Linthgebiet

Zahlreiche Heilpädagogen arbeiten ohne Diplom

Jede fünfte schulische Heilpädagogin arbeitet im Kanton St. Gallen ohne Diplom. Eine Umfrage im Linthgebiet zeigt: Für die Schulen ist es äusserst schwierig, qualifizierte Heilpädagogen zu finden.

Für die Schulen im Linthgebiet ist es äusserst schwierig, qualifizierte Heilpädagogen zu finden.

Für die Schulen im Linthgebiet ist es äusserst schwierig, qualifizierte Heilpädagogen zu finden.

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Die Schule Gommiswald ist in einer beneidenswerten Lage. «Unsere sechs ausgebildeten schulischen Heilpädagogen sind seit mehreren Jahren bei uns tätig, wir mussten dieses Jahr niemanden ersetzen», schreibt Schulleiter Roger Häubi auf die Anfrage der ZSZ. Aus früheren Jahren wisse er aber, dass es enorm schwierig sei, diplomierte schulische Heilpädagogen (SHP) zu finden. Auch Schänis ist gut dran. Die vier SHP hätten alle ein stufengerechtes Diplom, schreibt Schulratspräsident Martin Hämmerli. Und auch sie seien alle schon lange Jahre im Dienst. An der Oberstufe Weesen/Amden arbeitet eine Person als SHP, auch sie verfügt nach Angaben von Schulleiter Rainer Elster über ein stufengerechtes Diplom.

Ein anderes Bild zeigt sich in Kaltbrunn. Zehn SHP teilen sich hier 450 Stellenprozente. Ein Diplom für ihre jeweilige Stufe haben nur vier; sie decken immerhin gut 300 Stellenprozente ab. Die restlichen heilpädagogischen Lektionen werden von nicht speziell ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern erteilt.

In Uznach arbeiten drei diplomierte SHP, sie haben knapp die Hälfte der 525 Stellenprozente inne. Sechs weitere SHP unterrichten in kleinen Pensen ohne Diplom, zwei absolvieren gegenwärtig die Ausbildung. Von den knapp 20 SHP-Vollzeitstellen in der Stadt Rapperswil-Jona sind 16 mit Diplomierten besetzt.

Politik wollte Systemwechsel

SHP übernehmen die Förderung von Schulkindern, die besondere Unterstützung brauchen. Sei es, dass sie an einer Lernschwäche leiden, Schwierigkeiten mit der Konzentration, eine Hochbegabung oder eine Behinderung haben. Die SHP entlasten so auch die Klassenlehrer, die nicht auf alle Bedürfnisse gleichermassen eingehen können. Der Bedarf an heilpädagogischen Fachpersonen in der Volksschule hat stark zugenommen, seit die Politik vor mehr als zehn Jahren beschlossen hat, vom separativen zum integrativen Weg überzugehen. Das bedeutet: Wenn möglich soll ein Kind nicht in einer Sonderklasse separiert, sondern in der Regelklasse integriert werden.

Fachleute kritisieren seit langem, unter dem Mangel an qualifizierten SHP leide die optimale Förderung der Kinder. So legte die kantonale Konferenz der SHP schon vor einem Jahr ein Positionspapier vor, in dem sie warnte, der Mangel werde negative Auswirkungen auf die Förderung von «Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bedürfnissen» haben. Der Berufsverband fordert denn auch klipp und klar, die Zahl der Ausbildungsplätze müsse erhöht werden. Lehrpersonen ohne SHP-Diplom müssten ausserdem verpflichtet werden, das Studium innert spätestens zwei Jahren zu beginnen.

Obergrenze für Studierende

Die knapp 20 Prozent nichtdiplomierte SHP im Kanton St. Gallen sind im Vergleich ein tiefer Wert. In Schaffhausen etwa haben 26 Prozent kein Diplom, im Kanton Zürich 40 Prozent. St. Gallen gehört zu den Trägern der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich. Diese bildete im vergangenen Jahr 262 schulische Heilpädagogen aus. Gleichzeitig werden jedes Jahr Dutzende Interessierte abgewiesen. Die 13 Trägerkantone der HfH und das ebenfalls beteiligte Fürstentum Liechtenstein haben aus finanziellen Gründen eine Obergrenze an Studierenden festgelegt. Ein Studienplatz kostet den jeweiligen Kanton fast 15 000 Franken im Jahr. Aus dem Kanton St. Gallen studieren zurzeit 143 Personen an der HfH. Das ist hinter dem Standortkanton Zürich mit 600 Studierenden die zweithöchste Zahl aller Trägerkantone.

