Horgen

Der Spital-Altbau erwachte noch einmal zu neuem Leben

91 Künstlerinnen und Künstler verwandelten den Altbau des See-Spitals am Wochenende in eine riesige Galerie. Jetzt wird das 121 Jahre alte Gebäude abgerissen.

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Es gebe zwei Arten von Besuchern, sagt die Zürcher Bildhauerin Regina Altorfer. «Die einen kommen wegen der Kunst.» Und die anderen? Die wollen laut Altorfer vor allem wissen, welche Kunstwerke an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz stehen. Manuel Zimmermann, Leiter Kommunikation und Marketing am See-Spital, hat die Ausstellung organisiert und bestätigt die Beobachtung. Unter den Hunderten von Besuchern gebe es ganze Gruppen von ehemaligen und heutigen Angestellten, die mit einem Ausstellungsrundgang endgültig Abschied von ihrem Arbeitsplatz nehmen.

«Freiraum» heisst die Ausstellung, und frei waren die Kunstschaffenden in der Tat. Wo sonst kann man die Preisangabe für seine Werke direkt auf die Wand schreiben? Oder, wie der Holzbildhauer Daniel Züsli, seine Plastilinköpfe gleich auf die Wand drucken? Mega lustig finden die jungen Zuschauerinnen die Gesichter, die mit jedem Abdruck ein wenig grösser werden. Daneben stehen Züslis Zündholzfiguren und treten mit den Schwemmholzskulpturen des einheimischen Künstlers Urs Arnold in einen Dialog.

Noch schöner als erträumt

Das Publikum wird begleitet vom Grillduft, der in den Gängen hängt, und lauscht den Gitarrenklängen von Samuel Brunner, der durch die Räume zieht. «Es herrscht ein bisschen Flohmarktstimmung», sagt eine Besucherin, und Brunner, Künstlername Pluviophil, lobt die gute Atmosphäre, in der Kunst und Musik wunderbar zusammenpassten. Manuel Zimmermann erhält von überallher Komplimente. «Das Ganze ist noch schöner, als ich es mir erträumt habe», sagt er. Die Ausstellung «Freiraum» ist eine flüchtige Sache. Bis am Donnerstag wussten die Künstler nicht, welche Räume sie vorfinden würden, und gestern Sonntag mussten sie ihre Werke bereits wieder einpacken. Sie habe schon ein wenig zirkeln müssen, damit alles in der kurzen Zeit so geworden sei, wie sie es sich vorgestellt habe, sagt Bildhauerin Regina Altorfer. Aber die Organisation sei schlicht hervorragend gewesen. Susy Bachofner, die nebenan Skulpturen aus Draht, Bronze und Ton ausstellt, pflichtet bei. So eine Plattform, die man total selber gestalten könne, bekomme man als Künstlerin äusserst selten.

MRI- und Röntgenbilder

Im zweiten Stock putzt sich Peer Pfister die Hände. Der Künstler hat soeben mit Acrylfarbe einen blauen Walfisch auf eine Wand im Treppenhaus gemalt. Pfister ist Teil der Gruppe Thalwiler Hofkunst, die unter anderem die Artbox-Glaskabinen im Bahnhof Thalwil bespielt. Andere Gruppenmitglieder setzen sich in ihren Werken explizit mit dem Thema Spital auseinander. So hat Brigitta Gabban Ersatzorgane aus Keramik angefertigt, Urs Amstutz nennt seine MRI-Bilder «Mondfinsternis», und Peter Lüthy zeigt gemalte Röntgenbilder oder eine Serie mit dem Titel «Blessuren».

Die Wädenswiler Künstlerin Christine Schiess spricht ihnen aus dem Herzen, wenn sie sagt: «Diese Location ist schlicht genial.» Schiess zeigt Werke aus verschiedenen Schaffensperioden, so auch ihre Gesichter-Serien in Transfertechnik. Diese besteht darin, aufgeklebte Bilder aus Zeitschriften so lange zu bearbeiten, bis nur noch die Farbe übrig bleibt. Die Künstlerin liess sich aber auch vom Raum inspirieren. Sie hat die Tür farbig angemalt, den Türrahmen vergoldet und malte spontan eine Krimileiche auf den Fussboden. «Schliesslich sind wir hier ja im Büro des Chefarztes der Chirurgie.»

Erstellt: 26.05.2019, 18:16 Uhr

Rückbau

Die Tage des Spitaltrakts sind gezählt

Es ist eine teure und komplizierte Operation, die das See-Spital am Standort Horgen mit dem Projekt NEO vor sich hat. Der in die Jahre gekommene Spitaltrakt entlang der Asylstrasse hinter dem grauen Bettentrakt muss durch einen Neubau ersetzt werden. Das Projekt kostet das Spital 110 Millionen Franken, entstehen sollen unter anderem neue Operationssäle, eine Intensiv- und eine neue Notfallstation. Heute startet der Rückbau des 120-jährigen Altbaus. Zunächst werden wiederverwendbare Materialien ausgebaut. Der Abbruch des Gebäudes beginnt Mitte Juni.

Ein komplexer Umzug

Die Bauarbeiten haben auch Einfluss auf die Verkehrsführung. Die Buswendeschlaufe wird weiter seewärts direkt vor den neuen Haupteingang verlegt. Die Asylstrasse wird während der Bauzeit in der oberen Hälfte nur noch im Einbahnverkehr von oben nach unten befahrbar sein. Der Neubau soll voraussichtlich Anfang 2022 bezogen werden. Danach folgt der Umbau des bestehenden Behandlungstraktes seeseits des Neubaus.

Während der Bauzeit behandeln die Ärzte die Patienten in einem Provisorium im Park des Spitals. In weniger als zwei Wochen hat das See-Spital das Mobiliar und alle medizinischen Geräte aus dem Altbau in das Provisorium gezügelt. «Die Zügelte des Praxistraktes mit mehr als 100 Räumen auf vier Stockwerken war eine Parforce-Leistung», sagt Manuel Zimmermann, Leiter Kommunikation des See-Spitals. 90 Prozent des Mobiliars werde im provisorischen Trakt und im Neubau wiederverwendet, ein Teil davon am Standort Kilchberg eingelagert.

Daniel Hitz

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