Rapperswil-Jona

«Der Zirkus hat keine Zeit und keinen Ort, er ist reine Fantasie.»

David Larible ist einer der berühmtesten Clowns der Welt. Vor der Knie-Premiere in Winterthur erzählt er, warum er immer noch Lampenfieber hat, wie er einen Affen zum Lachen bringt und wieso er gegen das Handy kämpft.

Der welberühmte Knie-Clown David Larible

Der welberühmte Knie-Clown David Larible Bild: Marc Dahinden

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In genau 57 Minuten werden Sie in der Manege stehen. Haben Sie Lampenfieber?
David Larible: Noch nicht, aber das kommt bald.

Sie haben noch Lampenfieber?
Ja, natürlich. Jedes Mal.

Im Ernst? Sie treten seit 43 Jahren auf und sind noch nervös?
Oh ja. Ich habe immer diese Aufregung in mir. Wie wird die Premiere in Winterthur? Wie wird das Publikum sein? Ich kontrolliere all mein Material, ich gehe die Musik nochmals durch. Sehen Sie: Wir wollen, dass jede Vorstellung perfekt wird. Am Tag, an dem ich kein Lampenfieber mehr habe, höre ich auf. Ich trete auf, seit ich 16 Jahre alt bin. Wie geht das? Das Geheimnis ist, dass ich mich immer darauf freue, was als Nächstes passiert. Und dass ich nie zufrieden bin.

Sie sind nie zufrieden?
Nein, denn ich weiss, ich könnte noch besser sein. Ich glaube, wenn Leonardo Da Vinci die Mona Lisa nochmals malen könnte, würde er etwas daran verbessern.

Man sagt, Sie hätten noch nie eine Vorstellung abgesagt, nicht einmal wenn Sie krank waren...
Bisher nicht. (Klopft auf den Holztisch.) Ich bin Clown, kein Akrobat, der einen Vierfachsalto unter der Kuppel zeigt. Ich kann auch mit Grippe auftreten.

Und mit schlechter Laune?
Die schlechte Laune geht weg, sobald ich in der Manege bin. Ich stehe da und sehe alle diese Leute, alle diese Familien. Wie könnte ich da schlechte Laune haben?

Jeder hat mal schlechte Tage.
Ja, klar. Auch wir Clowns sind Menschen. Manchmal habe ich sehr schlechte Laune. Aber die Manege ist die beste Therapie.

Es gibt Jugendliche, die haben den Traum, einmal mit dem Zirkus fortzuziehen. Sie sind im Zirkus aufgewachsen. War es bei Ihnen nie umgekehrt? Wollten Sie nie vom Zirkus weg?
Es gab einen Zeitpunkt. Ich war 15 Jahre alt, in Verona in der Schule und ich habe ziemlich gut Fussball gespielt. Der Trainer hat zu mir gesagt: David, warum willst Du zum Zirkus? Spiel doch Fussball. Da habe ich einen Moment gezweifelt. Aber nur einen Moment. Wenn man dieses Leben hat, ist es so schwer, es aufzugeben. Schaue ich in meinem Wohnwagen aus dem Fenster , sehe ich jede Woche etwas anderes. Heute sehe ich Winterthur. In Genf sehe ich den See, in Chur die Alpen. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem Haus zu wohnen.

Aber in Verona sind sie zu Hause?
Ich habe ein Haus in Verona und eines in Las Vegas. Wenn andere Leute Urlaub haben, gehen sie fort. Bei mir ist es anders herum: Wenn ich Urlaub habe, gehe ich nach Hause.

Ihre Kinder sind die achte Generation in ihrer Familie, die im Zirkus auftritt.
Ja, erstmals treten wir in dieser Vorstellung gemeinsam auf. Das ist fantastisch. Ich gebe die Fackel weiter. Das passt auch zu diesem Zirkus, in dem drei Generationen der Knie-Familie auftreten. Dasselbe geschieht ja auch im Publikum. Grosseltern und Eltern kommen mit ihren Kindern an die Vorstellung und geben die Begeisterung weiter. Das gefällt mir.

Haben Sie nachgeholfen, damit ihre Kinder Artisten werden?
Nein, ich habe ihnen gesagt, sie sollen den Beruf wählen, den sie wollen. Das ist kein Job, den man machen kann, wenn man nicht wirklich will. Was die Zuschauer in der Manege sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter steckt viel, viel Übung und Arbeit.

Ihre Tochter ist Akrobatin, der Sohn Jongleur. Hätten Sie sich einen Clown gewünscht?
Nein, das nicht. Es ist besser, wenn die Kinder etwas anderes machen. Sonst werden sie immer mit dem Vater verglichen. Das wäre für beide nicht gut.

Es ist ein Markenzeichen von Ihnen, die Leute in die Manege zu holen. Diesmal spielt das Publikum sogar Musik. Will nie jemand nicht mitmachen?
Nein. Nicht alle stehen gerne im Rampenlicht. Bei mir macht jeder gerne mit. Schau mal: Du musst das mit etwas Leichtigkeit angehen. Bei mir merken die Menschen, dass sie Spass haben werden und dass nie jemand lächerlich gemacht wird. Die Leute aus dem Publikum sind meine Partner. Wir arbeiten zusammen wie die Commedia dell’ Arte: Wir improvisieren.

