Zum Hauptinhalt springen

Madrid versinkt im SchneeWintersturm stürzt Spanien ins Chaos

Das Sturmtief «Filomena» hat Südeuropa fest im Griff – und hat die spanische Hauptstadt mit historisch heftigem Schneefall lahmgelegt.

Spanien erlebt seltenen Wintereinbruch: In Madrid schneit es zum ersten Mal seit fast zehn Jahren und im Nordosten des Landes wurden minus 35,8 Grad gemessen.
Video: Tamedia

Winterchaos in Spanien: Das Sturmtief «Filomena» hat mindestens vier Menschenleben gefordert – und die Hauptstadt Madrid mit historisch heftigem Schneefall lahmgelegt. «Wir haben noch schwere Stunden vor uns», warnte Innenminister Fernando Grande-Marlaska am Samstag bei einer ersten Bilanz. Er rief die Spanier dazu auf, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Mit gutem Grund: Vor allem im besonders schwer getroffenen Madrid knickten am Samstag unter der Last des Schnees immer wieder grosse Bäume um.

Der Minister sagte, allein in der Region Madrid seien seit Freitagabend fast 1500 Menschen gerettet worden, die vom Schnee in ihren Fahrzeugen festgesetzt worden seien. Nach Medienberichten warteten allerdings am Samstagnachmittag bei gefühlten minus fünf Grad vor allem auf den Ringautobahnen der Hauptstadt noch Dutzende Menschen auf Hilfe, die die Nacht im Auto verbringen mussten.

Flughafen in Madrid geschlossen: Am Freitag war es auf der iberischen Halbinsel sogar kälter als in der Schweiz. Wegen der grossen Schneemenge wurde der Flugverkehr beeinträchtigt.
Video: Tenerife Meteo

Der Minister-Aufruf blieb derweil in Madrid oft ungehört: Tausende «Madrileños» gingen überall in der Stadt und auch in den umliegenden Gemeinden der Hauptstadtregion auf die nahezu autoleeren Strassen, um sich laut lachend Schneeballschlachten zu liefern oder mit staunenden Augen spazieren zu gehen. Die Menschen waren auf den bis zu 60 Zentimeter dicken Schneedecken teils auch auf Langlaufskiern und Schlitten unterwegs – ein Mann liess sich von fünf Huskys ziehen und wurde so zum viralen Internet-Hit.

Viele andere litten aber in Madrid unter dem Chaos. Der Flughafen und die S-Bahn stellten den Betrieb am Samstag bis auf Weiteres komplett ein. Die Eisenbahngesellschaft Renfe strich viele Verbindungen. «Der Jahrhundertschnee legt Madrid lahm», titelte die Zeitung «ABC». Der Wetterdienst AEMET teilte mit, es handele sich um den grössten Schneesturm in der Hauptstadt seit 1971.

Der Platz Cibeles in Madrid. (9. Januar 2020)
Der Platz Cibeles in Madrid. (9. Januar 2020)
Foto: Keystone 
Eine improvisierte Terrasse auf der Callao-Strasse in Madrid.
Eine improvisierte Terrasse auf der Callao-Strasse in Madrid.
Foto: Rodrigo Jimenez (Keystone) 
Der öffentliche und private Verkehr ist fast komplett lahmgelegt.
Der öffentliche und private Verkehr ist fast komplett lahmgelegt.
Foto: Andrea Comas (Keystone) 
1 / 6

Auf einer der Ringautobahnen wartete Patricia Manzanares unterdessen mit ihren Mitfahrern auf Hilfe. «Wir sitzen hier seit mehr als 15 Stunden fest, niemand hat uns Wasser, Decken oder Essen gebracht», erzählte die Journalistin im spanischen Fernsehen via Handy. Sie klagte: «Wir bekommen überhaupt keine Infos, und im Wagen neben uns ist auch ein drei oder vier Jahre altes Mädchen.»

Schon seit Freitagvormittag fielen in Madrid ununterbrochen dicke weisse Flocken vom Himmel. Der starke Schneefall sollte dort und in der ebenfalls schwer betroffenen Nachbarregion Kastilien-La Mancha erst am frühen Sonntagmorgen aufhören.

Ganz Spanien im Chaos

Nicht nur Madrid wurde von «Filomena» ins Chaos gestürzt. Im ganzen Land wurden nach Angaben der Behörden rund 400 Autobahnen, Land- und andere Strassen gesperrt. Fussball-Spiele wurden abgesagt. Seit Freitagabend und noch bis Samstagabend galt in der Hauptstadt und in zehn von insgesamt 50 Provinzen des Landes die höchste Alarmstufe Rot. In den Regionen, in denen es keinen Schnee gab, brachte «Filomena» im Zusammenspiel mit anderen Wetterphänomenen Unwetter, starke Windböen, Dauerregen und hohe Wellen.

Nach Angaben der Behörden wurde in Zarzalejo im Nordwesten der Region Madrid ein 54-Jähriger tot geborgen, der mutmasslich in der Nacht von Schneemassen begraben worden war. Ein Obdachloser sei am Samstag in einem Park des Madrider Viertels Carabanchel erfroren. Ausserdem starben ein Mann und eine Frau in Fuengirola in der Provinz Málaga im Süden Spaniens, als ihr Fahrzeug in der Nacht bei Überschwemmungen von Wassermassen mitgerissen wurde.

Die Militärische Nothilfeeinheit UME musste seit Freitagabend im ganzen Land mehrfach ausrücken, um Autofahrern zu helfen oder umgestürzte Bäume zu beseitigen. Eingesetzt wurden 147 Soldaten und 66 Fahrzeuge. Dennoch waren die Militärs am Samstag wegen der vielen Notfälle Medienberichten zufolge völlig überfordert.

«Filomena» sorgte auch für einen Rekord: In Vega de Liordes in der Provinz León rund 400 Kilometer nördlich von Madrid wurde schon am Donnerstag mit minus 35,8 Grad laut Meteorologen die tiefste Temperatur verzeichnet, die jemals in Spanien gemessen wurde.

Schneefälle auch in Italien – Dutzende Einsätze für Feuerwehr

Kräftige Schneefälle haben der Feuerwehr in Italien zahlreiche Einsätze beschert. Vor allem im Norden des Landes mussten die Rettungskräfte Strassen freiräumen und liegengebliebene Fahrzeuge wieder flottmachen, wie die Feuerwehr mitteilte.

Der Schnee lastete auch auf den Dächern vieler verschneiter Orte in den Regionen Emilia Romagna und Lombardei. Im Dorf Sappada in der nordöstlichen Region Friaul-Julisch Venetien nahe der österreichischen Grenze mussten die Feuerwehrleute eine Kirche erklimmen, um die Schneemassen vom Dach des Gotteshauses zu schaufeln. Die Feuerwehr meldete insgesamt rund 200 Schnee-Einsätze aus den Regionen.

Ein Feuerwehrmann hilft bei der Schneeräumung auf dem Dach der Kirche Santa Margherita in dem Dorf in der nordöstlichen Region Friaul-Julisch Venetien.
Ein Feuerwehrmann hilft bei der Schneeräumung auf dem Dach der Kirche Santa Margherita in dem Dorf in der nordöstlichen Region Friaul-Julisch Venetien.
Foto: Vigil del Fuoco (Keystone)

sda/oli

21 Kommentare
    Albert Fiechter

    Gleichzeitig bedauern die Spanier, dass die letzten Reste der Gletscher in den Pyrenäen in nur 30 Jahren verschwunden sein werden.