Grossmünster

Alles ist bereit für den Totentanz

Die Behörden haben ihre Unterschriften gegeben, die Flächen in den Grossmünstertürmen sind präpariert: Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, kann loslegen mit seinem Spray-Zyklus zum Thema Totentanz.

Seit Jahren beschäftigt sich Harald Naegeli mit dem Thema Totentanz. Nun kann er einen Spray-Zyklus in den Grossmünstertürmen realisieren.

Seit Jahren beschäftigt sich Harald Naegeli mit dem Thema Totentanz. Nun kann er einen Spray-Zyklus in den Grossmünstertürmen realisieren. Bild: Chris Iseli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einzig das Thema Totentanz ist vorbestimmt. Vom 78-jährigen Street-Art-Künstler Harald Naegeli selbst. Was er aber auf die vorpräparierten Sandsteinflächen in den beiden Grossmünstertürmen sprayen wird, liegt in seinem Ermessen. Die Behörden haben ihm keine Sujetvorschriften gemacht. Bei den Sprayfarben gibt es Einschränkungen. Verwenden darf Naegeli Schwarz, Blau und Silber, wie Projektkurator Thomas Gamma sagt.

Da alle Bewilligungen vorliegen und baulich alles vorbereitet ist, kann Naegeli nun loslegen. Rund zwei Monate Zeit gibt er sich für die Ausführung seines Spray-Zyklus. Wann genau er startet, ist offen. Naegeli ist noch in der Vorbereitungsphase, füllt Hefte mit Skizzen. Von der Kirchenpflege hat er einen Schlüssel für die Grossmünstertürme erhalten. Er hat nun jederzeit Zutritt, um die räumlichen Gegebenheiten und die Atmosphäre des Ortes zu studieren.

Verlängerung möglich

Die Kirchenpflege muss Naegelis Totentanz nach vier Jahren wieder entfernen lassen. Dies verlangt der Besitzer des Grossmünsters, der Kanton, vertreten durch Baudirektor Markus Kägi (SVP). Allerdings besteht laut Gamma eine Option auf Verlängerung.

Die Flächen, die Naegeli besprayen darf, sind genau abgegrenzt. Sie befinden sich in beiden Türmen auf etwa einem Drittel der Höhe. Rund 60 Wendeltreppenstufen muss der Künstler hinaufsteigen bis zu den Arbeitsorten, wo es Tageslicht hat. Im limmatseitigen Karlsturm steht laut Gamma eine Fläche von rund 50 Quadratmetern zur Verfügung, verteilt auf drei Wände inklusive Ecken. Die Flächen reichen etwa zweieinhalb Meter in die Höhe, was der Reichweite eines Sprayers entspricht. Im benachbarten Glockenturm ist die verfügbare Fläche etwas kleiner.

Zutritt ohne Preisaufschlag

Zum künstlerischen Konzept gehört, dass nur die Zeichnungen im Karlsturm fürs Publikum zugänglich sein werden. Dieser Turm ist schon jetzt offen für zahlende Touristen. Der Zutritt kostet fünf Franken für Erwachsene. «Ein Aufschlag wegen Naegelis Spray-Zyklus ist nicht geplant», sagt Gamma. Als provisorisches Eröffnungsdatum sieht die Kirchgemeinde den 25. Januar vor.

Vorgeschriebene Spraysorte

Die Sandsteinwände, die Naegeli besprayt, sind mit einem Graffitischutz versehen worden. Dieser Schutzfilm soll dafür sorgen, dass der Stein durch die Farbe keinen Schaden nimmt. Zur Sicherheit haben die Behörden Naegeli eine ganz bestimmte Spraysorte vorgeschrieben, die sich gut entfernen lässt. Vorgängig ist alles von Fachleuten getestet worden.

Naegeli erhält kein Honorar für seinen Totentanz. Er versteht sein Werk als Geschenk an die Zürcher Bevölkerung. Die Kosten für die Vor- und Nachbereitung des Werks trägt die Kirchgemeinde. Gamma rechnet mit rund 15 000 Franken: für Gutachten, Tests und Vorbereitungsarbeiten. Der Kanton hingegen hat sich ausbedungen, dass ihm keine Kosten entstehen dürfen.

Naegelis Verhältnis zu Behörden ist zwiespältig. Vor einem Jahr hatte ihn die Stadtverwaltung wegen illegalen Sprayens vor Gericht gezerrt. Auf Druck der Richter einigte man sich gütlich. Naegeli beglich den «Schaden» mit einem Bild, das nun im Büro von Stadtrat Filippo Leutenegger hängt.

Mit Protesten ist zu rechnen

Kurator Gamma schliesst nicht aus, dass es auch Proteste gibt, wenn die Zeichnungen erst einmal öffentlich zugänglich sind. «Kunst im Kirchenraum erzeugt häufig positive und negative Reaktionen, auch wenn sie nicht skandalträchtig ist», sagt er. Der Totentanz hat als «Memento mori» (Gedenke der Sterblichkeit) eine jahrhundertelange Tradition in der christlichen Kultur. «Deshalb ist eine zeit­genössische Interpretation des Themas in den Kirchtürmen sinnvoll», sagt Ulrich Gerster, Mitglied der Kunstkommission des Grossmünsters.

Erstellt: 16.11.2018, 21:44 Uhr

Die Vorgeschichte

Für den Sprayer von Zürich erfüllt sich ein lang gehegter Wunsch

Den Wunsch, einen Totentanz-Zyklus im Zürcher Grossmünster zu sprayen, erwähnte Harald Naegeli bereits 2004 in einem Zeitungsinterview. Er rannte damit nicht gerade offene Türen ein: «Wenn sich jemand bleibend verewigen möchte, müsste er mit der Denkmalpflege verhandeln. Richtig ist, dass Herr Naegeli bereits an uns gescheitert ist», schrieb die damalige Grossmünster- Pfarrerin Käthi La Roche.
Der springende Punkt war das Wort «bleibend»: Laut Grossmünster-Kirchenpfleger Ulrich Gerster fasste die Kirchgemeinde schon nach Naegelis ersten Vorschlägen einen Beschluss, wonach man das Projekt unterstütze – aber nur unter dem Vorbehalt, dass es reversibel sein müsse. Dann geschah jahrelang nichts. «2015 kam Naegeli nochmals auf uns zu», sagt Gerster. In der Folge habe die Kirchgemeinde ihren Beschluss im März 2015 erneuert. Es folgten Verhandlungen mit dem Kanton Zürich als Liegenschaftseigentümer. Dieser machte die Auflage, dass Naegelis Totentanz nach vier Jahren wieder entfernt werden müsste. Anfang November sind nun die entsprechenden Vereinbarungen zwischen Naegeli, dem Kanton Zürich und der Kirchgemeinde Grossmünster unterzeichnet worden. mts

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.