Wochengespräch

«Behinderung lässt sich nicht wegsparen»

Als Leiter der Heilpädagogischen Schule (HPS) Waidhöchi in Horgen muss Rolf Markus Frey die Herausforderung meistern, kognitiv beeinträchtigte Kinder adäquat zu fördern. Von Schülern sowie von Mitarbeitenden fordert er viel.

Seit 2016 arbeitet Rolf Markus Frey in Horgen. Er leitet die HPS Waidhöchi.

Seit 2016 arbeitet Rolf Markus Frey in Horgen. Er leitet die HPS Waidhöchi. Bild: Sabine Rock

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Kürzlich sorgte die Heilpädagogische Schule Humlikon für Schlagzeilen. Eltern warfen einigen Lehrpersonen vor, Ohrfeigen an ihre Kinder verteilt zu haben. Was ist Ihnen bei dieser Nachricht durch den Kopf gegangen?

Rolf Markus Frey: Zu diesem Fall kann ich nichts sagen, da ich die Details nicht kenne. Aber er hat mir gezeigt, dass man immer achtsam sein muss. Gewaltprävention ist bei uns ständig ein Thema.

Was tun Sie als Schulleiter der HPS Waidhöchi, damit es nicht zu Grenzüberschreitungen der Lehrpersonen gegenüber den Schülern kommt?

Früherkennung ist wichtig. Da gibt es wohl noch Spielraum. Mir kommt hierbei aber entgegen, dass wir mit 45 Schülerinnen und Schülern eine eher kleine Schule sind. Man kennt sich untereinander, bespricht den Schulalltag. Eine überforderte Lehrkraft würde schnell auffallen. Weiterbildungen zum Thema Gewaltprävention sind mir zudem wichtig. Es geht darum, den Umgang mit Schülern zu lernen, die Grenzen überschreiten und mit ihrem Verhalten Lehrpersonen vor grosse Herausforderungen stellen.

Sie sprechen es an: Die Arbeit mit geistig behinderten Kindern ist eine Herausforderung.

Gerade diese Herausforderungen faszinieren mich an meiner Arbeit. Man muss bei jedem Kind stets den nächstmöglichen Entwicklungsschritt zum Ziel haben: Immer gerade so viel verlangen, dass das Kind nicht über-, aber auch nicht unterfordert ist. Denn beides führt zu Störungen.

Das ist bei sogenannt normalen Kindern ja nicht anders.

Dort ist es einfacher, weil das Lebensalter mit dem Entwicklungsalter übereinstimmt. Bei unseren Schülern herrscht eine grosse Heterogenität. Wenn wir zum Beispiel das Thema „Apfel“ besprechen, nehmen wir mit dem einen Kind die verschiedenen Tätigkeiten durch, die mit Äpfeln denkbar sind – ernten, in Schnitze schneiden, und so weiter. Ein anderes Kind aber muss erst die Begriffsbildung lernen: Was ist ein Apfel überhaupt, wie fühlt er sich an?

Finden Sie für die herausfordernde Arbeit auch immer genug Personal? Zumal im Bildungswesen ein permanenter Spardruck herrscht.

Wir sind tatsächlich stark von Sparmassnahmen betroffen. Aber Behinderung lässt sich nun mal nicht wegsparen, und ich finde: Eine Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie mit Schwächeren umgeht. Ich bin aber in der glücklichen Lage, auf das neue Schuljahr alle Stellen besetzt zu haben.

Sind geringe Löhne die Gründe, dass die Arbeit mit behinderten Kindern offenbar weniger beliebt ist?

Der Kanton Zürich legt die Löhne fest, und diese sind meiner Meinung gut. Nein, ich finde eher, das Problem ist, dass es heutzutage für dieses Metier zu wenig starke Persönlichkeiten gibt. Und eine solche muss man sein, um die täglichen Herausforderungen mit Freude anzugehen und um gegenüber den Schülern klare Grenzen aufzuzeigen und einzufordern.

Klare Grenzen von den Schülern durchzusetzen, ist wohl einfacher gesagt als getan.

Deshalb achte ich auf eine offene Gesprächskultur. Schwierigkeiten sollten ohne Scheu geäussert werden können, sodass gemeinsam im Team nach Lösungen gesucht werden kann. Aber da erwarte ich von allen, dass sie ihren ganzen Gestaltungswillen mit einbringen. Und nicht etwa kapitulieren, sobald es Probleme gibt. Denn Kinder spüren sofort, wenn eine Lehrperson nicht stark genug ist. Die Haltung, hinter Schwierigkeiten interessante Herausforderungen zu sehen, sich durchzusetzen und doch über allem die Kinder zu lieben, muss ich bei meinen Mitarbeitenden herausspüren.

