Männedorf

Wenn Pfingsten heisst, sich unbequemen Fragen zu stellen

Am Samstag hat auf Boldern die erste «lange Pfingstnacht» unterschiedlichste Themen beleuchtet. Der Zürcher Schriftsteller Thomas Meyer etwa widmete sich der Beziehungsanalyse.

Thomas Meyer, Autor des Bestsellers «Wolkenbruch», widmete sich auf Boldern nicht der jüdischen Identität, sondern sprach über den Schlüssel einer erfüllenden Paarbeziehung.

Thomas Meyer, Autor des Bestsellers «Wolkenbruch», widmete sich auf Boldern nicht der jüdischen Identität, sondern sprach über den Schlüssel einer erfüllenden Paarbeziehung. Bild: Michael Trost

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Das Wort hat der Zehnjährige noch nie gehört. Noch weniger von dem Sachverhalt, den es bezeichnet. Bis er diesem auf die Schliche kommt – zu Hause bei Schulfreundin Brigitte. Und ihm auf einmal klar wird: Das ist die Lösung! «Scheidung» heisst der Zauberbegriff – und der Bub Thomas Meyer.

Er wisse, sagt er kurz darauf zu Vater und Mutter, die nicht gerade eine harmonische Ehe führen, was das Beste für sie sei: auseinanderzugehen, so wie die Eltern von Brigitte. In seiner Stimme liegt der Stolz eines Forschers, der eben eine bahnbrechende Entdeckung gemacht hat.

Übereinstimmung zählt

Heute, 35 Jahre später, ist der Schüler von damals ein erfolgreicher Schriftsteller. Als solcher war er vergangenen Samstag auf Boldern. Dies an der ersten «langen Pfingstnacht» – einer Veranstaltung, die vom frühen Nachmittag bis in den späten Abend hinein unterschiedlichen Themen aus Gesellschaft, Politik und Theologie nachgegangen ist.

«Meine Eltern haben den Rat nicht befolgt», bedauert er mit Ironie. Doch seiner Sensibilität im Beobachten von Paarbeziehungen hat dies nicht geschadet: Handelt doch das gut 130-seitige Bändchen, mit dem er die Lesung und das Gespräch mit Moderator Hans Strub sowie den gut 40 Zuhörern gestaltet, genau hiervon. «Trennt euch!» heisst es, das Analyse und Anleitung sein will und darin so schonungslos ist, wie der Titel vorwegnimmt.

«Die innere Stimme ist stärker als jedes Schönreden.» Thomas Meyer

«Kompatibilität» nennt der Zürcher Autor als Schlüssel für eine erfüllende Beziehung. Sie sei gegeben, wenn man in zentralen Aspekten des Lebens übereinstimme: im Humor, in der Weltanschauung, Gemütsart und so weiter.

Und die Liebe? Der «ist nicht zu trauen». Entstehe sie doch meist aus einer Schwärmerei heraus, in der die Attraktivität des Partners über die seelische Verbundenheit gestellt werde. Gleichwohl, in vier von fünf Beziehungen werde krampfhaft an diesem «verhexten Glück», der Liebe, festgehalten. So oft passe ein Paar nicht zueinander, ist Meyer überzeugt.

Aus Trennung lernen

Die Angst vor Einsamkeit und die Hoffnung, dass sich das Unwohlsein in der Partnerschaft wieder lege, hielten meist von einer Trennung ab. Indes, man brauche nur auf die innere Stimme zu hören. «Sie ist stärker als jedes Schönreden.»

Meyer spricht aus Erfahrung, lebt er doch getrennt von der Mutter seines Sohnes. «Kenne ich alles», meint darauf eine Zuhörerin zum Autor. Sie ist eine der fünf Personen, die anschliessend die Möglichkeit zum eigens anberaumten Austausch wahrnehmen.

«Die Kirchen sind ja Spezialisten dafür, in der Gemeinschaft etwas zu schaffen.» Gina Schibler, Pfarrerin aus Volketswil

Sodann entspinnt sich eine Diskussion, ob man heutzutage nicht zu schnell aufgebe, zu wenig an sich arbeite – und ob Streiten einer Beziehung nicht auch guttue. Meyer sieht zwar kaum Hoffnung in der Rettung nicht passender Beziehungen – hingegen in der persönlichen Konsequenz. Denn: «Einfach den Partner abzuwerten, ist keine Lösung.» Daraus, warum man diesen gewählt habe, könne man viel über sich selber lernen. Wenn man mitunter unbequeme Frage zulasse, freilich.

Kirche für das Klima

Um unbequeme Fragen geht es rund drei Stunden später auch Gina Schibler. Die Pfarrerin, die von 2000 bis 2015 in Erlenbach gewirkt hat und nun in Volketswil tätig ist, spricht eindringlich über die Verantwortung der Menschen punkto Klimawandel.

Zwar verschont sie nicht ihre eigene Zunft: «Es nehmen noch zu wenig Kirchenleute an den Klimademonstrationen teil», moniert sie. Sie, die sich für das Umweltlabel «grüene Güggel» der Kirche einsetzt, ist gleichwohl zuversichtlich ob der mannigfachen Möglichkeiten derselben.

«Die Kirchen sind ja Spezialisten dafür, in der Gemeinschaft etwas zu schaffen.» Zumindest die mittlerweile 50 Zuhörer hat sie auf ihrer Seite, wie zustimmende Voten zeigen. «Wir müssen laut und sichtbar werden», meint eine ältere Dame. Der Neuenburger Theologe Pierre Bühler und die Ordensschwester Grazia Maggese runden mit ihren Reden über das Einmischen das Programm ab.

Erstellt: 10.06.2019, 22:03 Uhr

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