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Der Umbau des BVBFavre bleibt – und er soll einen neuen Sancho bekommen

Der ewige Zweite Borussia Dortmund versucht einmal mehr, eine Mannschaft mit Meisterreife zu komponieren – mit Trainer Lucien Favre, dessen Vertrag bis 2021 bestätigt wurde. Und einem 16-jährigen Ausnahmetalent?

Das grosse Vorbild für junge englische Fussballer: Jadon Sancho (rechts) mit Dortmund-Trainer Lucien Favre.
Das grosse Vorbild für junge englische Fussballer: Jadon Sancho (rechts) mit Dortmund-Trainer Lucien Favre.
Foto: Getty Images

Irgendwie scheint Mario Götze bei Borussia Dortmund immer nur durch die Hintertür zu kommen oder zu gehen. 2013 war das so, als Götze verletzt den Champions-League-Final im Wembley verpasste, bevor er zum Gegner Bayern München wechselte. 2016 war es wieder so, als Götze sich bei seiner Rückkehr zum BVB eher hereinschlich, um sich dem immer noch nicht abgeklungenen Zorn der Hardcore-Fans zu entziehen. Und jetzt, bei seinem zweiten Abschied, verzichtet Götze sogar darauf, sich im letzten Ligaspiel gegen Hoffenheim (Samstag, 15.30 Uhr) vom Trainer noch einmal auf die Ersatzbank setzen zu lassen. Götze löst sich quasi in Luft auf, wird fürs Erste zum Transfergerücht. Und seinen Platz im BVB-Kader soll sogleich das nächste 16-jährige Wunderkind aus England übernehmen.

Das Zyklische mag den Fussball attraktiv machen: immer wieder dieselben Muster, immer ein bisschen aktualisiert, immer ein bisschen anders. In Dortmund allerdings scheint seit Jahren jeder Zyklus mit Platz zwei zu enden: immer Zweiter!

Ist ihm das Durchsetzungsvermögen abhanden gekommen? Der «Dortmunder Junge» Mario Götze.
Ist ihm das Durchsetzungsvermögen abhanden gekommen? Der «Dortmunder Junge» Mario Götze.
Foto: Keystone

Als Götze das erste Mal ging, war die Borussia Zweite, damals auch in der Champions League. Jetzt ist es wieder so, nur ohne Champions League. Als Dortmund zuletzt die Meisterschale holte, 2012, war Götze dabei, mit 19. Seitdem jedoch müssen sie in Dortmund jedes Jahr umbauen, einen neuen Anlauf nehmen, das Kader anders rekombinieren. Und statt auf Götze, der mit 27 eigentlich gerade erst ins beste Fussballeralter kommt, setzen sie beim BVB dieses Mal selbst auf den Wechsel.

Wenn alles gut geht, dann kommt Jude Bellingham, erst 16 Jahre alt, aber schon Stammspieler beim englischen Zweitligisten Birmingham City – und auf der Insel als «der nächste Sancho» gepriesen, den der BVB ja bereits als Original im Kader hat. Bellingham soll einer mit der Eleganz von Götze sein, aber auch mit jenem Durchsetzungsvermögen, das Trainer Lucien Favre (und viele andere) dem «Dortmunder Jungen» Götze nicht mehr zutrauen.

Mit 16 schon Stammspieler: Birminghams Jude Bellingham.
Mit 16 schon Stammspieler: Birminghams Jude Bellingham.
Foto: Reuters

Dortmund bastelt also wieder einmal, für den nächsten Anlauf im Meisterkampf gegen die Bayern. Abermals mit Trainer Favre, dessen Vertrag bis 2021 von Sportdirektor Michael Zorc bestätigt wurde und der mindestens einmal noch mitwirken darf bei der Bastelei. Den Frust des erneuten Verlusts in der zu Ende gehenden Saison haben sie schon wieder überwunden, business as usual. Vielleicht haben sich manche in Dortmund auch schon zu sehr eingerichtet mit dem Status der Nummer zwei. Beim Kader-Basteln ist das Spiel jedenfalls immer dasselbe: Ein, zwei Profis gehen nach jeder neuen Saison verloren.

