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Cristiano Ronaldo und Juve in SchaffenskriseFehlen CR7 die Pfiffe?

Der Stürmer von Juventus Turin trifft nicht mehr und der Mannschaft mangelt es an einer Spielidee. Zum Re-Start der Liga hofft die Konkurrenz auf ein Ende der Turiner Herrschaft.

Drei Geisterspiele in Folge ohne Tor: Cristiano Ronaldo läuft es noch nicht wie gewünscht.
Drei Geisterspiele in Folge ohne Tor: Cristiano Ronaldo läuft es noch nicht wie gewünscht.
AP/Andrew Medichini

In Neapel hat jemand mit toller Aussicht auf die ganze Stadt die entscheidenden Momente gefilmt, etwas wacklig, aber das ist nicht so wichtig. Es waren die paar Minuten während des Elfmeterschiessens im italienischen Cupfinal, übertragen aus Rom, und wie die Stadt sie erlebte: die Totale im Dunkeln, 23 Uhr. Die bange Stille vor jedem Antritt, als schliefe die Stadt. Die Jubeleruption nach jedem Tor, sehr wach. Vier zu zwei stand es zum Schluss.

Der SSC Neapel, «il Napoli», ist italienischer Cupsieger, zum sechsten Mal in der Vereinsgeschichte. Und weil man dafür Juventus Turin geschlagen hat, das grosse und reiche Juve, diesen unersättlichen Drachen des Calcio aus dem Norden des Landes, ist dieser Triumph richtig viel wert.

Sogar Corona ging vergessen

Zwar muss man sagen, dass die Coppa d'Italia den Italienern gemeinhin als minderer Wettbewerb gilt, schnöde behandelt und meist vor halbleeren Rängen ausgetragen. Doch wenn mal nicht Juventus gewinnt, ist es, als gäbe es nichts Grösseres. In Neapel feierten sie, als wären sie gerade Meister geworden, mit Autokorso, Hupkonzert, Grossauflauf auf der Piazza Trieste e Trento, einem Bad im Brunnen. Sogar Corona war in dieser neapolitanischen Nacht vergessen, was noch für reichlich Polemik sorgen wird.

Das «hässliche Spiel» am Mittwochabend, wie es der «Corriere della Sera» in präziser Prosa beschrieb, warf auch viele sportliche Fragen auf, und natürlich drehen sich die wichtigsten davon um die Form von Juve. Am Samstag nimmt auch die Serie A den Betrieb wieder auf, die Turiner liegen nur einen Punkt vor Lazio Rom. Alles ist offen, auch die Aussicht, dass die unerbittliche Serie von acht Juve-Titeln in Serie endlich abbricht. Cristiano Ronaldo war gegen Neapel dermaßen wirkungslos auf allen Positionen, die er sich aussuchte, im Zentrum des Angriffs wie auf dem angestammten linken Flügel, dass ihn die «Gazzetta dello Sport» in ihrer Tabelle mit den Spielzensuren zum Schlechtesten der Seinen wählte: «Il peggiore», Note 5. Kam wohl noch nie vor.

Weitergehen, bitte: Diesen Pokal durfte Cristiano Ronaldo nicht in die Höhe stemmen.
Weitergehen, bitte: Diesen Pokal durfte Cristiano Ronaldo nicht in die Höhe stemmen.
AP/Andrew Medichini

Trotz aller zugestandener Privilegien wirkt der Juve-Topstürmer matt und leer. Es kursiert die These, wonach es am leeren Stadion liegen könnte. Ronaldo trifft nicht mehr, seit niemand mehr klatscht und, vielleicht noch schlimmer: niemand mehr pfeift. Der Portugiese mag es, wenn er gegen eine Welle von Antipathie anspielen muss, das erst gibt ihm den wahren Kick. Drei Geisterspiele, eines in der Meisterschaft und zwei im Cup: null Tore. Wann hat es das zuletzt gegeben?

Buffon wie ein Junger

Im Elfmeterschiessen hätte er wohl als letzter Turiner anlaufen sollen und wollen, als Entscheider – für die Bilder, für die Fortschreibung der Legende. Doch nachdem Paulo Dybala und Danilo vergeben hatten und Napoli viermal in Serie getroffen hatte, durfte Ronaldo nicht mehr. Der Sieger hiess Neapel.

Überhaupt: In die Lotterie der Elfmeter schaffte es Juve nur, weil Gianluigi «Gigi» Buffon nach langer Zeit mal wieder «Super Gigi» war, und das ist auch biologisch eine schöne Nachricht: Der Torwart ist inzwischen 42 Jahre alt und steht vor einer Vertragsverlängerung. Für die «Gazzetta» war Buffon «Der Beste» Note 7,5. Kurz vor Ende der üblichen Spielzeit rettete er das 0:0 mit jugendlichen Reflexen, zweimal half ihm der Pfosten. Buffon war immer da und wach, im Gegensatz zu anderen auf der Höhe seiner Fama. Und man hörte seine Stimme im leeren Olympiastadion von Rom während des ganzen Spiels, seine war mit Abstand die lauteste. Buffon, wissen die Italiener jetzt, redet ständig, keine Minute ohne Anweisung, er dirigiert alle herum, seine Stimme trägt locker bis ins Mittelfeld.

Ob es da überhaupt noch einen Trainer braucht? Maurizio Sarri, Juves Coach, gilt nun als «Finalverlierer», nachdem die Turiner schon im Supercup gegen Lazio verloren haben, und das ist natürlich ein Prädikat für die Abschussrampe. Es lässt sich keine Spielidee erkennen. «Juve ist verschwunden, Juve existiert nicht mehr», schreibt Mario Sconcerti, einer der Chefkommentatoren des italienischen Fussballs. Auch wenn das arg apodiktisch und nach einer gewagten Prognosen klingt: Neapel badet im Glück, und Lazio hofft – es ist ja nur ein Punkt.