Berufsmesse

«Offensichtlich sind viele Jugendliche mit dem Berufsalltag überfordert»

Noch bis am Samstag ist die Berufsmesse Zürich geöffnet. Thomas Hess vom kantonalen Gewerbeverband sagt, welche Berufe boomen und worauf die Lehrbetriebe heute achten.

An der Berufsmesse in Zürich werden 240 Lehrberufe und Weiterbildungsmöglichkeiten vorgestellt.

An der Berufsmesse in Zürich werden 240 Lehrberufe und Weiterbildungsmöglichkeiten vorgestellt. Bild: PD

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Herr Hess, die Berufswelt verändert sich schnell, auch wegen der Digitalisierung. Ist es überhaupt noch wichtig, in welchen Beruf man als Jugendliche oder Jugendlicher einsteigt?
Thomas Hess: Natürlich kann man später noch die Richtung wechseln. Aber man vergibt sich möglicherweise eine Chance, wenn man mit einer Grundausbildung beginnt, die einem nicht liegt. Wenn der Start ins Berufsleben misslingt, ist das für alle Beteiligten frustrierend.

Im Kanton Zürich schmeisst jede und jeder fünfte Lernende im ersten Lehrjahr hin. Ein Indiz, dass die Berufswahl vernachlässigt wird?
Über drei Viertel davon beginnen wiederum eine Lehre. Am Ende bleiben nur etwa fünf Prozent ohne eidgenössischen Abschluss. Allerdings zeigt das schon, dass viele Jugendliche offensichlich überfordert sind.

Mit der Berufswahl?
Nicht nur. Auch mit dem beruflichen Alltag. Die Arbeitstage sind lang, sie haben weniger Freizeit und Ferien, sind plötzlich unter Erwachsenen, müssen Verantwortung übernehmen und stecken in der Pubertät. Damit kommen nicht alle zurecht.

Welche Eigenschaften sind heute im Berufsleben gefragt? Andere als früher?
Nein, wie vor 100 Jahren zählen Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit, Freundlichkeit. Neu ist, dass man wohl flexibler sein muss, weil die Geschwindigkeit der Veränderungen auch im Beruf zunimmt.

Und wie schlägt sich die Jugend von heute?
Wie man von den Lehrmeistern hört, haben sie in diesen Bereichen etwas nachgelassen.

Woran mag das liegen?
Ich kann mich auf keine Studie abstützen. Aber die Ausbildungsverantwortlichen melden uns oft zurück, dass es bei der Pünktlichkeit und Verlässlichkeit hapert, insbesondere bei Lernenden mit Sek-B- und Sek-C-Abschluss.

«Uns wird oft gemeldet, dass es bei der Pünktlichkeit und Verlässlichkeit hapert.»Thomas Hess,
Geschäftsleiter Gewerbeverband Kanton Zürich

Die Kreuzchen im Schulzeugnis mit der Beurteilung des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens sind also bedeutend?
Ganz klar. Sie sind wichtige Indikatoren. Die Lehrmeister wollen unbedingt, dass dieser Teil im Zeugnis beibehalten wird.

Zurück zur Berufswahl: Wie wichtig ist die Rolle der Eltern?
Einfluss haben Lehrpersonen, Kolleginnen und Kollegen, Schüler der älteren Klassen – und natürlich die Eltern. Sie sollten sich nicht aus dem Prozess rausnehmen. Es ist wichtig, dass sie Tochter und Sohn unterstützen, bei einer Absage Mut machen, sie motivieren, weitere Bewerbungen zu schreiben oder telefonisch nachzuhaken. Man kann nicht alles der Schule delegieren.

Wird dort genug getan, damit die Jugendlichen auf die Berufswahl und die Arbeitswelt vorbereitet sind?
Die Schulen sind gut unterwegs. Mit dem neuen Fach Medien und Informatik wird der Digitalisierung Rechnung getragen. Auch werden mit dem neuen Lehrplan wirtschaftsrelevante Fächer gestärkt. Zudem gibt es die Berufliche Orientierung neu als eigenständiges Fach in der 2. Sek. Der Gewerbeverband hätte das Fach zwar gerne bereits ab der 1. Sek gehabt.

