Wahlen

«Die doppelte Männervertretung ist unhaltbar geworden»

Die Grüne Marionna Schlatter will in den Ständerat. Die Pilzexpertin will die Landwirtschaft ökologisch ausrichten.

Grün und links: Marionna Schlatter findet, es sei Zeit für einen Wechsel im Ständerat.

Grün und links: Marionna Schlatter findet, es sei Zeit für einen Wechsel im Ständerat. Bild: Marc Dahinden

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Sie kennen sich mit Pilzen aus und waren die jüngste Pilzexpertin der Schweiz, als Sie mit 14 das Diplom machten. Was fasziniert Sie an Pilzen?
Marionna Schlatter: Pilze sind tatsächlich meine grösste Leidenschaft neben der Politik. Mich fasziniert die Vielfalt und der Reichtum der Natur. Auch nach 20 Jahren entdeckt man immer wieder Neues und lernt nie aus.

Jeweils im Herbst arbeiten Sie mit Pilzen. Was tun Sie genau?

Zum einen bin ich Pilzkontrolleurin, angestellt bei der Kontrollstelle Wetzikon. Zum andern bin ich Instruktorin beim Dachverband der Schweizer Pilzkontrolleure. Alle, die eine Pilzkontrolleurprüfung machen, landen bei mir auf der Schulbank.

Welche drei Themen beschäftigen Ständeratskandidatin Marionna Schlatter (Grüne) besonders und was will sie in diesen Bereichen bewirken? Video: tsc/far

Machen Sie das ehrenamtlich oder ist es Erwerbsarbeit?

Die Ämter als Instruktorin und Kontrolleurin sind bezahlt. Ich investiere aber auch viel freie Zeit ins Hobby.

Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?

Derzeit verdient hauptsächlich mein Mann den Lebensunterhalt für unsere Familie. Ich übernehme dafür einen grösseren Teil der Erziehungsarbeit – und mache Karriere in der Politik (lacht). Ein kleines Einkommen habe ich aus der Politik. Als Kantonsrätin und Parteipräsidentin erhalte ich eine Entschädigung. Bis vor drei Jahren war ich angestellt in einer Kampagnenagentur.

Sie studierten ja auch Soziologie. Was spielt sie in Ihrem Leben für eine Rolle?

Eine grosse. Bei der Studienwahl dachten alle, dass ich mich für die Biologie entscheide. In diesem Beruf hätte ich dokumentieren können, wie es der Natur immer schlechter geht. Aber ich wählte die Soziologie, unter anderem, um zu lernen, wie man Menschen dazu bringen kann, sich anders zu verhalten. Davon profitiere ich noch immer.

«Die Kulturlandinitiative war mein grösster politischer Erfolg.»Marionna Schlatter

Sie waren der Kopf der Kulturlandinitiative, die vom Volk 2012 zuerst angenommen, 2016 aber wieder abgelehnt wurde – nach Winkelzügen der Politik. Wie beurteilen Sie die Situation heute?

Die Initiative war mein grösster politischer Erfolg. Sie löste Diskussionen um Raumplanung und Zersiedelung aus und stiess einen gesellschaftlichen Wandel an. Dieser führte dazu, dass man heute anders umgeht mit der Ressource Boden.

Frustriert es Sie nicht, dass die Umsetzung im zweiten Anlauf 2016 scheiterte?

Im Verhältnis zu dem, was wir erreichten, ist die Enttäuschung nicht so gross. Wir standen am Ende ja selber nur noch halbherzig hinter der technokratischen Umsetzung, die wir im Parlament noch abgelehnt hatten. Aber unsere ursprüngliche Initiative beeinflusste die Raumplanung und die Art und Weise, wie die Gemeinden einzelne Projekte bewilligen. Wir sind dem Ziel näher gekommen.

Sind Sie also zufrieden mit der heutigen Situation?

Nein. Die Zersiedelung geht weiter. Ich finde noch immer, dass man keine neuen Bauzonen schaffen dürfte, sie also begrenzen müsste.

Sie wurden erst im März in den Kantonsrat gewählt und wollen schon jetzt in den Ständerat. Einige sagen, Ihnen fehle die Erfahrung. Was entgegnen Sie?

Ich nehme seit acht Jahren an den Sitzungen der Kantonsratsfraktion teil und bin Parteipräsidentin. Dadurch bin ich näher an den Kantonsratsgeschäften dran als viele andere. Mein Erfahrungsrucksack ist voll.

«Es wäre falsch, jetzt nur auf bekannte Gesichter zu setzen.» Marionna Schlatter

Das Bundesparlament kennen Sie allerdings nicht.

