Mobbing

ETH publiziert vertrauliche Berichte

Hat Astrophysik-Professorin Marcella Carollo tatsächlich Studierende schikaniert oder ist sie Opfer einer Rufmordkampagne? Weil beide Darstellungen kursieren, veröffentlicht die ETH vertrauliche Berichte.

Die ETH kommt nicht aus den Schlagzeilen. Jetzt versucht sie es mit mehr Transparenz.

Die ETH kommt nicht aus den Schlagzeilen. Jetzt versucht sie es mit mehr Transparenz. Bild: Urs Jaudas

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Seit die ETH-Schulleitung Mitte März dem ETH-Rat die Entlassung der Astrophysik-Professorin Marcella Carollo wegen Mobbing und Fehlverhalten beantragt hat, tobt ein Kampf um die Deutungshoheit der Affäre. Zwei Versionen stehen sich diametral gegenüber: Die eine besagt, dass Carollo Studierende und Mitarbeiter schikaniert und fertig gemacht hat. Die zweite Version verteidigt die Professorin und stellt sie als Opfer einer Rufmordkampagne dar. Die Autoren beider Darstellungen belegen ihre Sichtweise mit Zitaten und Dokumenten, die teilweise aus vertraulichen ETH-Berichten stammen. Welche Darstellung plausibler ist, können Aussenstehende, die sich nicht intensiv in die Details vertieft haben, kaum mehr beurteilen.

In dieser Situation hat die ETH nun die Flucht nach vorne angetreten und gestern zwei Berichte in anonymisierter Form publiziert, die sie eigentlich erst nach Abschluss des Entlassungsverfahrens veröffentlichen wollte: Der gut 60 Seiten umfassende Abschlussbericht der Administrativuntersuchung sowie die siebenseitige Empfehlung einer Kommission, welche die Aufgabe hatte, die Angemessenheit der Entlassung zu beurteilen. Schon Mitte März, als die ETH über den Entlassungsantrag informierte, hatte Präsident Joël Mesot eingeräumt, dass diese Kommission die Entlassung als juristisch «eher nicht gerechtfertigt» betrachtet. Ob der ETH-Rat beim Entlassungsantrag der Schulleitung folgt, ist noch offen.

«Etwas verzerrtes Bild»

Nun lässt sich im Detail nachlesen, wie die sechsköpfige Kommission, bestehend aus Professoren, argumentiert. Der Bericht der Administrativuntersuchung vermittle «kein in allen Punkten ausgewogenes Bild». Da und dort entstehe der Eindruck, negative und belastende Aussagen gegen die Professorin seien übergewichtet worden. Neutrale und positive hingegen würden nicht oder nur vereinzelt erwähnt. Es scheine auch, als ob gewisse Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und Suggestivfragen gestellt worden seien. Somit könne es sein, dass die Zustände am Institut, wo die Professorin mit ihrem Mann wirkte, «etwas verzerrt dargestellt» würden.

In den folgenden Abschnitten relativiert die Kommission ihre Aussagen. In Übereinstimmung mit der Administrativuntersuchung schreibt sie, Carollo habe in der Anhörung weder ein Problembewusstsein noch Einsicht in ein allfälliges Fehlverhalten an den Tag gelegt. Vielmehr habe sie sich über die fachlichen Mängel ihrer Studierenden und Mitarbeiter beklagt und die eigenen Vorzüge unterstrichen. «Sie stellte sich als Opfer einer Kampagne dar, die von einer erfolglosen Doktorandin initiiert (...) worden sei», schreibt die Kommission. Und kommt zum Schluss, dass die an die Adresse Carollos erhobenen Mobbing-Vorwürfe, wie sie in der Untersuchung zum Ausdruck kommen, «im Kern weitgehend zutreffend sind».

Die Kommission erkennt zwar «dringenden Handlungsbedarf», schreibt aber, sie sehe angesichts der Aktenlage «keine belastbare rechtliche Möglichkeit zur Entlassung der Professorin». Ein Gericht werde die Kündigung wohl als ungerechtfertigt oder missbräuchlich einstufen. Carollo dürfe sicher keine Doktoranden mehr betreuen, schreibt die Kommission in ihren Empfehlungen. Falls das nicht gehe, dürfe man sie zumindest zwei Jahre lang nicht mehr auf Doktoranden los lassen. Dieser Rat ist aus der Sicht der ETH-Schulleitung nicht praxistauglich, wie Präsident Mesot an im März sagte. Er begründete den Kündigungsantrag unter anderem damit, dass es zum Kernauftrag von ETH-Professoren gehöre, Studierende zu betreuen.

Eingebildeter Komplott

Der Bericht der Administrativuntersuchung lässt keine Zweifel an Carollos Fehlverhalten aufkommen. «Insgesamt erscheinen die erhobenen Vorwürfe, namentlich mit Bezug auf ein herabwürdigendes und respektloses Verhalten stichhaltig und die befragten Personen glaubhaft.» Die Aussagen der Befragten seien in sich konsistent, stammten von verschiedenen Seiten und erstreckten sich über eine längere Zeitperiode. Die von Carollo vorgebrachte Komplott-Theorie vermöge hingegen nicht zu überzeugen. Auch die gegenüber der Ombudsperson, dem Departementsvorsteher und anderen erhobenen Vorwürfe seien unangebracht. Sie zeugten von einer «Für-oder-gegen-mich-Haltung». Carollo halte alle für voreingenommen, die nicht auf ihrer Seite stünden, heisst es sinngemäss im Bericht.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 10.04.2019, 19:31 Uhr

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