Müssen sich 12- und 13-Jährige bereits so intensiv mit Beruf und Erwachsenenwelt befassen?
Der Beruf gehört zum Leben. Aber es ist schon so, in diesem Alter hat man sicher noch ganz andere Dinge im Kopf. Es ist für Eltern und Schule ein Spagat. Sie müssen den Zugang zur Berufswelt ermöglichen, ohne zuviel Druck aufzusetzen. Es kann aber auch nicht sein, dass man das Thema zu lange hinausschiebt. Dann landen noch mehr Schülerinnen und Schüler im 10. Schuljahr.

Darüber hat kürzlich der Kantonsrat beraten. Der Zugang zu Brückenangeboten ist schwieriger geworden.
Das ist gut so. Ein 10. Schuljahr kostet über 20 000 Franken. Einen grossen Teil bezahlen die Gemeinden. Es mag sinnvoll sein, wenn jemand wirklich noch nicht reif ist für die Berufswelt. Aber es kann nicht das Ziel sein, mit einem solchen Jahr einfach noch Zeit abzusitzen. Schon gar nicht, wenn – wie im letzten Sommer – 1500 Lehrstellen unbesetzt bleiben.

Besser genügend Lehrstellen als zu wenige.
Ja, für die Jugendlichen mag das ein Vorteil sein. Für betroffene Betriebe ist es frustrierend. Kann ein Gewerbler die Lehrstelle nicht besetzen, löst er sie vielleicht auf. Das ist problematisch, weil sich die Situation bald ändern kann. In acht bis zehn Jahren stehen die geburtenstarken Jahrgänge vor der Berufswahl. Dann sind wir froh, wenn es genügend Lehrstellen gibt.

Welche sind heute beliebt?
Nach wie vor das KV. Ebenso boomen Fachfrau Gesundheit und Fachfrau Betreuung sowie Informatiker.

Und wo ist es schwierig, Lehrstellen zu besetzen?
In den klassischen handwerklichen Berufen, dort wo man sich die Hände schmutzig macht: als Sanitär oder auf dem Bau.

Hat man heute nicht auch auf dem Bau gute Perspektiven?
Das ist so, die Branche ist vielseitig, und dank unserem Bildungssystem kann man eine höhere Berufsbildung oder Berufsmatur abschliessen.

Trotzdem ist manchen Eltern ein solcher Lehrberuf nicht gut genug.
Das liegt oft an alten Denkmustern. Auch aus dem Ausland Zugezogene, die unser duales Bildungssystem nicht kennen, tendieren dazu, ihre Kinder ans Gymnasium zu schicken.

Wählen zu viele den akademischen Weg?
Man sollte die beiden Wege nicht gegeneinander ausspielen. Ich bin aber der Meinung, dass die Maturitätsquote von heute 19,5 Prozent im Kanton Zürich nicht weiter angehoben werden sollte. Die Folgen sieht man im Tessin und in der Waadt, wo die Quote bei 30 Prozent liegt. Dort ist die Jugendarbeitslosigkeit höher als bei uns im Kanton Zürich. Zudem: Auch das Gewerbe braucht leistungsstarke Jugendliche. Und in vielen Lehrberufen muss man schulisch topfit sein, etwa die Mediamatiker und Elektrotechniker.

Muss das Image der Lehre aufpoliert werden?
Es wird viel getan. Kürzlich hat das Schweizer Fernsehen live von den Berufsmeisterschaften, den Swiss Skills, berichtet. Auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann ist ein guter Fahnenträger der Berufslehre. Und die Schulen und Berufsbildungsforen, wo die Wirtschaft vertreten ist, unternehmen viel, um den Jugendlichen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sich mit einer Lehre bieten. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 20.11.2018, 18:09 Uhr

Thomas Hess, Geschäftsleiter des Gewerbeverbands Kanton Zürich

Berufsmesse Zürich

An der Berufsmesse Zürich werden 240 Lehrberufe und zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten vorgestellt. Viele Tätigkeiten können die Besucher selber ausprobieren. An jedem Stand sind Ausbildner und Lernende anwesend. Zudem gibt es im Forum Referate über Berufswahl, Bewerbung, Berufsmaturität und vieles mehr. Die Berufsmesse auf dem Messegelände Zürich (neben Hallenstadion) ist noch bis am Samstag geöffnet, bis Freitag jeweils 8.30-17 Uhr und am Samstag 10-17 Uhr. Der Eintritt ist frei. hz

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