Verkehr

Auf der Baustelle im Sihltunnel ist Millimeterarbeit gefordert

Die Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn ersetzt seit einer Woche das Fahrbahnsystem zwischen Zürich HB und Selnau. Der Bau ist bisher ohne grössere Zwischenfälle verlaufen, doch einige Fahrgäste sind verwirrt.

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Der rot-weisse Snackautomat zwischen Gleis 21 und 22 ist leergeräumt. Durchsichtige Planen aus Plastik decken Rolltreppen und Billettautomaten ab. Arbeiter in oranger Montur, mit Helmen und Stahlkappenschuhen, stapfen zwischen den Gleisen umher. Sie haben Kessel mit Beton angemischt und tragen diesen im Trassee auf.

Seit einer Woche ist der Streckenabschnitt zwischen dem Hauptbahnhof und Zürich-Selnau gesperrt. Die Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn (SZU) baut auf einer 800 Meter langen, durch den Sihltunnel führenden Strecke ein neues Fahrbahnsystem ein. Konkret bedeutet das, dass die Schwellenblöcke, auf denen die Schienen liegen, ersetzt werden. Zudem lässt das Bahnunternehmen Gleiselemente wie Schienen und Weichen austauschen.

Zwei Millimeter Toleranz

Die SZU hat Journalisten auf eine Baustellenführung eingeladen. Bevor es mit Bauhelm, Leuchtweste und Sauerstoffselbstretter – ein Filtergerät für den Notfall bei Rauchentwicklung im Tunnel – in den Untergrund geht, erklärt Projektleiterin Martina Winkler die Bauetappen: «Beim Gleisausbau werden die alten Schwellen und Gleise entfernt.» In sechs Meter langen Stücken verladen die Arbeiter die Schienen und Weichen auf Bahnwagen, die auf dem für die Logistik genutzten Gleis 21 verkehren. In diesen Wagen gelangt das Material zum Alteisenhändler. «Die ausgedienten Schwellenblöcke und das Fräsgut verladen wir bei der Station Sihlwald auf Lastwagen», sagt Winkler. Sobald das erste der zwei Gleise komplett erneuert ist – voraussichtlich Ende Juli – beginnt der Bau am zweiten Gleis, und das erste dient dem Materialtransport.

Die Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn ersetzt seit einer Woche das Fahrbahnsystem zwischen Zürich HB und Selnau. Video: Patrick Gutenberg.

Der Ausbau des ersten Gleises ist auf der gesamten Strecke vollendet. Auf den Gleisausbau folgt das Abfräsen des Betons, der die Schwellenblöcke fixierte, erklärt Winkler weiter. Ein sogenannter Schwellengreifer platziert dann im dritten Schritt die neuen Schwellen im Abstand von 60 Zentimetern. Die Schienen werden aufgelegt und ausgerichtet, bevor das Ganze mit einer neuen Betonschicht fixiert wird. Hier ist Genauigkeit gefragt. «Beim Schienenabstand haben wir eine Toleranz von ein bis zwei Millimetern», sagt Winkler. Im Gotthard-Basistunnel betrage die Toleranz aufgrund der höheren Geschwindigkeiten der Züge gerade einmal einen halben Millimeter.

Neue, rostige Gleise

Auf der Baustelle fällt auf, dass die neuen Gleise gar nicht neu aussehen. Sie sind rostig. Die Erklärung der Fachkundigen folgt sofort: Die Schiene glänze erst dann, wenn sie befahren werde – und auch nur dort, wo Kontakt zu den Zugrädern bestehe. Dieser Kontakt von Metall auf Metall ist es auch, der die Schienen so weit abgenutzt hat, dass zu viel Spielraum entstand. Dies wiederum verursacht Lärm und zusätzlichen Verschleiss am Rollmaterial. «Obschon die Schienen im Laufe der Jahre sukzessive ausgewechselt wurden, ist die Fahrbahn nach 30 Jahren am Ende ihrer Nutzungsdauer angelangt», sagt Winkler.

Aus Sicherheitsgründen bleibt den Journalisten der Blick auf das schwere Gerät und den aufregenden Abschnitt der Baustelle verwehrt. 15 Arbeiter seien momentan im Einsatz, sagt Winkler. Sie erwähnt, dass an diesem Nachmittag ein Problem mit der Betonpumpe vorliege. Dennoch zieht sie nach einer Woche eine positive Bilanz. Die Lärm- und Staubemissionen seien gar tiefer als erwartet. Letztere würden durch die Benetzung der Fräsen mit Wasser gemindert.

Touristen haben Mühe

Auch in Bezug auf die Fahrplanänderung und den angepassten Streckenplan habe es in der ersten Woche kaum Reklamationen gegeben, sagt Marco Graf von der Marketingabteilung der SZU. Die Pendler seien früh informiert worden. Von den rund 25000 Passagieren pro Tag – während der Sommerferien wohl deutlich weniger – «sind es die Touristen, die Mühe haben», sagt er. Von sogenannten Kundenlenkern würden sie dann etwa auf den markierten Fussweg der Sihl entlang zum Bahnhof Selnau geschickt, von wo aus sie ihr Ausflugsziel – wohl meist den Uetliberg – erreichen. Auch die zwischenzeitliche SZU-Haltestelle in Wiedikon werde rege genutzt, sagt Graf.

Die Bauarbeiten sollen bis am Sonntag, 1. September, andauern. In drei bis vier Jahren stehen bei der SZU laut Graf dann die nächsten Bauprojekte an: der Umbau der Haltestelle Hauptbahnhof inklusive Perronerhöhung sowie die Erneuerung der weiteren 600 Meter unterirdischer Fahrbahn zwischen Selnau und Giesshübel.

Erstellt: 19.07.2019, 23:09 Uhr

Angepasster Fahrplan

Bis zum 1. September ist die Strecke vom Hauptbahnhof Zürich bis nach Zürich-Selnau gesperrt. Für die Züge der S4 und der S10 gilt ein angepasster Fahrplan. Die S4 von und nach Langnau-Gattikon verkehrt während der Hauptverkehrszeit (Montag–Freitag, 6.30–8.30 Uhr und 16.30–19 Uhr) im 10-Minuten-Takt abwechslungsweise nach Wiedikon oder Selnau. Die Züge nach Wiedikon verlassen Langnau-Gattikon in diesen Zeiten jeweils zu den Minuten 00, 20 und 40. Ausserhalb der Hauptverkehrszeiten sowie am Samstag und am Sonntag verkehren die Züge aus dem Sihltal im 20-Minuten-Takt nach Selnau. Ausser im ZVV-Nachtnetz werden auf dieser
Strecke keine Bahnersatzbusse eingesetzt. Die Züge vom und auf den Uetliberg verkehren ganztags im 20-Minuten-Takt nach und von Selnau. Individuelle Fahrpläne können unter www.zvv.ch abgerufen werden. (ckn)

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