Porträt

Der Mann ohne Höhenangst

Sam Volery aus Uster ist Slackliner aus Leidenschaft. Sein Hobby hat er mittlerweile zum Beruf gemacht.

Sam Volery auf einer «Highline» zwischen zwei Berggipfeln auf dem Pilatus.

Sam Volery auf einer «Highline» zwischen zwei Berggipfeln auf dem Pilatus. Bild: Tobias Rodenkirch

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Es sind spektakuläre Bilder: Ein Mann steht auf einer Slackline, die zwischen zwei Berggipfeln gespannt ist. Weit und breit ist nur der Himmel zu sehen. Ein anderes Bild zeigt den selben Mann, der in schwindelerregender Höhe einen Handstand auf einer Slackline macht.

Der Mann, der auf den Bildern zu sehen ist, ist Sam Volery. Der 35-Jährige ist Profi-Slackliner und hat eine eigene Firma, die Slacklines herstellt und vertreibt. Spezialisiert hat er sich auf «Highlines», das sind Slacklines, die man nicht knapp über dem Boden, sondern in der Höhe installiert. Zwischen zwei Berggipfeln, zwei Seilbahnmasten, über einer Schlucht.

Weltrekorde und Wettkämpfe

Sam Volery war schon in ganz Europa, Kanada, China. Er stellte Weltrekorde auf, beispielsweise legte er die längste Strecke zurück, die jemals auf einer Highline gelaufen worden war. 1.9 Kilometer lang, er lief 1 Stunde und 36 Minuten. Manchmal nimmt er auch an Wettkämpfen teil.

Aufgewachsen ist er in Dietikon, seit zwölf Jahren wohnt er in Uster. «Ich habe die Stadt vorher nicht gekannt», sagt er. «Wir haben einfach zu viert eine Wohnung für eine Wohngemeinschaft gesucht und hier in Uster etwas gefunden.» Seit da sind viele aus der sechsköpfigen WG wieder ausgezogen – neue Leute zogen ein.

Zum Slacklinen ist er vor zwölf Jahren durch Zufall gekommen. Nach einem Skiunfall, bei dem er sich das Kreuzband gerissen hatte, suchte er nach einem Aufbautraining. «Die Wackelbretter in der Physiotherapie wurden mit der Zeit langweilig», erzählt er. «Da habe ich die Slackline entdeckt.»

Zu dieser Zeit studierte er Bewegungswissenschaften an der ETH. Er habe die Slackline in der Turnhalle zwischen zwei Barren aufgespannt und so wochenlang sein Knie stabilisiert. Als es ihm besser ging, wechselte er mit der Slackline ins Freie, blieb aber am Boden.

Durch Videos aus demInternet inspiriert

Bis er anfing, Youtubevideos anzuschauen. «Ich sah, was mit der Slackline alles möglich war und begann, selbst herumzuprobieren.»

Er startete mit Slacklining in der Höhe, dem sogenannten Highlinen, verbesserte sich immer weiter. Volery läuft nicht nur über die Slackline, er macht auch Tricks: Handstand, Drehungen, Sprünge.

Für diese übt er teilweise stunden- und tagelang – mit einer erstaunlichen Ausdauer und Ehrgeiz. «An Trainingstagen stürze ich bis zu hundert Mal», erzählt er. «Gerade jetzt habe ich eine ganze Kombination aus sogenannten Bounce-Tricks gelernt, bei der ich zweihundert Versuche brauchte, bis ich sie geschafft habe.»

Mittlerweile gelinge ihm jeder dritte Versuch. Volery ist beim highlinen immer gesichert, trägt ein Klettergestältli. Er weiss, dass er ungesichert viel mehr Aufsehen erregen würde. «Aber ich will gar nicht erst in so etwas reinrutschen», sagt er. «Ich muss nicht ans Limit gehen.» Zudem wolle er nicht, dass Freunde und Familie in ständiger Angst um ihn leben müssten.

Materialvertrieb und Kursangebote

Das passt zu Sam Volery, der einen offenen Blick hat, gerne erzählt, aber gleichzeitig zurückhaltend, fast schüchtern wirkt. Ein Blender ist er nicht.

«Es sind nur ganz wenige, die ungesichert klettern oder highlinen. Die grosse Mehrheit tut das nicht.»

Er trainiert bis zu fünfmal die Woche, nicht nur auf der Slackline, sondern auch in der Kletterhalle oder bei einer Skitour. 2009 machte er sein Hobby zum Beruf und gründete mit einem Freund zusammen die Firma Slacktivity. Nebst der Entwicklung, Produktion und dem Vertrieb von diversem Material in die ganze Welt bieten sie auch Kurse an – für Sportlehrer, Kinder, Interessierte.

Einen Adrenalinkick gebe ihm sein Hobby schon lange nicht mehr. «Für mich ist das wie für andere, wenn sie ins Fussballtraining gehen», sagt er.

Verleidet sei ihm der Sport trotzdem in all den Jahren nie. «Es gibt immer wieder neue Sachen, die man probieren kann», sagt er. «Momentan probiere ich, schnell zu laufen und auch weiterzulaufen, wenn ich das Gleichgewicht verliere.»

Nächster Weltrekordim Blick

Ausserdem profitiere er körperlich. «Man trainiert dabei den ganzen Körper», sagt er. «Während ich Mitte 20 oft Rückenschmerzen hatten, fühle ich mich heute extrem fit und gesund.»

Nun möchte er nächstes Jahr den Ausdauerweltrekord brechen. Da wird gemessen, wie viele Kilometer man in 24 Stunden schafft. Immer hin- und zurück, ohne Schlaf. Der Rekord liegt aktuell bei 13 Kilometern. «Es gibt noch viel auszuprobieren», sagt er. «Langweilig wird es mir noch lange nicht.»

Erstellt: 11.12.2019, 16:43 Uhr

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