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Corona-Krise im Eishockey«Fragt sich nur, ob es uns dann noch gibt»

Das Schweizer Eishockey kämpft ums Überleben. Diskutiert wird über Lohnverzichte und Geisterspiele. Denkbar ist sogar ein Saisonstart im Januar 2021.

Geisterspiele wie hier im Hallenstadion wollen die Clubs zum Start der nächsten Saison unter allen Umständen vermeiden.
Geisterspiele wie hier im Hallenstadion wollen die Clubs zum Start der nächsten Saison unter allen Umständen vermeiden.
Foto: Walter Bieri/Keystone

Der April ist der Monat, in dem der Schweizer Eishockeymeister gekürt wird. Normalerweise. Diesmal blieb den Clubs nur, nostalgisch zurückzublicken. Der SC Bern übertrug auf seiner Website jeden Freitag Meisterspiele, die ZSC Lions erinnerten auf ihren sozialen Kanälen an ihre Meisterschützen. Das Schweizer Fernsehen bereitete die Geschichte in der Sendung «Legendäre Playoff-Momente» liebevoll auf.

Ligadirektor Denis Vaucher hat dieser Tage ganz anderes im Kopf. «Das Playoff ist schon intensiv», sagt er. «Aber es ist ein Honigschlecken im Vergleich zur aktuellen Situation. Wir haben vom Krisen- in den Überlebensmodus gewechselt.» Seine Gedanken drehen sich um Schutzkonzepte für den Trainingsbetrieb und diverse Szenarien für die nächste Saison. Dass diese regulär am 18. September beginnen wird, mit Zuschauern, erscheint zusehends schwieriger.

Auf keinen Fall Geisterspiele!

«Die Clubs brauchen mindestens drei bis vier Wochen Vorbereitung auf dem Eis», sagt Vaucher. «Und die grosse Frage ist: Können wir mit Publikum starten?» Einen Saisonbeginn mit Geisterspielen wollen vor allem die Clubs tunlichst vermeiden. Lieber schieben sie den Start nach hinten. Ab dem 1. Oktober würde man die 50 Runden noch reinbringen. Ab dem 1. November mit Einschränkungen. «Dann müssten wir über die internationalen Termine und die Spengler-Cup-Pause diskutieren», sagt Vaucher. Der Weltverband hat Gesprächsbereitschaft signalisiert und könnte sich auch vorstellen, die WM nach hinten zu verschieben, um den Ligen mehr Zeit zu verschaffen.

In der Schweiz gibt es sogar ein Szenario, das einen Saisonstart am 1. Januar 2021 vorsieht. Natürlich mit weniger Runden. «Fragt sich nur, ob es uns dann noch gibt», sagt Vaucher. Welche Clubs zuerst zahlungsunfähig würden, darüber mag der Ligadirektor nicht spekulieren. «Ich mache mir um alle Sorgen.» Und was, wenn die ganze Saison ausfallen sollte? «Das würden die Clubs und wir nicht überleben.»

Jeder Experte scheint den anderen übertrumpfen zu wollen mit negativen Vorhersagen.

Peter Zahner, CEO ZSC Lions

ZSC-CEO Peter Zahner hat für diese Frage wenig Verständnis. «Ich finde es nicht zielführend, jetzt über das Worst-Case-Szenario zu spekulieren», sagt er. «Momentan scheint jeder Experte den anderen übertrumpfen zu wollen mit negativen Vorhersagen, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Natürlich würde es dann das Schweizer Eishockey in dieser Form nicht mehr geben. So wie ganz viele Firmen Konkurs gehen würden. Aber was jetzt in der Wirtschaft passiert, mit einem sukzessiven Plan zurück zur Normalität, das muss auch beim Publikumssport und bei Events möglich sein.»

Zahner ist auch Präsident der Champions Hockey League, und da gestaltet sich die Lage noch komplizierter, weil die Teams ins Ausland reisen müssen. Aber auch diese kann es sich nicht leisten, eine komplette Saison ausfallen zu lassen. Auch sie hat Fernseh- und Sponsorenverträge, muss den Partnern etwas bieten. Als Erste verschob die CHL nun bereits ihren Saisonstart, vom 3. September auf den 6. Oktober. Zudem fallen die Gruppenspiele weg, wird gleich nach dem K.-o.-Modus mit Hin- und Rückspiel gespielt, also mit den Sechzehntelfinals begonnen.

Auf wie viel Lohn können die Spieler verzichten?

Apropos TV-Vertrag: Man hört, dass die Clubs der UPC für die abgebrochene Saison nichts zurückzahlen müssen, dem Partner aber in Zukunft entgegenkommen werden. Hinter den Kulissen hat schon längst das Feilschen um Geld begonnen. Und schon bald dürfte ein neuer Player nach vorne treten: die Spielergewerkschaft. Sie existiert seit inzwischen vier Jahren, blieb aber bisher im Hintergrund. Vaucher hat im Auftrag der Clubs ihren Präsidenten Gianni Ehrensperger aufgefordert, einen Vorschlag auszuarbeiten, auf wie viel Lohn die Spieler verzichten könnten.

«Es wäre ein sehr starkes Zeichen, würden die Spieler ein einheitliche Lösung vorschlagen», sagt Vaucher. «Natürlich mit Ausnahmen bei Härtefällen. Und man könnte dann diskutieren, ob die Clubs einen Teil davon später noch bezahlen, falls es nicht so gravierend wird.» Ehrensperger bestätigt die Anfrage, mehr will er dazu momentan nicht sagen. Die Gewerkschaft ist nicht zu unterschätzen, sie ist inzwischen breit abgestützt. Über 90 Prozent der Spieler gehören ihr an.

Zahner sagt: «Das Angebot muss Substanz haben.» Zahlen will er keine nennen. Würden die Spieler auf 20 Prozent Lohn verzichten, könnten die Clubs zwischen zwei und drei Millionen Franken einsparen. Und so könnten diese, falls nicht alles aus dem Ruder läuft, mit einem blauen Auge davonkommen. Aber sind die Spieler bereit dafür, die Zeche zu bezahlen? «Sollten die Clubs in Konkurs gehen, bekommen diese auch keinen Lohn», gibt Zahner zu bedenken.

Wir müssen uns fragen: Wie würden wir die Liga bauen, wenn wir auf einer grünen Wiese anfangen könnten?

Denis Vaucher, Ligadirektor

Jetzt sei auch die Zeit gekommen, sich grundsätzliche Gedanken zu machen, fordert Vaucher. «Wir müssen uns fragen: Wie würden wir die Liga bauen, wenn wir auf einer grünen Wiese anfangen könnten?» Eine Aufhebung der Ausländerbeschränkung, wie sie nun wieder diskutiert wird, um Druck auf die Spielerlöhne zu machen, findet der Ligadirektor aber frühestens für übernächste Saison praktikabel. «Jetzt stehen die Kader ja grösstenteils. Das würde die Kosten nur weiter erhöhen.» Ein vierjähriger Horizont für die Liga der Zukunft wäre sinnvoll, so Vaucher.

Überleben und gleichzeitig Visionen entwickeln es ist eine herausfordernde Zeit fürs Schweizer Eishockey. Im besten Fall erweist sich die Corona-Krise als heilsamer Schock. Irgendwann.