Horgen

«Das Schlimmste ist, von der Familie getrennt zu sein»

Die 47 Insassen des Horgner Gefängnisses werden Weihnachten nicht im Kreise ihrer Angehörigen zu Hause, sondern in der Vollzugseinrichtung verbringen. Gefängnisleiter Zeki Kogumtekin weiss, dass die bevorstehenden Festtage für die Insassen eine besondere Herausforderung sind.

Für Gefängnisleiter Zeki Kogumtekin ist ein respektvoller Umgang mit den Insassen zentral.

Für Gefängnisleiter Zeki Kogumtekin ist ein respektvoller Umgang mit den Insassen zentral. Bild: Viviane Schwizer

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Mit «willkommen im Gefängnis», begrüsst Gefängnisleiter Zeki Kogumtekin die ZSZ-Redaktorin im Innern des Horgner Vollzugsgefängnisses. Mit einem Lächeln im Gesicht fügt er an: «Mit ‹willkommen in Horgen› begrüssen wir auch die Gefangenen, denn wir begegnen allen mit Respekt und Freundlichkeit». Das sei eine wichtige Devise.

An diesem Ort werden also 47 Häftlinge, die eine Kurzstrafe von bis zu 18 Monaten verbüssen, die Weihnachtstage verbringen. Das Vollzugsgefängnis an der Burghaldenstrasse verfügt über 54 Plätze für erwachsene Männer und beschäftigt Mitarbeitende in 18,4 Vollzeitstellen. Das Haus ist zurzeit aber nicht voll belegt, da die Zahlen stark schwanken. Oft gibt es Ein- und Austritte, da die Verweilzeit der Insassen im Durchschnitt nur zirka vier Monate beträgt.

Beschwerliche Dezembertage

«Die Advents- und Weihnachtszeit ist für die meisten Gefangenen belastend», sagt Zeki Kogumtekin, der seit 18 Jahren in verschiedenen Gefängnissen und seit knapp dreieinhalb Jahren im Vollzugsgefängnis in Horgen tätig ist. Er schildert: «Die Leute sind im Vollzug, haben ihre Freiheit für eine bestimmte Zeitspanne verloren, leben hinter Gittern, was an Weihnachten besonders schmerzlich erlebt wird.» Am Fest der Freude fehlt die Familie enorm. Zwar sind an Weihnachten wie unter dem Jahr Besuche während einer Stunde pro Woche erlaubt. Nicht alle Gefangene haben aber Leute, die nach ihnen fragen: Für die rund 70 Prozent Ausländer sind die Angehörigen ausser Reichweite und die stattfindenden Besuche stehen unter besonderen Vorzeichen: Einschneidend sind Anmeldepflicht, Formulare, Sicherheitschecks und so weiter.

Zwar gibt es immer wieder Stunden des Gruppenvollzugs, also geregelte Freizeitfenster, in denen spaziert oder beispielsweise «Mensch ärgere dich nicht» gespielt werden darf. Auch Zeitungen, Radio und Fernseher sind erlaubt. Verboten sind hingegen elektronische Medien. Der Gefängnisleiter sagt: «In den Zellen ohne Türfallen können die Festtage lang und beschwerlich werden».

Gottesdienst und Gabenpaket

Die Mitarbeitenden im Gefängnis müssen gemäss Gesetzesauftrag einerseits gerichtlich angeordnete Freiheitsstrafen vollziehen und für Sicherheit sorgen, andererseits die Gefangenen beobachten und betreuen. Besonders in der Weihnachtszeit müsse auf sich anbahnende Krisen geachtet werden. Ärzte, Psychologen und Seelsorger seien bei Schwierigkeiten die Ansprechpartner, die zu Rate gezogen würden. Auch Zeki Kogumtekin ist offen für Fragen der Insassen. Er setzt insbesondere auf sprachlichen Respekt: Er spricht nicht von Wärtern, sondern von Mitarbeitenden, Aufsehern und Betreuerinnen. «Nicht einmal im Zoo redet man von Wärtern, sondern von Tierpflegern». Im Gefängnis gehe es ebenfalls um Anstand. Und der beginne mit einem höflichen «Grüezi».

Kurz vor Weihnachten gibt es im Vollzugsgefängnis in Horgen jeweils einen Gottesdienst mit anschliessender Feier von rund zweieinhalb Stunden, welcher im Gemeinschaftsraum stattfindet. Ihm stehen jeweils ein katholischer und ein reformierter Gefängnisseelsorger, oft auch ein Imam, vor. Nach der Feier wird das Nachtessen mit Gebäck zum Dessert ergänzt. Geschenke von Organisationen sind willkommen. In den kontrollierten Paketen sind oft gestrickte Socken, Süssigkeiten und ein Kugelschreiber. Angehörige können alle zwei Monate ein «Gabenpaket» von maximal fünf Kilogramm verschenken. Es gibt aber Vorgaben und die Geschenke werden sicherheitstechnisch exakt überprüft.

Respekt und Perspektiven

Klar ist: Der Vollzug ist eine Strafe, die weh tut, Respekt einflösst und nie mehr erlebt werden will. Ruhig, besonnen und zugleich humorvoll meint der Gefängnisleiter: «Beim Austritt eines Insassen sagen wir nie ‹Auf Wiedersehen›». Die Entlassung in die Freiheit sei wichtig, da sie das höchste Gut sei, das wir hätten. Um nicht rückfällig zu werden, seien Perspektiven für die Zukunft wichtig.

Bald ist Weihnachten: Zeki Kogumtekin wird keinen Dienst haben, aber auf Pikett sein. Er wird ins Gefängnis kommen, «falls etwas Schwerwiegendes passiert». Er hofft es nicht, sondern ist zuversichtlich, dass die Insassen dank einer respektvollen Begleitung die weihnachtliche Hürde schaffen und einen nächsten Lebensabschnitt anvisieren können. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.12.2017, 15:54 Uhr

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