Frauenstreik

«Zwischen Kind und Karriere zu wählen, ist absurd»

Die Amerikanerin Alexandra Dufresne ist Rechtsdozentin und hat drei Kinder. Dass Mütter hier kaum Führungspositionen innehaben, findet sie unfair - und ökonomisch ineffizient.

Alexandra Dufresne will Frauen motivieren, sich zu trauen und ihren Platz einzufordern.

Alexandra Dufresne will Frauen motivieren, sich zu trauen und ihren Platz einzufordern. Bild: Johanna Bossart

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In einem Blogartikel mit dem Titel «Moving to Switzerland Made Me a Better Feminist» schreiben Sie, dass Sie erst mit Sexismus konfrontiert wurden, als Sie vor drei Jahren von den USA in die Schweiz zogen. War das wirklich so?
Ich hatte als weisse, gutgebildete Frau mit finanziellen Ressourcen in den USA viel Glück und Privilegien. Meine Erfahrung lässt sich nicht generalisieren. Als Anwältin habe ich in einer profitgetriebenen Branche gearbeitet. Dort wurde Geschlechterdiskriminierung nicht toleriert, weil sie ökonomisch ineffizient ist. In der Schweiz ist das anders. Fast alle Ausländerinnen, die ich treffe, sind schockiert.

Inwiefern?
In der Arbeitswelt gibt es einen Platz für Frauen, solange sie keine Mütter sind. Wenn ein Mann Kinder bekommt, wird er als ganzer Mann wahrgenommen, hat Verantwortung und bekommt mehr Geld, weil er eine Familie ernähren muss. Wenn eine Frau keine Kinder hat, dann darf sie sogar Bundesrätin werden. Es ist toll, hat es derzeit drei Frauen in diesem Gremium. Aber die Neugewählten sagten sofort, sie hätten das nicht geschafft, wenn sie Kinder hätten.

«Hier werde ich als gierig hingestellt, weil ich Mutter bin und einen Job will, der meinen Fähigkeiten entspricht.»

In den USA ist das anders?
Diese Idee, sich entscheiden zu müssen zwischen Karriere und Kindern gibt es in den USA nicht. Die mächtigsten Frauen sind Mütter. Wenn sie keine Kinder haben, müssen sie sich erklären. Die Idee, dass das Muttersein der Karriere in den Weg kommen könnte, ist absurd.

Auch Sie wollen beides.
Ich werde hier deswegen als gierig hingestellt. Ich habe drei Kinder und einen Mann, der gut Geld verdient. Was ist also los mit mir, dass ich auf einem Job beharre, der meine Ausbildung und meine Fähigkeiten widerspiegelt? Anfangs dachte ich, ich sei das Problem. Ich bin Amerikanerin, spreche laut und wirke arrogant. Ich versuchte so schweizerisch wie möglich zu sein, bescheiden, zurückhaltend. Aber ich bin ambitioniert und eine Mutter. Es ist nicht mein Fehler, sondern ein Problem der Gesellschaft.

«In den USA ist die Elternschaft sehr kompetitiv, hier in der Schweiz geht es um Perfektionismus bei Details».

Welche gesellschaftlichen Erwartungen nehmen Sie wahr?
In den USA ist Elternschaft sehr kompetitiv geworden. Das führt zu extreme Parenting und Helikoptereltern. In der Schweiz geht es um Perfektionismus bei Details. Als wir neu in der Schweiz waren, haben wir uns viel Mühe gegeben, uns zu integrieren. Deshalb habe ich morgens einen Deutschkurs besucht, und mein Mann hat die Kinder für die Schule bereit gemacht. Bei einem Kind ging öfters der Znüni vergessen. Von der Lehrerin wurde ich als Mutter – nicht der Vater, der Professor – darauf aufmerksam gemacht, dass mein Versagen, dem Kind den Znüni mitzugeben, dafür verantwortlich sei, dass es sich nicht gut integriere. Es war absurd. Aber es hat funktioniert. In den USA war ich eine gute Mutter. Nicht perfekt, aber gut genug. Hier hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich nicht genüge. Ich habe lange geweint deswegen.

Und als Sie realisierten, dass nicht Sie das Problem sind?
Ich war erleichtert. Deshalb habe ich begonnen darüber zu sprechen. Ich habe dieses Essay für groknation.com geschrieben, dem Blog von Mayim Bialik (der Darstellerin von Amy in «The Big Bang Theory»). Viele schrieben mir darauf: Ich dachte, ich sei der Freak. Deswegen haben wir die geschlossene Facebook-Gruppe «Komplizierte Frauen» gegründet, zwei Schweizerinnen, eine Italienerin und ich. Die Gruppe gibt es seit einem Monat und sie hat schon 400 Mitglieder.

Was wollen Sie damit erreichen?
Es gibt zwei Ziele: Das bescheidene ist, dass sich keine komplizierte Frau, oder kein Mann, der eine komplizierte Frau liebt, alleine fühlt. Ich will keine Revolution, sondern, dass sich alle mehr zutrauen. Das grössere Ziel ist, Kampagnen zu organisieren.

«Viele Schweizerinnen sagten mir: Wir brauchen jemand von ausserhalb, der darüber spricht.»

