Wochengespräch

«Als ich das erste Mal nach Sumatra ging, habe ich mich in die Orang Utans verliebt»

Die Wädenswilerin Caroline Schuppli erforscht Orang Utans auf der indonesischen Insel Sumatra. Die Evolutionsbiologin leitet dort die Forschungsstation Suaq.

Caroline Schuppli vor einem Orang-Utan-Gehege im Zoo Zürich. Inzwischen weilt sie wieder auf Sumatra.

Caroline Schuppli vor einem Orang-Utan-Gehege im Zoo Zürich. Inzwischen weilt sie wieder auf Sumatra. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Orang Utan heisst auf malaiisch Waldmensch. Wie viel Mensch steckt im Orang Utan?
Caroline Schuppli: Das ist genau das, was wir versuchen, herauszufinden. Das Faszinierende am Orang Utan ist, dass er uns so ähnlich ist. Er gleicht uns nicht nur optisch, sondern verhält sich auch ähnlich wie der Mensch. Trotzdem gibt es auch Unterschiede. In unserer Forschungsarbeit geht es darum, herauszufinden, was uns und was den Orang Utan anders gemacht hat.

Aber ein bisschen was können Sie sicher schon sagen: Was ist gleich wie beim Menschen?
Für mich ist das Faszinierende am Orang Utan die Intelligenz, dass sie hohe kognitive Leistungen zeigen, also schnell lernen. Der Unterschied vom Orang Utan zu vielen anderen Tieren ist, dass er Probleme flexibel löst. Er kann diese in verschiedenen Bereichen und auch immer wieder neue Probleme lösen, ähnlich wie es der Mensch macht. Das Paradebeispiel ist der Werkzeuggebrauch. Sie sehen ein Baumloch, brechen einen Zweig ab, schälen ihn und zerkauen das Ende, sodass es aussieht wie ein kleiner Pinsel. Dann schieben sie den Zweig mit dem Maul oder den Händen in das Loch. Wenn er nicht passt, präparieren sie einen neuen Zweig.

Die Orang Utans in Suaq gelten als besonders sozial. Wie äussert sich das?
In einer normalen Orang Utan-Population ist ein Mami mit seinem Kind alleine unterwegs und trifft alle paar Tage für ein, zwei Stunden ein anderes Tier. In Suaq hingegen sind die Orang Utans die meiste Zeit in Gruppen unterwegs. Mamis haben nicht nur ältere Kinder dabei, sondern treffen auch andere Mamis, Männchen sowie jugendliche Tiere. Ob verwandt oder nicht, verbringen sie oft mehrere Tage friedlich beieinander. Sie fressen, die Kinder spielen. Die Erwachsenen sind so tolerant, dass sie sich manchmal sogar ein Nest teilen. Das entspannte Zusammensein ist das spezifische an den Suaq-Orang Utans. Es geht bei uns darum, zu schauen, was eine soziale Population von einer nicht so sozialen Population unterscheidet. Interessant ist auch, wie sich das Verhalten eines Kindes entwickelt, das in einer solchen Gruppe aufwächst.

Sind Orang Utans auch von ihrer Gefühlswelt her ähnlich wie Menschen?
Das wüssten wir gerne (lacht). Es wäre schön, wenn wir sie fragen könnten. Es gibt Forschungen an Zoo-Affen, die darauf abzielen, Emotionen festzustellen. Bei Menschen weiss man, dass spezifische Bereiche im Gesicht bei bestimmten Emotionen wärmer werden. Man versucht dies nun bei Menschenaffen mit Wärmekameras zu erforschen. Wenn man sie beobachtet, stellt sich unweigerlich der Gedanke ein, dass sie sehr ähnlich fühlen wie wir. Das zu beweisen, ist aber schwierig. Für meine Masterarbeit bin ich einer Gruppe von fünf jugendlichen Weibchen gefolgt. Da ging es gelegentlich zu und her wie in einer Soap Opera. Manchmal war ich fast überfordert, wie ich das Gesehene in wissenschaftlicher Sprache beschreiben soll.

