Interview

«Das wichtigste Stichwort ist Fokus»

Simon May, Co-CEO vom Schlieremer Institut für Jungunternehmen, erklärt, weshalb heute so viele Unternehmen wie noch nie gegründet werden und was es braucht, damit diese auch langfristig funktionieren.

«Es wurde chic, die erforschte Idee zur eigenen Firma zu machen», sagt Simon May, Co-CEO vom Schlieremer Institut für Jungunternehmen (IFJ).

«Es wurde chic, die erforschte Idee zur eigenen Firma zu machen», sagt Simon May, Co-CEO vom Schlieremer Institut für Jungunternehmen (IFJ). Bild: Severin Bigler

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Im letzten Jahr wurden im Kanton Zürich 7843 Unternehmen gegründet. Das ist ein Rekord. Wurden die Leute ideenreicher oder gibt es stärkere finanzielle Anreize für Unternehmensgründer?
Simon May: Das Geld darf nicht der Antrieb sein, um eine Firma zu gründen. Es kann nach einer gewissen Zeit ein positiver Aspekt sein. Die Gründerinnen und Gründer haben heute den Mut, ihre Träume zu verwirklichen. Sie nehmen mehr Risiko auf sich als früher. Zudem geht die Gesellschaft auch in der Schweiz besser mit dem Thema Scheitern um. An unseren Events erleben wir es, dass die Leute aufstehen und klatschen für Leute, die etwas probieren und dabei scheitern.

Zurzeit wird insbesondere in Hightech-Unternehmen investiert. Was produzieren diese Firmen genau?
Die meisten Hightech-Start-ups kommen aus den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnik. Die Schweiz ist beispielsweise weltbekannt für Drohnen. Zudem nahmen auch die Investitionen im Bereich der Finanzinnovationen zu.

Auch die ETH Zürich meldete mehr Start-up-Gründungen denn je.
Ja, diese Gründungen sind eindeutig dem Hightech-Bereich zuzuordnen. Vor 15 Jahren haben wir Kurse an der ETH gestartet und erklärt, dass es noch einen anderen Weg gibt, als für Konzerne zu arbeiten. Mittlerweile wurde es chic, die erforschte Idee zur eigenen Firma zu machen.

Wie steht die Schweizer Unternehmensszene im internationalen Vergleich da?
Die Schweiz ist Innovationsweltmeister. Wir haben seit vielen Jahren die meisten Patent-Anmeldungen pro Kopf. Zudem arbeiten 400000 Erwerbstätige in einer Firma, die jünger als zehn Jahre ist. Das ist enorm wichtig für die Volkswirtschaft.

76 Prozent der neuen Firmen werden von Männern gegründet. Die Schweizer Unternehmensgründerinnen hinken dem internationalen Schnitt deutlich hinterher.
Es ist schwierig, diese Zahl zu interpretieren, da Frauen oft als Co-Gründerinnen auftreten. Sie beginnen einerseits zurückhaltender und andererseits eher im Team. Männer starten öfters alleine.

Was sind die Gründe fürs Wachstum bei den Firmengründungen?
Es scheint jedoch schwierig zu sein, an das Risikokapital eines Investors zu kommen.
Dieser Aussage kann ich nur bedingt zustimmen. Wenn jemand ein Hightech-Start-up mit einer exzellenten Projektidee und einem Topteam gründet, ist es grundsätzlich nicht schwer, an Geld zu kommen. Das letzte Jahr flossen erstmals über zwei Milliarden Franken Risikogelder in die Hightech-Start-ups. Das sind 83 Prozent mehr als im vorigen Jahr.

Wie kam es zu dieser sprunghaften Zunahme der Risikogelder?
Zusätzlich zu den nationalen kamen internationale Investoren dazu. Diese wurden auf die Topqualität der Schweiz aufmerksam. Zudem liefen die Börsen gut, was dazu führte, dass die Leute investieren wollen. Durch die Negativzinsen ist momentan noch mehr Geld im Umlauf, das investiert werden will.

Sie reden nun von Investitionen in einen kleinen Teil der Start-up-Neugründungen.
Ja, pro Jahr werden rund 300 Spitzen-Hightech-Unternehmen gegründet. Das ist eine kleine und sehr ambitionierte Szene. Diese wächst ebenfalls.

Haben Sie auch mit Neugründungen aus anderen Branchen, etwa aus dem Handwerk, zu tun?
Wir gründen pro Jahr 2000 neue Firmen. Das sind täglich acht bis zehn Unternehmen in verschiedensten Branchen. Wenn jedoch jemand eine Sanitärfirma gründet, ist es viel schwerer, an Fremdkapital zu kommen. Da braucht es mehr Eigenmittel und einen aussagekräftigen Businessplan mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell als Motor.

Was sind Erfolgsgaranten bei einer Unternehmensgründung?
Das wichtigste Stichwort ist Fokus. Egal welches Produkt der Jungunternehmer entwickelt, er muss sich solange damit befassen, bis es exzellent ist. Das fordert einen hohen Eigenantrieb. Ich rate den Unternehmern jeweils: Kopiere die Konkurrenz nicht, sondern kapiere und gehe deinen eigenen Weg. Und bereits bei der Firmengründung passieren einige Fehler.

Welche zum Beispiel?
Oft werden die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht beachtet. Manchmal machen sich die Unternehmer beispielsweise zu wenig Gedanken, ob eine GmbH oder ein Einzelunternehmen passender ist. Andere starten ohne formale Gründung und Anmeldungen, Ende Jahr haben sie dann Probleme mit der Sozialversicherung. Wieder andere wissen nicht, wie sie sich wieder aus dem Unternehmen lösen sollen, wenn es doch nicht klappt. Oft ist die rechtliche Konstellation im Team nicht sauber geordnet. Viele unterschätzen das Business, es ist kein Spurt, sondern ein Marathon.

Wie viele der Firmen existieren nach fünf Jahren immer noch?
Mit unserer Gründungsbegleitung überstehen 89 Prozent der Unternehmen die Fünf-Jahresgrenze. Das ist eine sehr hohe Rate. Landesweit laufen nach fünf Jahren noch 60 Prozent der Unternehmen. Nach drei und fünf Jahren hören die meisten auf. Das ist die anstrengendste Zeit.

In welches Start-up würden Sie investieren?
Ich investiere als erstes in einen Menschen oder noch besser in ein Team. Dieses muss die Idee umsetzen, das ist das Wichtigste. Als Zweites braucht es einen Businessplan beziehungsweise ein Geschäftsmodell, das nachhaltig funktioniert. Ob das Unternehmen im Biotech-Bereich forscht oder eine Drohne herstellt, ist zweitrangig. Es muss ein tolles Thema sein. Die Menschen sind Nummer eins, das Geschäftsmodell und das exzellente Produkt sind Nummer zwei.

Was zeichnet ein gutes Team aus?
Eindeutig ergänzende Fähigkeiten sind wichtig. Es braucht einen guten Verkäufer, Organisator und Techniker. Idealerweise kennt man sich bereits länger, beispielsweise aus dem Studium und hat auch ähnliche Zukunftspläne.

Grundsätzlich ist es einfacher geworden, eine Firma zu gründen. Die globale Vernetzung ist beispielsweise ein Vorteil. Heute kann die IT in Osteuropa sein und das Marketing von Málaga aus gemacht werden. Auch die Teilzeitarbeit ist häufiger geworden. Das ist fantastisch. Man muss jedoch genauso professionell an die Arbeit gehen, ob man nun Voll- oder Teilzeit arbeitet.

Erstellt: 14.01.2020, 18:58 Uhr

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