Küsnacht

Grosse Literatur für den kleinen Mann

Mit «Die Ballade vom kleinen Mann» feierte die Schauspielgruppe «Die Kulisse» an diesem Wochenende Premiere und Uraufführung zugleich.

Die Texte sollen für sich sprechen: Die Schauspielgruppe «Die Kulisse» hat ein Werk aus Literaturklassikern geschaffen.

Die Texte sollen für sich sprechen: Die Schauspielgruppe «Die Kulisse» hat ein Werk aus Literaturklassikern geschaffen. Bild: PD/Sarah Zolin

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Es ist ein schwarzer Tag für die Rockwelt, dieser 16. August 1977, an dem Elvis Presley stirbt. Alfred Behlmann liest die Nachricht in der Zeitung, mit der er die Pfanne, aus der er soeben seine Eier mit Speck verspeist hat, ausgeputzt hat. Der Kulisse-Darsteller Hans-Peter Fehr in der Rolle des in die Jahre gekommenen Alfred steht nicht etwa auf der Bühne des katholischen Pfarreizentrums, wo am Freitag die Premiere von «Die Ballade vom kleinen Mann» stattfand, sondern mitten im Raum auf einer erhöhten Spielfläche.

Das Publikum ist drum herum platziert. Am Rand dieser unkonventionellen Bühne, die ohne Bühnenbild auskommt, haben auch die weiteren 11 Schauspieler Platz genommen. Sie werden im Verlauf der Aufführung verschiedene Figuren verkörpern, sich dazu vor den Augen der Zuschauenden umziehen und im Leben von Alfred einen Part übernehmen.

Ein Alltag voller Routine

Das Spielmobiliar ist minimal in dieser Inszenierung – der Sessel von Alfred, ein niedriger Tisch mit dem Radio und ein Hocker. Zugrunde liegt dem Stück ein Gedicht des Österreichers Josef Weinheber, das in 24 Strophen den aus Routine bestehenden Tagesablauf eines einsamen Mannes nachzeichnet, vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen: Diese «Ballade vom kleinen Mann» liest das Ensemble als Prolog vor.

Um diesen Mann und seine Vergangenheit auferstehen zu lassen, haben die beiden Regisseurinnen Charlotte Joss und Sarah Deissler ihm einen Namen und ein Leben verpasst, das sie aus Textauszügen der Weltliteratur geschaffen haben. Vor den Zuschauern wird es in Rückblenden aufgerollt. Die Küsnachter Schauspielgruppe präsentiert somit erstmals eine Uraufführung, für die keine einzige Zeile neu geschrieben werden musste. Alle Zitate sind original. «Draussen vor der Tür» von Wolfgang Borchert gibt die Marschrichtung an, denn Alfred ist wie Beckmann ein Kriegsheimkehrer.

In dieser Szene verkörpert Stephan Pfenninger den traumatisierten Alfred, der die Wohnung der Eltern von fremden Mietern bewohnt vorfindet, wie Borcherts Beckmann auch. Monica Langfritz, die insgesamt vier Rollen verkörpert, spielt hier Frau Kramer, die dem Heimkehrenden gefühlskalt vom Tod der Eltern berichtet. Derweil wird der schlafende Alfred in seinem Fauteuil von Albträumen geplagt.

Diese Szene ist exemplarisch für das aus 21 Bildern bestehende Stück. Es sind weniger die Darstellenden, die einem in Erinnerung bleiben, da man ihnen, ausser dem Protagonisten, keine Rolle zuordnen kann. Es sind die Dialoge und Monologe, die in ihrer Ernsthaftigkeit unter die Haut gehen. Das Gesagte kommt ohne Theatralik aus, vielmehr beherrscht der Tonfall die Emotionen.

Orientierung fehlt

Man wünscht sich, die grossen Klassiker präsenter zu haben, um die zitierten Passagen und vor allem die von ihnen ausgehende Stimmung besser einordnen zu können. So bleibt einem als Orientierungshilfe nur die vor der Aufführung ausgehändigte Szenenbeschreibung mit den Quellennachweisen, um sich etwa in Wedekinds «Frühlings Erwachen» oder Frischs «Andorra» wiederzufinden. In diesen Bildern mimt Felix Helmrich den Jüngling Alfred, der seine männlichen Regungen entdeckt und sich fragt, ob er die Richtige liebt. Die Verliebte ist Eva Polgar, die zum ersten Mal auf der Kulisse-Bühne steht und als Talent auffällt. Den beiden ist es gegönnt, ihre Gefühle voll auszuleben. Es ist der einzige Moment, wo so etwas wie Fröhlichkeit aufkommt in Alfreds Leben, das ansonsten freudlos verläuft.

Umso bemerkenswerter ist die Leistung des Ensembles: Wegen seiner Omnipräsenz im Saal kann es sich keine Sekunde ausklinken, um den roten Faden nicht zu verlieren. Zudem zeugt es von grosser Schauspielkunst, wie die zwölf Darstellenden sich dem literarischen Text unterordnen, ohne als Figur an Bedeutung zu verlieren. Das gelingt ihnen mit einer nuancierten Sprache, die den Autor verrät, wenn man ihn denn so gut kennen würde. So auch Cordula C. Pozimowski: als streitsüchtige Trinkerin am Stammtisch, den Alfred nach der Arbeit aufsucht, lästert sie über Leni und gibt damit ihre Quelle aus Horvaths «Kasimir und Karoline» preis.

Weitere Aufführungen im kath. Pfarreizentrum Küsnacht: 4. bis 12. April um 19.30 Uhr, 7. April um 17 Uhr. Reservationen unter www.kulisse.ch, in der Buchhandlung Wolf oder 044 910 37 47. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.03.2019, 19:20 Uhr

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