Wochengespräch

«Man muss die Rädelsführer identifizieren»

Er hat den Polizeistützpunkt Schmerikon geleitet und war bei der Flughafenpolizei Zürich für Sicherheit zuständig. Seit 2013 unterstützte Felix Walz als Berater die Mission der Vereinten Nationen in Liberia. Nun hat er eine Stiftung zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten gegründet.

Felix Walz will mit seiner in Schmerikon ansässigen Stiftung die Schulinfrastruktur in Liberia verbessern.

Felix Walz will mit seiner in Schmerikon ansässigen Stiftung die Schulinfrastruktur in Liberia verbessern. Bild: Moritz Hager

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Sie pendeln derzeit zwischen Liberia und der Schweiz hin und her. Was ist das Erste, das sie tun, wenn sie an den Zürichsee zurückkehren?
Felix Walz: Ich mache im Hauptbahnhof Zürich Halt, wo ich mir eine Bratwurst gönne. Hier freue ich mich daran, dass man Leitungswasser trinken und nachts sicher auf der Strasse gehen kann.

Seit Oktober 2013 sind Sie in Liberia tätig. Wie kam es dazu?
Alles begann damit, dass die Kantonspolizei Zürich als grösstes Polizeikorps der Schweiz 2012 vom Aussendepartement gebeten wurde, einen Experten zur Unterstützung der UNO-Friedensmission in Liberia zu stellen. Man kam auf mich, weil ich als Chef Stabsabteilung der Flughafenpolizei schon jahrelang Auslandmandate erfüllt hatte.

Ihre komfortable Anstellung haben Sie für diese Mission an den Nagel gehängt. Wie hat ihr Umfeld reagiert?
Viele schüttelten den Kopf und konnten das zunächst nicht verstehen. Doch ich spürte einen Drang, in meinem Leben nochmals etwas anderes anzupacken – einen inneren Ruf, dass ich von den vielen positiven Erfahrungen in meinem Leben etwas zurückgeben will.

Was war ihr Auftrag in Liberia?
Da gab es verschiedene Rollen. Als Teamleiter der internen Evaluationseinheit stand ich 450 UNO-Polizisten aus 38 Mitgliedstaaten vor und musste die Qualität der Polizeiarbeit bewerten. Das brachte mich in die Geschäftsleitung der Mission. Ich wurde Vorgesetzter aller UNO-Polizisten und arbeitete direkt mit dem liberianischen Polizeidirektor zusammen. Der Hauptauftrag war, die Kapazität der liberianischen Polizei zu verbessern und dafür zu sorgen, dass diese ihre Macht gesetzeskonform ausübt und die Menschenrechtskonventionen einhält.

Wie erfolgreich waren Sie in dieser Arbeit?
Wichtig war zunächst zu verstehen, dass in Afrika neben dem geschriebenen Recht ein traditionelles Recht existiert. Die traditionellen Stammesrituale stehen weit über allem anderen. Ich erkannte, dass wir nichts erreichen können, wenn wir nicht die Anführer der teilweise sehr mächtigen Stämme einbeziehen. So begann ich mich am Sonntagabend nach Dienstende mit Meinungsmachern und spirituellen Führern einzelner Kommunen in der Nähe der Hauptstradt Monrovia zu treffen und ihnen zu vermitteln, dass wir ihre Hilfe brauchen.

Konnten Sie sie zur Zusammenarbeit bewegen?
Schrittweise. Wir begannen die Ausbildung für die Polizei breiter in der Gesellschaft einzubetten. Wir machten Pilotprojekte in zwei Bezirken und zogen Aktivitäten zusammen mit der Zivilbevölkerung auf. Der Erfolg war so gross, dass ich nach Ablauf meines zweijährigen Mandates als UNO-Experte im Juni 2015 gebeten wurde, als ziviler Berater zu bleiben und das «Community Police Program» der liberianischen Polizei fortzusetzen.

Worum ging es dabei?
Wir suchten den Austausch mit Stammes- und religiösen Führern zu Gewalt- oder anderen sozialen Themen. Als Zentrum für die Treffen wählten wir Schulen. Dahinter steht der Gedanke, dass sich der Zustand einer Gesellschaft in den Schulen zeigt. Kinder tragen die Probleme in der Familie oder Sippe in die Schule hinein. Doch dafür mussten wir zunächst die Schulinfrastruktur verbessern. Ich setzte ein erstes Projekt um in einer Schule, wo wir die Dächer reparierten, das Abwassersystem und die sanitären Anlagen verbesserten und Wassertürme bauten. Unterstützt wurde das Projekt durch die einzige Bierbrauerei in Liberia, die sich in Schweizer Händen befindet. Nachdem ein Schweizer Rotary Club am Oberen Zürichsee seine Unterstützung zusicherte, dehnten wir die Arbeit auf eine weitere Schule aus.

Welchen Herausforderungen begegnen Sie bei dieser Arbeit?
Die Aufgabe besteht darin, den Menschen Planung und prozessorientiertes Denken beizubringen. Menschen, die von jahrelangem Bürgerkrieg gezeichnet sind und keine Ausbildung geniessen konnten, sind Experten im Überleben von heute auf morgen. Aber einen langfristigen Plan zu entwickeln und dann auch umzusetzen, das muss man ihnen zeigen und sie dabei eng begleiten.

