Rüschlikon

«Der Seeuferweg ist ein Thema – aber nicht das einzige»

Der urfreisinnige Rüeschliker Unternehmer Thomas Isler amtet seit zehn Jahren als Präsident des Zürichsee-Landschaftsschutzes (ZSL). Einen Widerspruch zwischen bürgerlichen und grünen Anliegen sieht er nicht.

Er nimmt den Naturschutz selbst in die Hand Thomas Isler, Präsident Zürichsee-Landschaftsschutz.

Er nimmt den Naturschutz selbst in die Hand Thomas Isler, Präsident Zürichsee-Landschaftsschutz. Bild: André Springer

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Thomas Isler, Sie sind am See aufgewachsen. Wann sind Sie das letzte Mal über den See geschwommen?
Thomas Isler: Das war letztes Jahr. Einer meiner Söhne wollte ans andere Ufer schwimmen. Ich habe ihn in unserem Stehruderboot begleitet. In der Badi Küsnacht meinte er: Und jetzt schwimmst du zurück? Ich fand zuerst, ich sei zu alt dazu, habe es dann aber doch probiert. Ich war nur sieben Minuten langsamer als er.

Ist es eine Frage der Ehre für einen Seebuben, den See regelmässig zu queren?
Ich finde schon. Man sollte aber auf keinen Fall alleine schwimmen. Ab 7.30 Uhr ist bereits viel Verkehr auf dem See, es sind zahlreiche Motorboote unterwegs. Und ab 8 Uhr kommen die Wakeboarder. Die schauen überhaupt nicht, wer sich sonst noch im Wasser befindet.

Sie wohnen am See. Was würde ein durchgehender Seeuferweg in Ihnen als Privatem auslösen?
Meines Erachtens wird ein solcher kaum kommen. Vor Häusern, die ganzjährig bewohnt sind und die weniger als acht Meter entfernt vom See stehen, baut der Kanton keinen Seeuferweg.

«Grün muss nicht nur Volkseigentum sein. Grün kann auch Privateigentum sein.»Thomas Isler

Ein Steg wäre allenfalls möglich.
Steglösungen für Seeuferwege sind zum Teil auch unrealistisch. Denn der Seegrund besteht an vielen Stellen aus Seekreide. Das ist beispielsweise dem Seewasserpumpwerk an der Rüeschliker Grenze zu Thalwil zum Verhängnis geworden. Als Bub habe ich erlebt, wie der erste Rohbau abgesackt und im See versunken ist. Seekreide bedeutet, dass man anstatt einer sechs bis sieben Meter tiefen Verpfählung eine braucht, die auf 22 Meter runtergeht. Das ist für eine Steglösung unmöglich respektive unbezahlbar.

Sind Sie also der Seekreide als Privater ein bisschen dankbar?
Es sind vor allem Flora und Fauna, die dankbar sind.

Und Sie als Präsident des Zürichsee-Landschaftsschutzes?
Wir vom Schilfröhrliclub sind der Meinung, dass ein durchgehender Seeuferweg entlang des Zürichsees verheerende Folgen für Pflanzen, Tiere und die Umwelt hätte. Gestützt auf die jahrzehntelange Beobachtung der Ufervegetation und die Expertise unserer Fachspezialisten, sind wir der Ansicht, dass selbst aufwendige Begleitmassnahmen wie Überwachung, Reinigung und Ausgleichsmassnahmen die Folgen nicht genügend mildern würden.

Aber der Genfersee um Lau­sanne macht doch vor, dass ein weitgehend öffentlich zu­gängliches Seeufer möglich ist?
Das ist das beste Beispiel, wie wir es nicht haben möchten. Zwischen Lausanne und Cully finden Sie noch ein paar Japanische Flieder. Und das ist ein Neophyt, keine einheimische Pflanze. Sonst wächst aber entlang dem Seeufer praktisch nichts mehr. Und die Fauna ist ähnlich arm­selig. Ein paar Blässhühner und Stockenten bekommen Sie vielleicht zu Gesicht. Sonst nichts.

Der Seeuferweg ist nicht Ihr Steckenpferd.
Der Seeuferweg ist ein Thema – aber nicht das einzige. Wir haben nicht nur das Seeufer im Blick, sondern die gesamte Optik, vom Seeufer bis zur Krete des Zimmerbergs oder des Pfannenstiels. Die Zürichsee-Landschaft ist neben der Côte am Genfersee die zweitschönste in der Schweiz. Die möchten wir erhalten.