Alle grossen englischen Clubs buhlen um den 16-Jährigen

Dortmunds Scouts finden dann andere Wege – Bellingham dürfte die neueste Auflage werden. In Birmingham hat Bellingham, wie in England üblich und vorgeschrieben, nur einen Ausbildungsvertrag, der automatisch diesen Sommer ausläuft. Sein Club kann ihn nicht zwingen zu bleiben, und für die zweite Liga ist er sogar als Teenager schon zu gut. Alle grossen Premier-League-Clubs buhlen um ihn, in Dortmund aber hatten Bellingham, sein Vater und sein Berater schon kurz vor dem Corona-Lockdown der Bundesliga ihre Zusage hinterlegt.

Die Frage ist nur, was so ein Wort in diesen Zeiten und in dieser Branche jetzt wert ist. Birmingham würde Bellingham gerne für noch mehr Ausbildungsvergütung abgeben als für jene 20 bis 22 Millionen, die der BVB wohl zahlen will. Keiner kann Bellingham letztlich zwingen, aber heutzutage weiss man nie. «Natürlich wollen wir, dass das klappt», sagt Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, «aber es ist klar, dass bei so einem begabten Spieler viele andere auch Interesse haben.»

Er weiss, wie man den Ball behandeln muss: Höhepunkte mit Jude Bellingham.
Thiago Productions via Facebook

Wie man hört, will Bellingham weiterhin nach Dortmund. Dort spielt schliesslich seit drei Jahren Jadon Sancho, und der ist das absolute Vorbild für junge englische Kicker. Sein Dasein als ewiger Zweiter und das ständige Umbauen des Kaders haben dazu geführt, dass der BVB inzwischen als Europas beste Startrampe für talentierte Typen wie Bellingham gilt. In Dortmund träfe er ja nicht nur auf Sancho (20), sondern auch auf Erling Haaland (19) und Gio Reyna (17), beide in England geboren, weil ihre Väter dort als Profis spielten. Oder auf Mateu Morey (20) aus Spanien oder Leonardo Balerdi (21), der schon argentinischer A-Nationalspieler ist. Und vielleicht auch auf Achraf Hakimi (21), den Spanier, der für Marokkos Nationalteam spielt. Selbst einer wie Julian Brandt (24) gehört noch in die Kategorie der jungen Hochbegabten.

Das Problem mit Hakimi und den noch Reicheren

Dortmund hat sich zum Ausbildungsbetrieb der Champions League entwickelt. Mit Abschieden und anderen Nebenwirkungen muss man da immer rechnen. Während der Edeltechniker Götze in dieser Saison bei Favre keine Rolle spielte, sind andere im Kader nicht ganz so entbehrlich. Hakimi etwa ist von Real Madrid nur geliehen und müsste eigentlich dorthin zurück. Der BVB und angeblich auch Hakimi würden die Leihe aber gerne verlängern. Seine Auftritte in Dortmund haben viele Begehrlichkeiten bei noch reicheren Clubs geweckt.

Um auf Nummer sicher zu gehen, will der BVB daher Thomas Meunier von Paris Saint-Germain holen. Der Belgier ist schon 28, spielt aber auf Hakimis bester Position als offensiver rechter Verteidiger – und er ist ablösefrei. In Dortmund träfe Meunier auf zwei Kollegen aus dem belgischen Nationalteam, Axel Witsel und Thorgan Hazard. Trainer Favre und ein paar andere im Kader sprechen zudem Französisch. Unterschrieben ist noch nichts, aber in Dortmund gehen sie davon aus, dass Meunier kommt.

