St.Gallen

«Beim Kanti-Leck ist alles schief gelaufen, die Regierung hat keine gute Rolle gespielt»

Nach 16 Jahren ist Willi Haag (FDP) aus dem Regierungsrat zurückgetreten. Als Bauchef hat er massgeblich dazu beigetragen, den Linthkanal zu sanieren. Im Rückblick schaut der 68-Jährige auf das Tunneldebakel und die Gasterstrasse zurück.

Willi Haag zieht Bilanz über seine Amtszeit als Vorsteher des St. Galler Baudepartements: «Ich habe sehr viel aufbauen und realisieren dürfen. Jetzt ist meine Zeit vorbei.»

Willi Haag zieht Bilanz über seine Amtszeit als Vorsteher des St. Galler Baudepartements: «Ich habe sehr viel aufbauen und realisieren dürfen. Jetzt ist meine Zeit vorbei.» Bild: Regina Kühne

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Wie würden Sie Ihre Hinterlassenschaft in baulicher Hinsicht bezeichnen?
Willi Haag: Als Vorsteher des Baudepartementes habe ich es während der letzten 16 Jahre als meine Hauptaufgabe gesehen, unsere Infrastrukturbauten auf einen zeitgemässen Stand zu bringen. Ich bin überzeugt, dass gute Infrastrukturen in allen Bereichen eine sehr positive Wirkung für den ganzen Kanton St.Gallen als Standortfaktor zeigen. Die wichtigsten Projekte waren die Neukonzessionierung der Therme Bad Ragaz, der Neubau des Fussballstadions in St.Gallen, die sechs grossen Spitalbauvorlagen, das neue Planungs- und Baugesetz sowie die Sanierung des 200-jährigen Linthwerks.

Haben Sie sich beim Linthkanal bisweilen die Zähne ausgebissen an gewissen Exponenten vom Obersee?
Die Realisierung eines Hochwasserschutzprojektes ist sehr anspruchsvoll und komplex. Die Sicherung des Trinkwassers, der Erhalt des Kulturlandes für die Landwirtschaft und die ökologische Aufwertung des Gewässerlebensraumes für Fische, Kleintiere und Pflanzen sind nur schwer zu lösende Interessenkollisionen. Weil der Spielraum nicht sehr gross war, konnten auch nach langen und intensiven Gesprächen nicht alle Differenzen bereinigt werden. Letztendlich musste das Bundesgericht gegen einige Landwirte entscheiden.

Wie sind Sie mit den Korruptionsvorwürfen umgegangen?
Es ist schon etwas ernüchternd, wenn man nach 15 Jahren intensiver Arbeit mit unzähligen Gesprächen, Verhandlungen, Infoveranstaltungen und breiter Kommunikation ein komplexes Sanierungsprojekt erfolgreich abschliessen kann und dann mit drei Verfahren mit verschiedensten Behauptungen und Vorwürfen eingedeckt wird. Die zwei Verfahren bezüglich Korruption und Vetterliwirtschaft sind bereits klar zugunsten des Linth-werks entschieden worden und damit vom Tisch.

In einem dritten Verfahren hat das St. Galler Verwaltungsgericht gegen Sie entschieden.
Geblieben ist die Frage, ob die Namen unserer Pächter einer Zeitung (Anmerkung der Redaktion: «Obersee-Nachrichten») offengelegt werden müssen. Es ging um die Frage Datenschutz oder Öffentlichkeitsgesetz. Das Gericht hat entschieden, und wir haben die Namensliste herausgegeben. Es liegt nun in der Verantwortung der Zeitung, die Interessenabwägung vorzunehmen. Dass bei einer so grossen Verpachtung auch bei transparentem Vorgehen nicht alle Interessenten zufrieden sind, liegt auf der Hand.

Was würden Sie als Höhepunkte beziehungsweise Tiefpunkte Ihrer Amtszeit bezeichnen?
Ein Höhepunkt war sicher die überwältigende Zustimmung aller Gemeinden zu allen sechs Spitalbauvorlagen im Herbst 2014. Ebenso bin ich sehr erfreut, dass der Kantonsrat an meiner letzten Session das neue Planungs- und Baugesetz nach langen und intensiven Diskussionen verabschiedet hat. Als Tiefpunkt muss ich den Einsturz der erst drei Jahre in Betrieb gestandenen Sporthalle im Tal der Demut in St. Gallen im Jahre 2009 bezeichnen. Da sind wir haarscharf an einer Katastrophe vorbeigekommen. In solchen Fällen fühlt man sich ohnmächtig und hilflos

Ein weiteres Schulbauprojekt hat die Gemüter stark bewegt: Wie sehen Sie das Kanti-Leck im Rückblick?
Da ist alles schief gelaufen. Eine unkoordinierte und schlechte Kommunikation hat zwei Regionen gegeneinander aufgebracht. Dann kam die Indiskretion nach einer Landsitzung der Regierung mit viel Emotionen und gegenseitigen Vorwürfen dazu. Da haben wir als Regierung keine gute Rolle gespielt. Noch immer ist offen, wie der Gemeindepräsident von Nesslau zu seinen Informationen kam. Ein wichtiges Schulbauprojekt ist dadurch um über ein Jahr verzögert worden. Das darf nicht mehr passieren.