Sie sind auf der ganzen Welt aufgetreten. Stimmt es, dass das Publikum in Winterthur anders ist als in Zürich, im Norden anders als im Süden?
Das Publikum ist immer anders. Heute anders als morgen, morgen anders als am Montag. Es ist wie bei den Frauen. Du kannst nicht sagen: Eine Frau ist wie die andere. Jede ist eine ganze Welt, jede hat eine eigene Mentalität. Und der Clown ist der Künstler, der diese Frau verführen muss. Abend für Abend.

Gibt es einen allgemeinen Humor, der überall funktioniert?
Ja, das glaube ich. Ich bin in China aufgetreten, in Russland, in Europa, in Amerika, in Indien. Meine Auftritte haben immer funktioniert. Weisst Du: Witze über italienische Politik kann ich nur in Italien erzählen...

Über Berlusconi lachen auch wir.
Aber andere Figuren der italienischen Politik kennt hier keiner. Der Humor, den ich suche, ist universell. Das beste Beispiel dafür ist Charlie Chaplin. Über ihn hat die ganze Welt gelacht — und lacht heute noch. Das ist der Humor, den ich zu den Menschen bringen will. Ich hatte einmal ein verrücktes Erlebnis: Ich habe hinter den Kulissen geübt zu jonglieren. Ich war sicher, da war kein Mensch, und doch fühlte ich mich beobachtet. Da merkte ich, dass mir ein Affe aus seinem Wagen zuschaut. Wenn mir ein Ball runterfiel und ich mich aufregte, hat sich der Affe hinter den Gitterstäben geschüttelt und gekreischt. Und mir wurde klar, dass der Affe über mich lacht. Das war surreal — und fantastisch.

Sie werden bald 60...
Zunächst werde ich 59... Man sagt, dass Clowns mit dem Alter immer besser werden.
Wenn ich also so weitermache, werde ich auch mal noch gut?

Werden Sie denn besser?
Ein Clown braucht drei Dinge: Talent, Leidenschaft und Erfahrung. Talent bekommst Du von Gott. Leidenschaft musst Du selbst einbringen. Und die Erfahrung wächst mit der Zeit.

Die Zeit verändert auch die Welt. Heute haben alle ein Handy in der Tasche...
Ja, das macht unsere Arbeit immer schwerer. Früher war es die Sensation des Jahres, wenn der Zirkus in die Stadt kam. Es gab noch nicht mal Kino. Heute hat jeder die ganze Welt im Handy. Willst Du Chaplin sehen? Zack, Du hast ihn auf Youtube. Willst Du Grock sehen? Hier hast Du ihn. Gegen diese Konkurrenz kämpfe ich an.

Wie?
Mit etwas, dass das Handy nicht hat. Mit Seele. Das Handy hat keine Seele, ich habe eine. Ich kann nur hoffen, dass kein Ingenieur ein Handy mit Seele erfindet.

Gestern gab es in Brüssel grausame Terroranschläge. Spüren Sie in der Vorstellung, wenn es traurige Nachrichten gab?
Ja, sicher. Das sind sehr traurige Ereignisse, die jeden nachdenklich stimmen. Aber ich finde… (Wechselt ins Englische.) Genau solche Dinge zeigen, warum es Clowns braucht. Das ist der Grund für mein Tun und Wirken. Wenn alles gut läuft und alle Menschen glücklich sind, warum sollte da ein Clown auftreten? Doch die Menschen brauchen Clowns, die Menschen brauchen den Zirkus. Sie kommen hierher, um diese grausamen Dinge zu vergessen. Sie sind zweieinhalb Stunden im Zelt, in einer anderen Welt. Das ist es auch, was der Zirkus der Gesellschaft bieten kann. Zirkus hat keinen Ort, Zirkus hat keine Zeit. Er ist vollständige Imagination, er ist vollständige Fantasie. Und das tut den Menschen gut — gerade in solchen Zeiten.

Erstellt: 23.03.2016, 16:54 Uhr

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Der «Clown der Clowns»

David Larible, geboren 1957 in Verona, stammt aus der siebten Generation einer Zirkus-Dynastie. Als Clown machte er schnell Karriere, unter anderem trat er im Schweizer Circus Nock und im Zirkus Krone in Deutschland auf. Von 1986 bis 1988 war er fester Gast in der Fernseh-Sendung «Stars in der Manege». Von 1993 bis 2005 war er bei «Ringling Brothers and Barnum & Bailey Circus» engagiert, dem berühmtesten Zirkus der USA. Larible erhält viele Auszeichnungn, darunter 1999 den Goldenen Clown des Internationalen Circusfestivals von Monte Carlo. Er erwirbt sich den Ruf als «Clown der Clowns». 2014 war er bereits beim Zirkus Knie engagiert; mit dem Schweizer Nationalzirkus unterwegs war er auch schon 1965 als achtjähriger Junge als sein Vater im Knie auftrat.
Larible heiratete 1982 die Trapezkünstlerin America Olvera Jimenez, das Paar hat zwei Kinder, die dieses Jahr beide auch im Zirkus Knie auftreten. bä

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