Meilen

«Der Imker-Boom schadet der Biodiversität»

Landschaftsarchitekt und Tierökologe André Rey hielt im Ortsmuseum Meilen einen Vortrag zu Wildbienen. Er betonte, wie stark bedroht die Tiere sind – gerade von wohlmeinenden Hobby-Imkern.

Tierökologe André Rey prangert die Kommerzialisierung der Imkerei an.

Tierökologe André Rey prangert die Kommerzialisierung der Imkerei an. Bild: Marc Dahinden

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«Wildbienenhotels boomen, können aber nur von fünf Prozent der Wildbienenarten genutzt werden.» Ernüchternde Aussagen wie diese zogen sich durch den Vortrag von Landschaftsarchitekt und Tierökologe André Rey. Im Rahmen der Ausstellung «Bienen-Wunder» im Ortsmuseum Meilen stellte Rey die unbekanntere Verwandte der Honigbiene vor: die Wildbiene.

Doch die über 70 Anwesenden mussten den Saal nicht völlig resigniert verlassen: Rey zeigte immer wieder auf, wie man der bedrohten Wildbiene helfen kann. Während Wildbienenhotels seiner Meinung nach keinen Beitrag zum Artenschutz leisten, seien bereits kleine Massnahmen effektiv. «Man kann viel mehr erreichen, wenn man die richtigen Blumen pflanzt oder nicht die ganze Wiese im Garten auf einmal mäht», sagte Rey.

Hälfte aller Wildbienenarten ist bedroht

Sein Anliegen sei es, aufzuklären und auf die Situation der Wildbienen aufmerksam zu machen. Nach einem kurzen Exkurs in die verschiedenen einheimischen Wildbienen-Arten – «ich habe Ihnen nun 31 Arten vorgestellt; das sind aber nur fünf Prozent aller einheimischen» – erklärte Rey, wieso die Wildbienen für ein gesundes Ökosystem unverzichtbar sind. «Bienen haben sich zusammen mit den Blüten entwickelt.» Somit hätten sich die Bienen immer weiter spezialisiert und ihre Körper an die Blumen angepasst. «Der Fortbestand unserer einheimischen Blütenpflanzen hängt somit elementar von den Wildbienen ab», betonte Rey.

«Pro Jahr verschwindet etwa eine Wildbienenart.»André Rey, Landschaftsarchitekt und Tierökologe

Die Wildbienen seien die Schlüsselarten unseres Ökosystems. Obwohl die Honigbiene die bekannteste Biene darstellt, sei die Wildbiene für 75 Prozent der Bestäubung in der Landwirtschaft verantwortlich. «Für eine Hektare Apfelbäume braucht es entweder 10000 Honigbienen oder 100 Wildbienen», sagte er. Doch Wildbienen sind gefährdet – in der Schweiz sind dies rund 50 Prozent aller Wildbienenarten. Dies habe verschiedene Ursachen. Eine wichtige sei die Landwirtschaft, die die Tiere durch Pestizide, Monokulturen und Bodenversiegelungen bedrohe. «Pro Jahr verschwindet etwa eine Wildbienenart», sagte Rey.

Wer nun denkt, dass Biene gleich Biene sei, täuscht sich. Die Honigbiene ist mittlerweile eine domestizierte Art, für die die Bestäubung nebensächlich sei, führte er aus. Ihr Spezialgebiet sei die Honigproduktion. Bei den Wildbienen gebe es hingegen rund 150 Arten, die eine unverzichtbare Bestäubungsleistung erbringen. Zudem: «Die wildlebende Honigbiene ist praktisch nicht mehr vorhanden. Die heutige Honigbiene ist ein Nutztier», sagte Rey. Honigbienenzucht sei Massentierhaltung: «Das Paarverhalten wird beeinflusst, männliche Bienen werden kastriert und ganze Bienenstöcke geimpft.» Dies habe negative Auswirkungen auf die Wildbienenpopulation.

«Es braucht Honigbienen-freie Zonen»

«Seit dem Erfolg des Films ‹More than Honey› gibt es einen Imker-Boom», berichtete Rey. Unterdessen existierten in der Stadt Zürich zehn bis zwanzig Bienenvölker pro Quadratkilometer statt eines, was natürlich wäre. Er sprach von einer zunehmenden Überpopulation der Honigbiene, die das natürliche Gleichgewicht aus dem Lot bringe. «Die Wildbiene erhält deswegen weniger Nahrung, was weniger Nachwuchs bedeutet», erklärte Rey. Im schlimmsten Falle würden Wildbienen ganz verschwinden.

Rey prangerte zudem die Kommerzialisierung der Imkerei an: «Im heutigen Ausmass ist die Imkerei schädlich.» Ausserdem würden Honigbienen Krankheiten auf Wildbienen übertragen und sie so weiter gefährden. Rey ist überzeugt, dass es Honigbienen-freie Zonen braucht. «Es ist ein akutes Problem. Viele Imker glauben, dass sie Gutes tun.»

Im Anschluss an Reys Vortrag wollten die Anwesenden vor allem eins wissen: Wie kann man Wildbienen helfen? Aus diesem Grund hat Rey das Projekt «Future Planter» mitentwickelt. Interessierte können auf der entsprechenden Website drei Fragen zum Standort und Wohnort beantworten und bekommen dann eine Pflanzen-Empfehlung. Diese basiert auf in der Nähe lebenden Wildbienenarten. «Wenn bei Ihnen in der Nähe Zaunrüben-Sandbienen vorkommen, können sie beispielsweise Zaunrüben pflanzen. Die Bienen entdecken die Blüten schnell.» So könne man auch mit wenig Fläche viel für seltene Wildbienenarten bewirken.

Ausstellung Bienen-Wunder: Ortsmuseum Meilen, jeweils Samstag und Sonntag, 14 bis 17 Uhr, Finissage: 17. November.

Erstellt: 27.10.2019, 22:16 Uhr

André Rey, Landschaftsarchitekt und Tierökologe.

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