Im Mittelpunkt Ihrer Arbeit standen naturgemäss Strassenbauprojekte. Wie lautet Ihre Sicht des Rapperswil-Joner Tunnel-Debakels im Rückblick?
Mich hat das Resultat der Abstimmung völlig überrascht. Nach der jahrelangen intensiven Planung, der engen Zusammenarbeit mit dem Stadtrat und nach einigen öffentlichen Infoveranstaltungen hätte ich mir nie ausmalen können, dass die Rapperswil-Joner das Projekt bachab schicken könnten. Damit hat die Stadt zur Lösung ihrer dringenden Verkehrsprobleme mindestens zehn wertvolle Jahre verloren. Jetzt geht es darum, ein neues Projekt aufzugleisen. Der Weg ist aufgrund der unverändert unterschiedlichen Vorstellungen schwierig und zeitintensiv.

Mit der Gasterstrasse kommt ein weiteres sehr kontroverses Projekt vor die Stimmbürger. Wie schätzen Sie den Sinn, den Nutzen der Strasse ein?
Die Verkehrsprobleme im Städtchen Uznach sind bekannt. Ob die Gasterstrasse und falls ja, mit welcher Linienführung, die Verkehrsprobleme zu lösen vermag, kann in der jetzigen Planungsphase noch nicht beantwortet werden. Richtig ist, dass der Kantonsrat die Projektierung der Gasterstrasse mit der Aufnahme ins jetzige Strassenbauprogramm beschleunigen wollte. Linienführung, Entlastungswirkung und Kosten werden derzeit erarbeitet und sind entscheidend für die Weiterbearbeitung im nächsten Strassenbauprogramm ab 2019.

Hat Sie die Kritik, der Umgangston in der Politik, im Kantonsrat zermürbt? Sind Sie dünnhäutiger geworden?
Der Ton in der Politik hat sich in den letzten Jahren verschärft. Zugenommen hat auch die Personifizierung der Voten. Das ist schade, aber in der täglichen Politik zu akzeptieren. Es gab schon Geschäfte oder Situationen, die ich ausserhalb einer sachlichen Auseinandersetzung empfand. Dies speziell dann, wenn Medienberichte mit Behauptungen ohne jegliche Gespräche oder Fragen im Vorfeld erschienen sind. Da bin eben auch ich hie und da spitziger und lauter aufgetreten, was dann aber als nicht würdig beurteilt wurde, da ich aus der Regierung kam. Es mag sein, dass man einerseits mit der Zeit eine etwas breitere Schulter bekommt und andererseits auch etwas dünnhäutiger wird. Zermürben jedoch tut das nicht, wenn man ein gutes Projekt ins Ziel bringen will.

Wieso wurde der Umgangston immer rauer?
Seit einigen Jahren ist spürbar, dass die Parlamente ihren Einfluss verstärken und ihre Entscheidungskompetenzen erweitern wollen. Dadurch ist es in vielen Bereichen unklar geworden, was strategische Aufgaben (Parlament) und was operative und administrative Aufgaben (Regierung und Verwaltung) sind. Die gegenseitige Bearbeitung der Schnittstellen und Kompetenzen zwischen Parlament und Regierung ergibt Spannungen und Diskussionen, die einer effizienten Erfüllung unserer Aufgaben nicht dienlich und für die Bevölkerung kaum verständlich sind. Ich hoffe, dass mit der Zeit wieder etwas mehr Sachlichkeit einkehren wird.

Sind Sie froh, dass Sie es hinter sich haben?
Ja und nein! Ich wollte Regierungsrat werden und habe meine Aufgabe als Mitglied der Regierung immer mit viel Freude und mit Herzblut wahrgenommen. Und vor vier Jahren habe ich mich entschieden, nochmals anzutreten und eine vierte Amtsdauer in Angriff zu nehmen. Alle 16 Jahre waren sehr interessant, abwechslungsreich und intensiv. Ich habe sehr viel aufbauen und realisieren dürfen. Jetzt ist meine Zeit vorbei. Ich bin froh, mich jetzt von meinen Aufgaben entlasten zu dürfen und einen Gang zurückzuschalten.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.06.2016, 14:26 Uhr

Infobox

Zur Person

Willi Haag, geboren am 15. Dezember 1947 und aufgewachsen in einer Bauernfamilie in Waldkirch, hat eine Ausbildung als Grundbuchverwalter und Immobilien-Treuhänder gemacht. Er begann seine politische Laufbahn 1989 als Schulratspräsident in Wittenbach. Von 1991 bis 2000 war er dort Gemeindepräsident. 1996 kam Willi Haag in den Grossen Rat des Kantons St. Gallen und 2000 in die Regierung als Vorsteher des Baudepartementes. Zu seinen Hobbies gehören Skifahren, Langlaufen, Velofahren und Wandern. Willi Haag ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und wohnt in Wittenbach. (ml)

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