Wochengespräch

«Das romantische Liebeskonzept ist nicht alltagstauglich»

Die Horgnerin Christiane Ryffel ist Soziologin, Paartherapeutin und Autorin. Sie plädiert dafür, vom romantischen Ideal Abschied zu nehmen.

Sie findet, die Institution Familie sei heutzutage überlastet: Die Paartherapeutin Christiane Ryffel.

Sie findet, die Institution Familie sei heutzutage überlastet: Die Paartherapeutin Christiane Ryffel. Bild: Manuela Matt

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Frau Ryffel, Ihr Buch «Vom Ende zum Anfang der Liebe» ist ein Renner. Was verbirgt sich hinter dem vielsagenden Titel?
Christiane Ryffel: Fast alle Menschen wünschen sich eine lange und tiefe Liebesbeziehung, und ganz viele sind enttäuscht von ihrer Partnerschaft. Birgit Dechmann, meine Mitautorin, und ich haben uns gefragt, warum das so ist und ob sich das ändern liesse.

Haben Sie Antworten auf Ihre Fragen gefunden?
Wir meinen, dass so viele Paare aus­ein­ander­gehen, liegt nicht so sehr an Charakterfehlern, sondern an ihrer Vorstellung von Liebe. Fast alle gehen von einem romantischen Liebeskonzept aus. Das ist aber nicht alltagstauglich und auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten. Es zeigt sich nämlich im Laufe der Zeit, dass der andere nicht dem idealisierten Anfangsbild entspricht.

Und so kommt die Verliebtheit in die Krise …
Ja. Paare meinen dann, sie hätten sich im Partner getäuscht, sie wer­den immer nörgeliger und eine Trennung wird erwogen. Tatsächlich trägt aber nur die roman­tische Vorstellung nicht mehr. Es kommt zum Zusammenbruch und einer inneren Leere, die aber nötig ist, um etwas Neues entstehen zu lassen.

Sie zeigen also einen Weg zurück an den Anfang?
Nein. Gerade nicht. Romantik kann zwar auch in langen Beziehungen immer wieder aufblitzen, und das ist wunderschön. Aber sie ist nicht alltagstauglich. Viel wichtiger ist der bewusste Entscheid, sich weiterhin mit aufmerksamem Blick verbunden zu bleiben. Das beinhaltet, die Unzulänglichkeiten und Charakterschwächen des anderen zu akzeptieren und versuchen zu verstehen, warum der andere so und nicht anders ist.

Gibt es für Sie also keine beziehungsmässigen «Todsünden»?
Doch. Vertrauensmissbrauch, Unwahr­heiten, Illoyalität führen meist zu akuten Krisen. Feh­lende Wertschätzung oder sich viel zu wenig vom anderen wahrgenommen fühlen, sind schleichende Liebestöter.

Diese Killer dürften also nicht passieren?
Ausrutscher gehören zum Mensch-Sein. Fast alle Paare erleben Enttäuschungen dieser Art.

Mir scheint, dass Paare in der Advents- und Weihnachtszeit besonders viel Stress haben.
Richtig. In dieser Zeit sind die Erwar­tungen an Harmonie und Gemütlichkeit besonders hoch. Damit sind Krisen vorprogrammiert. Gut wäre, die Gestaltung der Festtage den aktuellen Möglichkeiten anzupassen und auch mal Traditionen zu verändern.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Als mein Mann und ich vor Jahren mit Beruf, Haushalt, Kindern vor den Festivitäten überlastet waren, wünschten wir uns vor dem Feiern noch eine kurze Ver­schnauf­pause, einen Spaziergang nur zu zweit. Das bedeutete aber eine Aufteilung der Arbeiten: Jemand sollte für das Schmücken des Baumes, ein anderer für das Decken des Tisches, jemand für das Weihnachtsmenü zuständig sein. Die Kinder boten sofort an, ein Festessen zu kochen. Als mein Mann und ich vom Spaziergang zurückkamen, war das Lieblingsmenü der Kinder angerichtet: Es gab Ravioli aus der Büchse … Nach erstem Schlucken von uns El­tern freuten wir uns einfach, dass alle zu­frie­den waren: Wir hat­ten unseren Spaziergang und die Kinder ihren Lieblingsschmaus.

Sie haben viele Ideen, damit das Zusammenleben gelingt.
Können Sie Ihr Know-how auch für sich selber umsetzen?
Na, in Massen. Schliesslich habe auch ich meine blinden Flecken. Aber dafür ist es eben gut, zu zweit zu sein, weil der andere die Unzulänglichkeiten ja meistens sehr klar sieht und einem zu verstehen gibt. So ein Gegenüber ist für die Persönlichkeitsentwicklung ein guter Lehrmeister, auch wenn das oft unbequem ist.