Im Dschungel Affen zu erforschen, das tönt wie ein Kindheitstraum. Gab es einen bestimmten Moment, in dem sie wussten, dass sie das machen wollen?
Ich wollte als Kind immer Duschungelforscherin werden und Mowgli finden, aber da lachten mich die Leute aus. Dann wollte ich Astronautin werden. Meine Eltern haben mich viel auf Reisen mitgenommen. Als ich elf war, waren wir als Touristen in Gombe, in Tansania, wo ich Schimpansenforscher kennenlernen durfte. Da wurde mir bewusst, dass man das wirklich als Beruf machen kann und seither war es klar. Als ich dann das erste Mal für meine Masterarbeit nach Sumatra ging, habe ich mich völlig in die Orang Utans verliebt.

Das Leben auf einer Forschungsstation im Sumpfwald ist kein Zuckerschlecken. Entschädigt sie, das was sie dort erleben, für die Strapazen im Dschungel?
Es ist extrem anstrengend: Wir unternehmen manchmal zweieinhalbstündige Märsche morgens zu den Orang Utan-Nestern und abends wieder zurück. Es gibt Blutegel, man ist überall nass, es juckt, die Füsse machen nicht mehr mit. Aber man ist so fasziniert, von dem, was man sieht, dass man das einfach völlig ausblendet.

Erleben Sie auch traurige Momente?
Es gibt traurige Momente. Man wird mit der Abholzung des Lebensraumes konfrontiert. Unser Forschungsgebiet ist ein schönes, intaktes Stück Primärregenwald. Aber südlich davon wird derzeit alles abgeholzt, die Schutzzone wird nicht ernst genommen. Es ist traurig, dass wir an zwei von drei Tagen Kettensägengeräusche hören. Aber auch das alltägliche Leben kann traurig sein. Wir haben jetzt ein Mami mit einem riesigen Tumor in der Brust. Ihr Baby ist inzwischen verschwunden. Wir wissen nicht, ob sie es nicht mehr stillen konnte oder ob sich vielleicht ein Tiger das Junge geschnappt hat, weil sie zu schwach war, es zu verteidigen. Da wollen wir nicht eingreifen, weil es Natur ist. Traurig ist es trotzdem, weil man die Tiere schon lange kennt.

Eine Gefahr für den Lebensraum der Orang Utans stellt das Palmöl dar, das von der Fertigsuppe bis zu Nutella in vielen unserer Produkte enthalten ist. Die Schweiz verhandelt derzeit ein Freihandeksabkommen mit Indonesien und Malaysia, den grössten Palmölproduzenten. Was würden Sie sich wünschen für das Abkommen?
Palmöl grundsätzlich zu verbieten oder aus unserem Alltag zu eliminieren, wäre extrem schwierig. Es gibt auch zertifiziertes Palmöl, das auf eine viel nachhaltigere Art produziert wird. Eine strengere Überwachung des Zertifikats und ein strenges Vorgehen gegen nicht-zertifiziertes Palmöl, das wäre der richtige Weg.

Was wünschen Sie sich für die Orang Utans?
Ich wünsche mir, dass die Orang Utan-Populationen im Allgemeinen und die Suaq-Orangs im Besonderen so geschützt werden, dass sie auch weiterhin natürlich bestehen können. Ich würde gerne meinen Enkelkindern wilde Orang Utans zeigen können.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.10.2017, 13:56 Uhr

Zur Person

Caroline Schuppli (30) hat in Zürich Biologie studiert, in Evolutionsbiologie promoviert und arbeitet heute als Postdoktorandin am Anthropologischen Institut der Universität Zürich. Sie leitet die Forschungsstation Suaq im Sumpfwald auf der indonesischen Insel Sumatra. Schuppli ist in Wädenswil aufgewachsen und wohnt heute noch am See. Sie ist ledig und hat keine Kinder. phs

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!