Das ist so. Die Zeit scheint mir reif für einen Wechsel, weil die kantonalen Wahlen eine Wende brachten. Man wählte neue Leute, darunter viele Frauen. Es wäre falsch, jetzt nur auf bekannte Gesichter zu setzen.

Stört es Sie, dass der Kanton Zürich im Berner Stöckli von zwei Männern vertreten wird?

Ja. Das Zürcher Kantonsparlament hat seit den Wahlen den grössten Frauenanteil. Insofern ist die doppelte Männervertretung unhaltbar geworden.

Finden Sie es richtig, dass im Stadtzürcher Parlament Vorstösse immer so formuliert werden müssen, dass Männer und Frauen explizit genannt werden?

Ja. Dazu eine kleine Anekdote. Meine achtjährige Tochter spielt Klavier. Jüngst erhielt sie von der Klavierlehrerin ein Heft mit dem Titel Notenpiraten. Sie kam enttäuscht heim und fragte, ob das Heft auch für Mädchen sei. Das zeigt: Unsere Kinder fühlen sich nicht mitgemeint, wenn sie nicht explizit angesprochen werden.

«Wir werden das Resultat am Wahltag anschauen und dann weitersehen. Ein allfälliger Rückzug will aber gut überlegt sein.»Marionna Schlatter

Ihre Konkurrentin Tiana Moser von der GLP will wie Sie mit grünen Themen und als Frauenvertreterin punkten. Wären Sie bereit, ihr in einem zweiten Wahlgang den Vortritt zu lassen, wenn sie mehr Stimmen macht?

Ich bin offen für Verhandlungen. Ich sage also nicht, ich trete aus Prinzip nochmals an oder nicht an. Wir werden das Resultat am Wahltag anschauen und dann weitersehen. Ein allfälliger Rückzug will aber gut überlegt sein. Anders als Frau Moser bin ich ja eine linke Politikerin. Bei einer Wahl von Daniel Jositsch im ersten Wahlgang könnte ich im zweiten die linken Stimmen mobilisieren.

Grüne und GLP beurteilen den EU-Rahmenvertrag recht unterschiedlich. Liegen Sie zu 100 Prozent auf der Linie von SP und Grünen in Sachen Lohnschutz?

Ja. Ich sehe die grösste Herausforderung darin, diesen Rahmenvertrag sozial so abzusichern, dass er mehrheitsfähig wird in der Schweiz. Jetzt ist er es nicht. Die Bilateralen waren ja nur so erfolgreich wegen der flankierenden Massnahmen. Den Lohnschutz muss man gewährleisten, sonst verspielt man das Vertrauen des Volkes.

Unterstützen Sie die Trinkwasserinitiative und die Initiative für ein Pestizidverbot?

Ja, obwohl sie zu weit gehen.

Wie meinen Sie das?

Wenn man es im nationalen Parlament nicht schafft, mit einem Gegenvorschlag weiter zu kommen, sollte man die beiden Initiativen unterstützen. Es braucht einen Marschhalt. So kann es nicht weiter gehen.

«Man fand im Schweizer Trinkwasser Substanzen, die seit Jahren verboten sind. Das zeigt doch, wir haben die Sache längst nicht mehr im Griff.»Marionna Schlatter

Im Trinkwasser von 28 Gemeinden im Kanton sind Abbauprodukte des Fungizids Chlorothalonil gefunden worden, deren Schädlichkeit noch unklar ist. Wie schlimm finden Sie das?

Sehr schlimm. Vor allem auch deshalb, weil die Einsicht fehlt, dass die Kontrolle entglitten ist. Man fand in der Schweiz sogar Substanzen, die seit 30 bis 50 Jahren verboten sind. Das zeigt doch, wir haben die Sache längst nicht mehr im Griff.

Wer hat denn da versagt?

Einerseits die Politik, weil sie Regeln aufgestellt hat, die nicht eingehalten werden. Es wird nicht genug kontrolliert und Verstösse werden nicht geahndet. Anderseits hat man es auch verpasst, die Ausbildung in der Landwirtschaft ökologisch auszurichten und in die Forschung zu investieren.

Erstellt: 24.09.2019, 15:06 Uhr

Zur Person

Marionna Schlatter ist seit 2011 Präsidentin der Grünen Kanton Zürich. Im Mai wurde sie in den Kantonsrat gewählt. Die 38-Jährige studierte Soziologie und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als amtliche Pilzkontrolleurin und ist Vorstandsmitglied und Instruktorin bei der Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane VAPKO. Schlatter hat einen fünfjährigen Sohn und eine achtjährige Tochter und lebt mit ihrem Ehepartner in Hinwil. (tsc)

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