Wie stellen Sie sicher, dass ihre Botschaften die Menschen auch tatsächlich erreichen?
Man muss zunächst einmal verstehen, wie wichtig in Afrika Tradition ist und welche Rolle die Religion und die Frauen spielen. Frauen sind in Afrika diejenigen, die zuverlässig sind. Wir arbeiten mit Stammesführern, Frauen- und Jugendorganisationen zusammen. Man muss in Bildern sprechen und seine Botschaften über Rollenspiele und traditionelle Musik vermitteln.

Sie waren auch während der Ebola-Krise im Land.
Richtig. Das EDA erwog, mich zurückzuholen. Aber für mich war klar, dass ich bleibe. Wer denn sonst, wenn nicht die UNO-Peacekeeping-Truppen hätten den Menschen dort Mut machen und ihnen zur Seite stehen sollen.

Hatten Sie nie Krisen?
Doch, es gab eine Phase, in der ich alles hinschmeissen wollte, weil ich das Gefühl hatte, nichts bewirken zu können. Doch es gab immer wieder Einheimische – Lehrer oder Familien mit ihren Kindern – die mich mit ihrer Herzlichkeit berührten und darin bestärkten weiterzumachen.

Und gesundheitliche Probleme?
Nach zwei Jahren setzte ich in Rücksprache mit einem Spezialisten die Malaria-Prophylaxe ab. Da brach die schlimmste Variante der Krankheit aus, und ich war zwei Tage lang in einem kritischen Zustand. Behandelt wurde ich in einem pakistanischen Krankenhaus. Eine Repatrierung in die Schweiz machte aber keinen Sinn, denn was die Ärzte in Westafrika sicher können, ist tropische Krankeiten behandeln. Darin sind sie sehr gut.

Hat Ihnen Ihre Offiziersausbildung bei der Kantonspolizei Zürich für Ihre Arbeit in Liberia eigentlich etwas genützt?
Es war eine ausgezeichnete Führungsausbildung. Durch die Techniken, die man trainiert, ergibt sich ein Automatismus, wie man in Ausnahmesituationen reagieren muss. In Liberia, wo nichts funktioniert und man sich eigentlich ständig im Ausnahmezustand befindet, ist das sehr hilfreich. Ich hätte nie gedacht, dass ich das Gelernte so praktisch anwenden kann.

Wie sehen Sie Spendenaufrufe?
Ich bin nicht für gross angelegte Spendenaktionen. Wir müssen Leute, die über die Bereitschaft und das Fachwissen verfügen, in diese Länder schicken, damit sie dort vor Ort mit den Menschen zusammenarbeiten können. Das ist es, was Wirkung zeigt. Die Schweiz hat so viel zu geben, aber es muss vor Ort geschehen.

Würden Sie in der Asylbetreuung hierzulande etwas anders machen?
Mein Rat wäre, dass man die Menschen, die hierher kommen, differenzierter anschauen muss. Darunter sind Kinder und Frauen, die Schlimmes erlebt haben, ebenso wie Wirtschaftsflüchtlinge und Rädelsführer. Diese Anführer muss man identifizieren und schulen. Denn auf sie hören die anderen.

Und was sind Ihre Empfehlungen für die Flüchtlingspolitik?
Meine Botschaft an die Schweiz ist, mehr Experten zu entsenden, die den Menschen vor Ort helfen. Die meisten Flüchtlinge wollen nicht weg aus Afrika. Sie gehen nur, weil die Armut in Liberia unvorstellbar gross ist, die Zukunftsperspektiven alles andere als rosig sind und die Menschen ein falsches Bild vom «Paradies» Europa und Amerika haben. Lieber wollen sie ihr Leben in der Heimat verbringen.

Sind wir Schweizer zu sehr um unseren Wohlstand besorgt?
Hier ist es paradiesisch, und viele schätzen das auch. Aber ich wünschte mir, die Schweiz wäre nicht so zögerlich, wenn es darum geht, etwas zurückzugeben – nicht primär mit Geld, aber mit unserer Schweizer Professionalität und unserem Wissen etwas nachhaltig zu gestalten.

Ihr Mandat bei der UNO lief Ende Juni aus. Wie geht es weiter?
Für mich war klar, dass ich weitermache. Deswegen habe ich eine Stiftung gegründet. Die Beurkundung ist letzte Woche erfolgt, der Handelsregistereintrag steht bevor. Wir sind auf der Suche nach Sponsoren in der Schweiz und international. Ich mache weiter und gehe von einer Schule zur nächsten. Ich spüre in dieser Arbeit eine Befriedigung wie noch nie in meinem Leben. Hier kann ich im Kleinen etwas bewirken.

Erstellt: 30.10.2016, 15:11 Uhr

Zur Person

Felix Walz ist Präsident der neu gegründeten Bowier Trust Foundation. Die Stiftung mit Sitz in Schmerikon bezweckt die Verbesserung von Schulinfrastrukturen in Liberia. Sie hat ein Team in Monrovia. Walz stand 42 Jahre lang im Polizeidienst. Bis Mitte Jahr war er Polizeioffizier der Kantonspolizei Zürich, wo er unter anderem Stabschef der Flughafenpolizei war. Zwischen 2013 und 2015 befand er sich als Experte für die Mission der Vereinten Nationen in Liberia und war danach für ein weiteres Jahr ziviler Berater. Vor seiner Tätigkeit für die Kantonspolizei Zürich arbeitete er an der ETH Zürich und bei der St. Galler Kantonspolizei. Der 63-Jährige wohnt in Schmerikon und Monrovia.
pku

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