Das solle aber nicht automatisch bedeuten, dass Hakimi gehe, heisst es in Dortmund. Obwohl Real noch immer keine ständige Verwendung für Hakimi hätte, würde man den in Dortmund gross herausgekommenen gebürtigen Madrilenen wohl gerne versilbern. In Corona-Zeiten, die in Spanien noch viel härter ausfielen, braucht auch das grosse Real Cash. 50 oder 60 Millionen müsste man aber für Hakimi zahlen. Zudem müsste ihm ein neuer Arbeitgeber wohl glaubwürdig ähnlich grosse Spielanteile wie beim BVB versprechen, weil der ebenso ehrgeizige wie eigenwillige Hakimi sonst nicht mitspielen würde bei solchen Plänen. Dortmund kann zumindest keine 50, 60 Millionen für ihn ausgeben.

Auch der angeblich interessierte FC Bayern könnte das angesichts massiver Einnahme-Ausfälle durch Corona nicht. Ein Scheich-Club wie Paris, finanziell aus Katar bisweilen fast schamlos befeuert, könnte schon – wenn nicht Corona und vielleicht auch die Financial-Fairplay-Ambitionen der Uefa Zurückhaltung erzwingen.

130 Millionen Ablöse in Corona-Zeiten: Sehr heikel

Auch Sancho, der einen langfristigen Vertrag in Dortmund besitzt, könnte seinen Rückflug nach England noch einmal verschieben. Bei 130 Millionen Euro Ablöse, die Watzke und Sportdirektor Michael Zorc für Sancho in den Raum stellen, könnte derzeit wohl allenfalls Manchester United mithalten. Aber in diesen Zeiten, so hat es offenbar auch United signalisiert, taugen Transfers in dieser Grössenordnung eher zum gesellschaftlichen Sprengstoff angesichts der Notlagen von Arbeitnehmern und Unternehmen.

Die Unsicherheiten bei der Kaderplanung treffen in diesem Sommer alle Clubs. Die Wechselfrist wird wohl bis in den Oktober verlängert, so könnten also Spieler wie Hakimi oder Sancho noch monatelang in einem Schwebezustand bleiben. Generell rechnen fast alle europäischen Oberklasse-Vereine mit hohen Einnahmerückgängen. Oligarchen und Scheichs könnten das ignorieren und für ihre Clubs auf Schnäppchenjagd gehen – wenn die Uefa sie lässt.

Watzke rechnet in Deutschland nicht damit, dass die Politik der Bundesliga bis Weihnachten mehr als ein begrenztes Kontingent von Zuschauern genehmigen wird, vielleicht 10 oder 20 Prozent der Stadionkapazität. Dasselbe gilt für die Champions League. Dadurch können bei Dortmund oder Bayern coronabedingt Fehlbeträge von 40, 50 Millionen entstehen. «Die nächste Saison», prophezeit Watzke, «wird finanziell noch härter für die Vereine als die neun Spieltage dieser Saison.»

Vor diesem Schlachtengemälde wirkt der Weggang von WM-Held Götze fast nachrangig. Seine Frau Ann-Kathrin hat gerade den ersten Sohn zur Welt gebracht. Genug Gerüchte gibt es, dass Götze in Italien oder gar bei Atlético Madrid neu anfangen könnte. Ablösefrei – und vielleicht mit einem Trainer und einem Spielsystem, die ihm einen Turnaround in seiner Karriere ermöglichen. Die Ersatzbank gegen Hoffenheim, im menschenleeren Dortmunder Stadion, tut er sich jedenfalls nicht noch einmal an.

6 Kommentare
    Pete Paetzold

    Lucien Favre bleibt der beste Trainer der Bundesliga.

    Mit den Spielern von FC B Meister zu werden kann eigentlich jeder, wenn er nicht gerade blind und taub ist.

    Bei der BVB ist das völlig anders. Es stehen bei weitem nicht dieselben Mittel zur Verfügung, obwohl die Ansprüche in etwa gleich sind.