Was ist denn aus Ihrer Sicht vor allem problematisch an einem Seeuferweg: die Bauarbeiten, die vielen Wegnutzer, der Abfall, Vandalismus . . .?
Das alles. Und die Hunde. Ich mag Hunde. Aber wenn sie frei laufen, dann wird jeder Vogel aufgeschreckt, der dort nistet. Darum gibt es jetzt Überlegungen, Kiesinseln zu erstellen im See draussen, für Möwen und Flussseeschwalben und andere Tiere, damit sie dort nisten können.

Bei Rapperswil sind bereitssolche Inseln entstanden. Wie sind die Erfahrungen?
Gemischt. Die Vögel nutzen die Inseln zum Nisten. Nun wird aber aus Hochwasserschutzgründen der Wasserstand abgesenkt. Wenn nun bald die Schneeschmelze voll einsetzt und der Wasserspiegel wieder steigt, werden diese Nester alle geflutet.

Apropos Hochwasser: An der Generalversammlung vom 16. Juni thematisert der Vorstand des Schilfröhrliclubs auch den geplanten Entlastungsstollen zwischen Sihl und Zürichsee. Was ist seine Position?
Aus Sicherheitsgründen stehen wir voll und ganz dahinter. Bei einem Hochwasser, wie es alle 25 Jahre vorkommt, wäre das natürlich viel Wasser aufs Mal. Aber der See kann das aushalten. Leidtragende wären die Kiesbrüter, gerade zur Brutzeit im Juni. Aus Sicherheits- und Umweltschutzgründen wäre uns daher die Kombilösung lieber, also ein Stollen bei gleichzeitigem Ausbau des Etzelwerks.

Der Schilfröhrliclub begleitet Projekte wie den Entlastungsstollen. Wie aber wird er selbst aktiv im Schutz der Seeufer?
Wir haben in den letzten Jahrzehnten gegen 80 000 Quadratmeter Riedflächen im Frauenwinkel gekauft. Diese waren mit ungefähr 5 Franken pro Quadratmeter relativ günstig. Wir lassen sie nach den eidgenössischen Vorgaben bewirtschaften.

Wie schaffen Sie persönlich den Spagat zwischen den Interessen von Privateigentümern und grünen Anliegen?
Der Spagat ist nicht so schlimm. Ich bin privatwirtschaftlich strukturiert, unser ganzer Vorstand ist es. Wir haben auch Grüne mit dabei. Aber da gibt es ein weitverbreitetes Missverständnis. Grün muss nicht nur Volkseigentum sein, Grün kann auch Privateigentum sein.

(Der Landbote)

Erstellt: 03.06.2018, 18:01 Uhr

Zur Person

Thomas Isler (73), lic. oec. HSG, ist im familieneigenen Betrieb Gessner AG in Wädenswil tätig, heute noch als Präsident des Verwaltungsrats. 1974 bis 1995 war er Gemeinderat in seiner Wohngemeinde Rüschlikon, davon 17 Jahre als Gemeindepräsident. 1987 bis 2005 sass er für die FDP im Kantonsrat. Seit 2008 ist er Präsident des Zürichsee-Landschaftsschutzes, mittelfristig möchte er das Amt abgeben. Der gebürtige Rüeschliker ist verheiratet und Vater zweier Söhne. (sis)

Zürichsee-Landschaftsschutz

Der Schilfröhrliclub

Die Gefährdung des Naturufers zwischen Freienbach und Hurden, im sogenannten Frauenwinkel, gab 1927 Anstoss für die Gründung des Verbands Zürichsee-Landschaftsschutz (ZSL). Damals hiess er noch Verband zum Schutze des Landschaftsbildes am Zürichsee. Besondere Aufmerksamkeit des ZSL gilt dem Erhalt der Schilfbestände, landläufig ist er daher auch als Schilfröhrliclub bekannt.
Der Verband setzt sich dafür ein, die noch bestehenden Naturufer am Zürich- und am Obersee mit ihrer Pflanzen- und Tiervielfalt zu erhalten. Dazu gehören Zonen wie jene um die Halbinsel Au, die Feldbacher Bucht oder der Frauenwinkel, aber auch markante Häusergruppen. Der ZSL ist unabhängig und parteipolitisch neutral. Da er in drei Kantonen aktiv ist, kennt er kein Verbandsbeschwerderecht. Er wird aber von vielen lokalen, regionalen und kantonalen Behörden anerkannt und in Projekte miteinbezogen. (sis)

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