Dennoch sei die Zahl der SHP seit Jahren und bis heute knapp, sagen alle befragten Schulverantwortlichen. «Der Markt ist trocken, es gibt wenig Bewerbungen», sagt etwa Ignaz Kurath, Schulleiter in Kaltbrunn. Und so präsentiere sich die Situation schon seit Jahren. Von einer Stagnation spricht auch Stadtrat Thomas Rüegg, Schulpräsident in Rapperswil-Jona. Die Chance auf eine erfolgreiche Stellenbesetzung sei nur dann gegeben, wenn man die Stelle früh ausschreiben und ein hohes, kompaktes Pensum anbieten könne.

Gommiswald wiederum setzt laut Schulleiter Roger Häubi auf die eigenen Lehrpersonen. Wer die Ausbildung zur SHP in Angriff nehmen will, kann unter Umständen auf finanzielle Unterstützung der Gemeinde zählen oder zumindest das Pensum reduzieren, um die Ausbildung berufsbegleitend absolvieren zu können. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 17:11 Uhr

Nachgefragt

Alexander Kummer, Leiter Amt für Volksschule

8 Prozent der schulischen Heilpädagogen (SHP) unterrichten ohne Diplom. Was sagen Sie dazu?
Alexander Kummer: Grundsätzlich gilt es festzuhalten, dass sich der Anteil SHP mit stufengerechtem Diplom in den letzten Jahren erhöht hat. Im Schuljahr 2013/14 arbeiteten im Kanton St. Gallen noch über 25 Prozent SHP ohne entsprechendes Diplom. Im Vergleich zu den Vorjahren und zu anderen Kantonen ist St. Gallen mit der aktuellen Quote gut aufgestellt.

Müsste das Ziel nicht sein, dass 100 Prozent ein Diplom haben?
Das richtige Mass zwischen Angebot und Nachfrage zu finden, ist nicht einfach. Sicher wäre es wünschenswert, wenn die Quote gegen hundert Prozent zu liegen käme. Dies würde unter Umständen aber zu einem Überangebot an SHP beziehungsweise zu einem Mangel an Stellen führen, was wiederum nachteilige Auswirkungen auf die Attraktivität des Berufs nach sich ziehen könnte.

Angebot und Nachfrage klaffen seit Jahren auseinander. Woran liegt das?
Sowohl Ausbildung als auch Beruf sind anspruchsvoll und herausfordernd. Wir stellen auch fest, dass zunehmend mehr Lehrpersonen und SHP von der Vollzeit- zur Teilzeitbeschäftigung wechseln. Dies, weil sich dieser Beruf für Teilzeitarbeit im Zusammenhang mit Familie sehr gut eignet.

Gibt es zu wenig Ausbildungsplätze für SHP?

Von 2010 bis 2015 reichten die Plätze mit wenigen Ausnahmen aus oder konnten mangels Nachfrage nicht ausgeschöpft werden. Seit drei Jahren stellen wir eine leicht erhöhte Nachfrage fest. Überzählige Anmeldungen werden, soweit den betroffenen Personen nicht zusätzliche Plätze zulasten nicht beanspruchter Plätze anderer Kantone angeboten werden können, auf eine Warteliste gesetzt und für die Aufnahme im nächsten Jahr prioritär berücksichtigt.

Unternimmt der Kanton St.Gallen etwas, um die Zahl der Diplomierten weiter zu erhöhen?
Gegen den Mangel an ausgebildeten SHP haben der Erziehungsrat und das Bildungsdepartement in der Vergangenheit verschiedene Massnahmen ergriffen. So wurde die Anzahl der für St. Gallen an der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich verfügbaren Studienplätze in Zeiten hoher Nachfrage erhöht. Seit 2012 kann den Studierenden in der berufsbegleitenden Ausbildung zur Steigerung der Attraktivität der Ausbildung und für eine bessere berufliche Vereinbarkeit ab Beginn des dritten Semesters bereits der höhere Lohn für SHP ausbezahlt werden.

Gibt es auch Studienplätze im Kanton St. Gallen?
Seit 2015 bietet die HfH in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule St. Gallen im Abstand von zwei Jahren ein regionales Studium Schulische Heilpädagogik in Rorschach an. Ab 2019 ist die jährliche Durchführung dieses Studiengangs geplant. Interview: Elvira Jäger

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