Voice of Switzerland den Teilnehmern nicht. DSDS ist Entertainment für Leute, die gerne andere Menschen leiden sehen. Das hat wenig mit Musik zu tun.

Wie springt der Funke während eines Konzerts aufs Publikum über?

Es geht darum, authentisch zu sein. Ich liebe die Musik, ob meine Frisur sitzt, ist beim Auftritt zweitrangig. Das spürt das Publikum, so kann ich Emotionen rüberbringen. Mit Musik können Gefühle auch dann transportiert werden, wenn das Gegenüber die Sprache, in welcher der Song geschrieben ist, nicht versteht.

Sie treten mit Ihrer Band am 12. Februar im Rössli in Stäfa auf. Ist es etwas Besonderes, als Männedörflerin hier zu singen?

Für mich ist es besonders, weil ich das Kulturkarussell des Rössli wichtig für alle Kulturschaffenden finde. Es gibt zu wenig solcher Plattformen in der Schweiz. Das Rössli ist für mich eine Institution, besteht es doch schon seit Jahrzehnten – und es ist gemütlich dort. Schön ist natürlich auch, dass wir nicht so weit fahren müssen. Ansonsten dauert es meistens zwei bis drei Stunden, bis wir ankommen. 2016 geben wir fast jede Woche ein Konzert in der Schweiz.

Was gefällt Ihnen am Zürichsee?

Das Wasser, ich habe immer an einer Küste gelebt. Als ich neu in der Schweiz war, habe ich mich gefragt, warum Leute ein Boot auf dem Zürichsee haben: Wo fahren die damit hin? Für mich gehörte ein Boot ans Meer.

Und jetzt haben Sie selber ein Boot?

Nein, leider nicht, aber ich hätte gerne eines. Anfangs war der See ein Ersatz für das Meer, aber inzwischen gehe ich lieber im See schwimmen. Hier muss ich mich nicht vor Haifischen fürchten (lacht). Bereits der Blick auf den Zürichsee ist eine Einladung, ans Ufer hinunterzufahren. Der See hat eine Seele, wie dies manchmal auch bei Häusern der Fall ist.

Haben Sie Ziele, die Sie noch erreichen wollen?

Gesund zu bleiben. Ich habe nicht vor, aus Altersgründen mit der Musik aufzuhören. Sie ist ein Teil von mir, ohne Musik wäre ich unzufrieden. Ich wünsche mir mehr Anerkennung in der Form, dass Lilly Martin & Band international noch besser wahrgenommen wird. «Right Here, right now» wird bereits von Radiostationen in Grossbritannien und den USA gespielt. Anerkennung ist Nahrung für die Künstlerseele. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.01.2016, 14:35 Uhr

Zur Person

Lilly Martin lebt mit ihrem Lebenspartner in Männedorf, nachdem sie früher in Küsnacht gewohnt hat. Die Mutter zweier erwachsener Kinder wuchs in New York auf und hat kubanische Wurzeln. Seit gut 30 Jahren lebt die Blues- und Soulsängerin in der Schweiz. Heute arbeitet sie nicht nur als Gesangstrainerin, sondern ist auch als Leadsängerin von Lilly Martin & Band in der ganzen Schweiz unterwegs. Am 12. Februar um 20.30 Uhr treten Lilly Martin und ihre Musiker im Kulturkarussell Rössli in Stäfa auf.

www.lillymartin.com

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