Warum denken Sie, braucht es dafür eine Ausländerin?
Das spezielle unserer Gruppe ist, dass wir Ausländerinnen und Schweizerinnen verbinden. Viele Schweizerinnen sagten mir: Wir brauchen jemand von ausserhalb, der darüber spricht. Als Ausländerin habe ich mehr Freiheiten. Wenn wir Ausländerinnen hier leben, können wir auch etwas beitragen.

Glauben Sie, dass Expats etwas beitragen wollen?
Ich habe mich nie als Expat verstanden, weil ich diese Unterscheidung zwischen Expats und anderen Migranten furchtbar finde. Das Klischee ist ja, dass Expats kommen und gehen, nicht Deutsch lernen und nur in ihren Villenquartieren leben. Es gibt viel Sexismus im Expat-System. Die meisten Frauen kommen wegen der Jobs der Männer. Sie hatten Arbeit in ihren Ländern, sind hier aber nur noch für ihre Kinder da. Ich sehe viel Trauer und ungenutztes Potenzial. Es ist das Schlimmste der Welt, wenn man nicht arbeiten muss. Das heisst, es braucht einen nicht mehr. Ich will die Frauen der Expat-Community bestärken.

Was planen Sie am Frauenstreik vom 14. Juni?
Ich werde mit meiner Tochter hingehen und so viele Freunde wie möglich dazu bringen, auch teilzunehmen. Die erste Regel des Aktivismus ist: Niemand will alleine zu seinem ersten Protest.

Was muss sich verändern? Die Gesellschaft oder die Gesetze?
Beides. Ich nehme die Geschlechterdiskriminierung hier als kulturell wahr, aber das ist ein Resultat der Politik. Dass Schulen mittags zwei Stunden schliessen, setzt voraus, dass jemand zuhause ist – für gewöhnlich die Mutter. Für Schweizer ist das normal. Sie sehen nicht, das das absurd ist. Da hilft die Aussenperspektive. Die Schweizer denken: Wir sind reich und haben dieses wunderschöne Land. Wir wollen ja nichts ändern. Ich aber denke: Was wäre, wenn ihr eure Frauen arbeiten lassen würdet? Stellt euch vor, wie viel Geld das generieren würde. Ihr lässt Geld liegen. Andere Länder machen das nicht, weil sie es sich nicht leisten können.

«Ich verstehe, dass Frauen mit ihren Kindern zuhause bleiben wollen. Aber was passiert, wenn das jüngste Kind draussen ist?»

Es gibt ja auch Frauen, die als Mütter nicht mehr arbeiten wollen.
Ich verstehe, dass Frauen mit ihren Kindern zuhause bleiben wollen. Aber was passiert, wenn das jüngste Kind draussen ist? Der Mann hat eine Karriere. Und was macht sie den ganzen Tag? Sein Mittagessen? Auch die Gesellschaft profitiert nicht davon. Warum soll man junge Frauen dann überhaupt noch ausbilden?

Wie haben Sie gearbeitet als Ihre Kinder klein waren?
Ich konnte Teilzeit arbeiten, seit mein erstes Kind vor zwölf Jahren zur Welt kam. Und ich hatte eine Führungsposition inne. Natürlich war ich gestresst und arbeitete nachts. Das Haus war unordentlich, und die Kinder trugen unterschiedliche Socken. Aber durch die Teilzeitarbeit habe ich nie meinen Status verloren. Ich stieg die Karriereleiter zwar nicht so schnell hoch wie mein Mann, aber ich habe den Anschluss nicht verpasst. Nur weil ich ein Kind hatte, sind meine Ambitionen, mein Wissen und meine Lust zu arbeiten nicht plötzlich verschwunden. Es führt zurück zum Perfektionismus: Wenn man in einer Welt lebt, in der man eine schlechte Mutter ist, wenn man den Znüni vergisst, muss man wohl zuhause bleiben. Aber meine Kinder sind froh, macht ihre Mutter Fehler.

Sie wollen die Frauen ermutigen. Und die Männer?
Generell können nicht nur Frauen gegen Ungleichheiten kämpfen. Gleichstellung nützt allen. Wenn ich sage, Männer verhalten sich sexistisch, heisst das nicht, dass sie schlechte Menschen sind oder Frauen hassen. Es passiert auch mir, dass ich denke, die andere Frau im Raum sei die Sekretärin und nicht die Professorin. Aber ich bemerke es und versuche den Fehler nicht nochmals zu machen. Viele Männer werden in 30 Jahren zurückschauen und denken: ich kann nicht fassen, dass ich nie zu den Kindern geschaut habe als sie klein waren. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 09.06.2019, 22:42 Uhr

Zur Person

Alexandra Dufresne ist spezialisiert auf Amerikanisches, Kinder- und Einwanderungsrecht und arbeitet als Dozentin in der Schweiz. Davor hat sie in den USA an der Yale Universität unterrichtet. Seit 2016 lebt die 45-Jährige mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Zürich. Sie hat die Gruppe «Komplizierte Frauen» mitgegründet und die «Action Together: Zürich» initiiert. Letztes Jahr haben sich die Aktivisten an einer Kundgebung für den Besuch von Donald Trump in der Schweiz entschuldigten. (kme)

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