Hombrechtikon

Der junge Bichsel und der Major in Pantoffeln

Eine Vielzahl von Zuhörern hat die Lesung von Peter Bichsel in der Gemeindebibliothek besucht. Für manche dürfte die Matinee mit dem Meister der Kurzprosa unvergesslich bleiben.

Peter Bichsel durfte sich in der Hombrechtiker Gemeindebibliothek über viele Zuhörer freuen.

Peter Bichsel durfte sich in der Hombrechtiker Gemeindebibliothek über viele Zuhörer freuen. Bild: Manuela Matt

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Gut zu Fuss ist Peter Bichsel nicht mehr. Nachdem dank zusätzlich aufgestellter Stuhlreihen alle Besucher in der Hombrechtiker Gemeindebibliothek eine Sitzgelegenheit gefunden hatten, lief der 84-Jährige bedächtig die wenigen Schritte bis zum Rednertisch. Schon in diesem Moment waren Bewunderung und Ehrfurcht im Saal mit den Händen zu greifen. Und kaum hatte der Solothurner, einer der letzten Vertreter der golden Ära der Literatur in der Schweiz um Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, das Wort ergriffen, hing ihm die Hundertschaft von Zuhörerinnen und Zuhörern an den Lippen.

Bichsel begann die Lesung mit «Meine Reise zu Cordes», einem Ausschnitt aus seinen teils unveröffentlichten Texten «Transsibirische Geschichten». Der Publizist erwies dabei Eckhart Cordes die Reverenz. Der Buchhändler lebt eigentlich in Kiel. Trotzdem taucht er immer wieder an kuriosen Orten auf, wohin der Icherzähler sich mit dem Zug verfahren hat. Der Text verdeutlicht, wie Bichsel oft zu Werke geht. Zum Ausdruck kamen sein Talent zur Pointe und sogar zur Pointe nach der Pointe sowie sein Humor. Das eine brachte das Publikum zum Schmunzeln, das andere zum Lachen.

Vom Umgang mit der Macht

Sucht Bichsel in der Fiktion oft zuerst den Umweg, das Indirekte, so nimmt er in seinen Kolumnen deutlich Position ein. Dies trifft auch auf «Der Buck in meiner Gamelle», publiziert im Jahr 2013, zu. Dabei erinnert er sich an ein einschneidendes Erlebnis seiner Militärzeit. Bei Major M. war alles entweder verboten oder obligatorisch. Als dem jungen Sanitäter Bichsel die Gamelle in den Garten des Majors fiel, musste er wohl oder übel an dessen Tür klingeln. Die Begegnung bereitete ihm Angst und Furcht vor einer Strafe. Aber der Major in Uniform und jener in Hosenträgern und Pantoffeln waren nicht dieselben Personen.

Mehr und mehr erschreckte den jungen Bichsel in der Erinnerung jedoch das zweite Bild, das freundliche. Die Moral der Geschichte: «Menschen sind zu allem fähig. Man muss sie nur davon überzeugen, dass Macht ausüben notwendig ist.» Und Macht werde verteidigt, indem man Angst verbreite.

Am Schluss der Kolumne wird Bichsel dann auch politisch: «Weisst du, du arbeitest zu Hause anders als ich», sagt sein Dienstkollege zu ihm. «Für mich sind das hier wunderbare Ferien. Ich arbeite in einer Schuhfabrik am Band.»

Der Hombrechtiker Freund

Eine Frage, die sich mancher im Saal stellte, war, was den berühmten Autor denn veranlasste, in Hombrechtikon aufzutreten. Die Antwort lieferte der Initiant der Matinee, der Hombrechtiker Lastwagenchauffeur Urs Schönbächler, gleich selbst. «Ich lernte Peter Bichsel vor Jahren unterwegs in Solothurn kennen.» Sie seien seither freundschaftlich verbunden. «Ich nahm seine Einladung gerne an», sagte Bichsel. Danach stellte der Hombrechtiker Journalist Wolfgang Frei dem Ehrengast einige Fragen. Bichsel erwies sich dabei ebenso als Meister der Erzählkunst. Die Matinee nahm schliesslich ihr Ende mit Bichsels köstlichen Kurzgeschichten «Im Hafen von Bern im Frühling» und «Ticino und Grappa». Als bleibende Erinnerung deckten sich im Anschluss viele Besucher am Büchertisch mit Werken von Bichsel ein.

Erstellt: 23.06.2019, 18:27 Uhr

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