Wo sehen Sie die Gründe, dass es heutzutage immer weniger solche starke Persönlichkeiten gibt?

Die Arbeit mit kognitiv beeinträchtigten Kindern hat ja nicht nur mit Problemfällen zu tun, sondern mehrheitlich verlangt sie starke soziale Kompetenzen. Und das sind Eigenschaften, die in der heutigen Gesellschaft weniger zählen – im Gegensatz etwa zur Fähigkeit des „Ellbögelns“. Mit einer solchen wird man aber eher kein Heilpädagoge.

Ist denn der Beruf gesellschaftlich zu wenig angesehen? Und dies mitunter ein Grund, dass die Personalsuche schwierig ist?

Nein, die Heilpädagogik hat kein schlechtes Image. Allerdings sind die Aufstiegsmöglichkeiten gering und Erfolge nicht sofort sichtbar: Mit jeder Klasse beginnt ein Heilpädagoge wieder von vorn; was er alles mit den Kindern erreicht, zeigt sich erst später im Rückblick.

Wie sehen Sie allgemein die Akzeptanz von behinderten Menschen in der Gesellschaft?

Die ist eher am Abnehmen. Die Diskussion, ab wann Leben lebenswertes ist, ist äusserst persönlich. Meiner Meinung nach ist jedes Leben an sich lebenswert. Ich bin denn auch ein klarer Verfechter einer inklusiven Gesellschaft: Soweit möglich sollten behinderte Kinder die Regelschule besuchen. Allerdings gibt es immer welche, die an einer HPS am geeigneten Ort sind.

Gewisse Eltern kämpfen damit, die Behinderung ihres Kindes zu akzeptieren. Wie erleben Sie das?

Bei den ersten Gesprächen lerne ich oft Eltern kennen, die eine Krise durchleben. Sie kommen meist, weil ihnen unsere Schule für ihr Kind empfohlen wurde. Treffen sie dann aber zum ersten Mal auf die anderen Kinder hier, fällt ihnen deren Behinderung oft stärker auf als die des eigenen Kindes. Ich muss dann Vertrauen schaffen, bis sie einsehen, dass sich ihr Kind an einer HPS gut entwickeln kann.

Wie gehen Sie vor?

Unter anderem mache ich deutlich, dass die Waidhöchi eine Schule ist, an der gelernt wird, wo die Kinder gefördert, aber auch gefordert werden. Bei uns wird nicht einfach nur ein bisschen gebastelt und gesungen. Dies aufzuzeigen ist mir wichtig, weil das Wissen über die Fähigkeiten von behinderten Menschen auch viel zu deren gesellschaftlicher Akzeptanz beitragen kann.

Erstellt: 06.08.2017, 13:58 Uhr

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Zur Person

Rolf Markus Frey (56) arbeitet von 1987 bis 1992 in den Kantonen Solothurn und Aargau als Primarlehrer. Von 1998 bis 2002 bildet er sich zum Heilpädagogen weiter. Auf diesem Gebiet ist er später auch als Dozent für Auszubildende tätig. Seine Führungstätigkeit beginnt er 2007 als Bereichsleiter für Schule und Internat und später als stellvertretender Geschäftsleiter des Heilpädagogischen Zentrums Hagendorn. Seit April 2016 ist er nun Leiter der Heilpädagogischen Schule Waidhöchi in Horgen. Frey ist ledig und wohnt in Lenzburg. and

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Schule Waidhöchi

Die Heilpädagogische Schule (HPS) Waidhöchi ist eine öffentliche Schule für Kinder mit kognitiver Behinderung vom Grundstufenalter bis zum Austritt in die Berufsvorbereitung. Das Angebot umfasst die Tagesschule, den Hort und ein Angebot für Beratung und Unterstützung für integrierte Sonderschulungen in der Regelschule. Die HPS wird durch den Zweckverband Sonderschulung im Bezirk Horgen getragen und steht in erster Linie Kindern offen, die in einer der Zweckverbandsgemeinden wohnen. Diese sind: Adliswil, Horgen, Kilchberg, Langnau, Oberrieden, Rüschlikon und Thalwil. Die Kosten der Tagesschule werden durch das Schulgeld der jeweiligen Wohngemeinde, die des Horts von den Eltern zum Tarif der Wohngemeinde gedeckt. and

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