Was ist für Sie in Ihrer Partnerschaft besonders wichtig?
Immer wieder neu eine Balance zu finden zwischen persönlichem Freiraum, in dem ich das verwirklichen kann, was mir wichtig ist und genügend Zeit, Energien und Musse für Unternehmungen oder Gespräche mit meinem Mann. Ausserdem brauche ich Klarheit und Loyalität, und ich bin auf Humor angewiesen, wenn mal nicht alles so klappt …

Sie sind schon mehr als 50 Jahre verheiratet. In dieser Zeit hat sich punkto Partnerschaft wohl viel verändert?
Ja sehr. Die 70er-Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Patriarchale Strukturen galten als verpönt, Vorbilder für ein partnerschaftliches Zusammenleben gabs fast gar nicht. Also mussten junge Paare damals selber nach einer Form der Neugestaltung suchen. Wir bewegten uns auf unsi­cherem Terrain und mussten uns in eigener Regie die Fragen stellen: Wer macht wie viel Hausarbeit? Wer engagiert sich wie stark in der Kinderbetreuung? Wie sollten wir mein Studium orga­nisieren und als Paar und Fami­lie trotzdem gut miteinander leben können und so weiter.

Heute sind noch viel mehr ­gesellschaftliche Veränderungen dazugekommen …
Ja. Das Arbeitstempo hat enorm zugenommen, und die Technisierung stellt uns vor neue Herausforderungen. Auffallend finde ich, dass Frauen heute, viel stärker als noch in meiner Generation, ­eigene Berufskarrieren verfolgen. Das finde ich wichtig und gut, es stellt aber grosse Ansprüche an die Flexibilität und an die Organisationsfähigkeit der Familie.

Sie sehen hier Stolpersteine?
Ja. Paare müssen immer wieder neu aushandeln, wie sich die be­ruf­lichen Interessen der Partner so unter einen Hut bringen lassen, dass es ihnen selber und auch den Kindern gut geht. Der Preis ist oft erhöhter Stress für alle. Das liegt aber nicht an irgendwelchen individuellen Unfähigkeiten, son­dern daran, dass unsere gesellschaftliche Ordnung ziemlich beziehungsfeindlich ist.

Wie meinen Sie das?
Zentrale Werte sind Rentabilität, Flexibilität und Mobilität. Das verträgt sich nur schlecht mit den Bedürfnissen der Familie nach Sicherheit, Kontinuität und Musse.

Was für ein Fazit ziehen Sie aus diesen Überlegungen?
Ich meine, dass die Familie als Insti­tution überlastet ist. Einerseits ist in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit die Sehnsucht nach Stabilität, Schutz, Geborgenheit besonders stark. Das ist das, was man sich von Partnerschaft und Familie wünscht. Andererseits ist die Familie aber so was wie ein Auffangbecken für all die Enttäuschungen, den Druck, die Konkurrenz in der Aussen- bzw. Arbeitswelt. Auf diesem Hintergrund staune ich immer wieder und bewundere es auch, dass es durchaus Familien gibt, die gerne zusammen ­leben und mindestens zufrieden, manchmal sogar glücklich sind.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.12.2016, 16:06 Uhr

Bestsellerautorin

Christiane Ryffel, aufgewachsen in Berlin, lebt mit ihrem Mann schon seit fast fünfzig Jahren in Horgen. Sie ist Mutter zweier erwachsener Kinder und einfache Grossmutter. Nach Abschluss ihres Studiums der Soziologie, Sozialpsychologie und Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich arbei­tete Ryffel als Assistentin am Soziologischen Institut. Ihre Dissertation schrieb sie zum Thema «Männer in Familie und Beruf. Eine empirische Analyse zur Situation Schweizer Ehemänner».
In den Jahren 1983 bis 2005 arbeitete Christiane Ryffel als Ausbildnerin und Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit. Die Soziologin verfügt über eine Zweitausbildung in systemischer Therapie und Beratung und arbeitet bis heute in Teilzeit als Paartherapeutin. Ihre Bücher «Soziologie im Alltag» (ISBN 978-3-7799-3160-7) und «Vom Ende zum Anfang der Liebe – Wie Paare zusammenbleiben» (ISBN 978-3-407-85743-9), die sie zusammen mit Birgit Dechmann schrieb, sind Bestseller und wurden bereits zum 70 000- bzw. 30 000-mal verkauft.vs

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