Erlenbach/Herrliberg

Aus dem Heim Rütibühl wird ein Weiler

Die Martin Stiftung präsentiert erstmals ihre Neubaupläne für das ehemalige Heim Rütibühl. Am Herrliberger Standort sollen künftig Wohn- und Arbeitsplätze für demente Klienten entstehen.

Das Siegerprojekt sieht an der Stelle des heutigen Heim Rütibühl ob Herrliberg ein Weiler aus vier zweigeschossigen Gebäuden vor.

Das Siegerprojekt sieht an der Stelle des heutigen Heim Rütibühl ob Herrliberg ein Weiler aus vier zweigeschossigen Gebäuden vor. Bild: PD/ Giger Nett Architekten GmbH

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Wie die Gesamtbevölkerung werden auch Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung immer älter. Damit verändern sich auch ihre Bedürfnisse. Dieser Tatsache ist man sich auch in der Martin Stiftung bewusst.

Die Erlenbacher Institution für Menschen mit einer geistigen Behinderung plant deshalb im ehemaligen Frauenheim Rütibühl ob Herrliberg Wohnplätze für Menschen mit Behinderung und Demenz sowie für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf.

Voraussetzung für das neue Betreuungsangebot ist ein Neubau des Wohnhauses Rütibühl. Hierfür hat die Martin Stiftung im August 2018 einen Projektwettbewerb lanciert. Sechs Architekturbüros haben ihre Ideen bis Ende März eingereicht. Am Freitag wurde nun das Siegerprojekt vorgestellt.

Nicht das erste Projekt

2011 lag bereits einmal ein Neubauprojekt für das Rütibühl vor. Der zwölf Millionen teure Bau wurde jedoch in letzter Sekunde gestoppt. Der Grund: Die sinkende Zahl an Bewohnerinnen und die Tatsache, dass der abgelegene Standort sich heutzutage nicht mehr für ein klassisches Betreuungsangebot für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung eignet.

Denn diese wollen ein Teil der Gesellschaft sein und mitten in einer Gemeinde leben. Als beste Lösung sah der Trägerverein deshalb den Zusammenschluss mit einem grösseren Heim. Die Wahl fiel auf die Martin-Stiftung. Seit dem 1. Januar 2016 gehört das Rütibühl nun zur Erlenbacher Institution.

Herzstück des Neubaus ist ein Innenhof, der den Bewohnern als Aufenthaltsort und Treffpunkt dient. Visualisierung: PD/ Giger Nett Architekten GmbH

17 Frauen, rund die Hälfte von ihnen ist über 65 Jahre alt, leben derzeit im Rütibühl. Für sie wird es dort auch nach dem Umbau Platz geben. Insgesamt sollen 33 Wohnplätze entstehen.

Weil Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung, insbesondere mit Trisonomie 21, ein viel grösseres Risiko haben an Demenz zu erkranken, soll es im Neubau auch 10 Wohnplätze speziell für Demenzpatienten geben. Die restlichen Plätze sollen Menschen mit herausforderndem Verhalten, etwa einer starken Form von Autismus, zur Verfügung stehen.

Ergänzend zu diesem Wohnangebot wird es im Rütibühl auch Arbeits- und Beschäftigungsangebote geben. Dieses in Absprache mit dem Sozialamt des Kantons Zürich geplante Konzept bildete die Grundlage des Projektwettbewerbs.

Kein ikonenhafter Bau

Alle Wettbewerbsprojekte seien hochinteressant gewesen, hielt Peter Ess, Leiter der Fachjury, am Freitagabend fest. «Wir hatten eine echte Wahl.» Der diplomierte Architekt gewährte den Anwesenden in der Folge einen Einblick in den Entscheidungsprozess der Jury.

So habe man sich zunächst etwa mit der Frage auseinandergesetzt, wie markant und auffällig das neue Rütibühl daherkommen soll. «Der Martin Stiftung ist es ein hohes Anliegen auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Bewohner einzugehen. Sie möchte sich dabei aber möglichst an den allgemeinen Lebensbedingungen der Bevölkerung orientieren», erklärte Ess.

Weshalb man zum Schluss gekommen sei, dass eine ikonenhafte Architektur, die bereits von weitem her sichtbar sei, nicht das Richtige fürs Rütibühl ist.

«Es ist ein Ort gefragt, der abwechslungsreiche Innen- und Aussenräume zur Verfügung stellt.»Peter Ess, Leiter der Fachjury

In diesem Zusammenhang sei man zudem zum Schluss gekommen, dass es mehr als ein Gebäude braucht, damit die im Rütibühl lebenden Menschen ihre Bedürfnisse nach Wohnen, Arbeiten und Freizeit auf eine stimmige Art und Weise befriedigen können.

«Kurzum, es ist ein Ort gefragt, der abwechslungsreiche Innen- und Aussenräume zur Verfügung stellt», erklärte Ess. Besonderen Wert legte die Fachjury daher auch auf einen Begegnungsort, der durch eine gewisse Abgeschlossenheit und Privatsphäre geprägt ist und der gleichzeitig den Dreh- und Angelpunkt des ganzen Betriebs darstellt.

Vom Wald umarmt

Am meisten überzeugt hat die Fachjury deshalb die Idee der Giger Nett Architekten GmbH zusammen mit Landschaftsarchitekt Daniel Schläpfer. Das junge Team setzte sich damit gegen namhafte Konkurrenten wie etwas das Architekturteam um Gret Loewensberg durch.

Das Projekt orientiert sich an der Kleinstsiedlungsform eines Weilers. Die vier zweigeschossigen Gebäudeeinheiten bilden in ihrer Mitte einen Innenhof. Von allen Gebäuden ist ein schwellenfreier Zugang in den Aussenraum möglich.

Es sei ihnen ein grosses Anliegen gewesen, dass sich die Bauten gut ins Landschaftsbild integrieren, erklärte Architekt Nicola Nett den Anwesenden. «Der Wald umarmt und schützt den Weiler.»

Die Natur solle die Nutzer ausserdem zum promenieren verleiten, hielt Landschaftsarchitekt Daniel Schläpfer weiter fest. «Das ganze Areal ist als eine Art Rundgang konzipiert. Vom Innenhof führt der Weg über einen Garten und eine Wiese mit Aussicht auf die Alpen durch den Wald, wo eine Lichtung zu verweilen einlädt.»

 «Der Wald umarmt und schützt den Weiler.»Nicola Nett, Architekt

Bis zum Baubeginn muss die Martin Stiftung nun zuerst ein Gestaltungsplanverfahren mit der Gemeinde Herrliberg durchführen. Ziel ist es, im Frühjahr 2023 in die neuen Gebäude einzuziehen.

Die voraussichtlichen Kosten belaufen sich auf rund 21 Millionen Franken. «Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir davon ausgehen, dass die Martin Stiftung mehr als die Hälfte des Betrags selber tragen muss», sagte Stiftungsratspräsidentin Annemarie Grether. Man werde daher auf neue Geldgeber angewiesen sein. Zum Zweck der Aquise soll demnächst ein Förderkomitee gegründet werden.

Öffentliche Ausstellung der sechs Projektideen: Montag, 13 Mai, und Dienstag, 14. Mai, jeweils 17.30 bis 19.30 Uhr und Mittwoch, 15. Mai, 16 bis 18.30 Uhr, im Gründerhaus der Martin Stiftung, Mariahaldenstrasse 16, Erlenbach.

Erstellt: 12.05.2019, 19:07 Uhr

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