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Grenzen der WissenschaftExperten sind nicht sakrosankt

Die Bedrohung durch Covid scheint zu schwinden, nun heisst es, man habe zu sehr auf die Experten gehört. Dabei war dies von Anfang an ein Missverständnis.

Star-Experte der Stunde: Virologe Christian Drosten.
Star-Experte der Stunde: Virologe Christian Drosten.
Foto: NDR

Chefökonomen sind die Orakel unserer Zeit, hiess es gestern in dieser Zeitung. Weil auf ihren Prognosen von morgen die Entscheidungen von heute getroffen werden. Das gilt natürlich auch für andere Expertenaktuell besonders für Virologen und Epidemiologen. Politik, Medien und Publikum hängen an ihren Lippen, interpretieren ihre Worte und gründen darauf ihre Meinungen und Entscheidungen. Bereits wird deshalb eine Expertokratie gefürchtet – dass also politische Entscheidungen nicht mehr länger von gewählten Volksvertretern, sondern von jeweiligen Experten gefällt werden. Andere führen an, diese Expertenmeinungen seien sakrosankt, da sie die Wissenschaft vertreten und jeder, der zu widersprechen wage, mache sich einer grassierenden Wissenschaftsfeindlichkeit schuldig.

Wenn die Wut sich Bahn bricht

Tatsächlich war die Welt nie komplexer und damit der Bedarf an Expertenwissen nie grösser. Das war schon vor der Corona-Pandemie der Fall, doch in den letzten Wochen hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Noch nie waren so viele Expertenmeinungen gleichzeitig und derart prominent zu hören. Sie sitzen in Talkshows, geben Interviews, machen Podcasts und Youtube-Videos, und sie finden nicht nur Gehör, ihre Ansichten werden mitunter auch mit geradezu religiösem Eifer vertreten.

Das hat zunächst vor allem mit Unsicherheit zu tun. Die Covid-Pandemie hat uns vor eine Herausforderung gestellt, zu der uns jegliche Erfahrung fehlt. Weder kennen wir dieses neue Virus genau noch die Auswirkungen, die es auf den Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes hat. Wir wissen zwar, dass wir reagieren müssen und dass dabei medizinische, epidemiologische, ökonomische und soziale Fragen gleichermassen zu berücksichtigen sind, aber uns fehlt die Zeit, verschiedene Szenarien sorgfältig zu durchdenken und verschiedene Aspekte gegeneinander abzuwägen. Die grosse Frage, was zu tun ist, hängt wesentlich ab von der Frage, wie sich die getroffenen Massnahmen auswirken werden. Darauf sollen Experten Antworten geben.

Doch jetzt, da sich die unmittelbare Bedrohung durch das Virus zu entspannen scheint, geraten diese zunehmend unter Druck. Wurden die richtigen Experten befragt? Haben sie die Politik richtig beraten? So wird gefragt. Und wo man vermutet, dass die Reaktion überzogen oder gar falsch war, richtet sich nun die Wut gegen einzelne Experten. Das ist momentan in Deutschland zu beobachten . Dort hat etwa die «Bild»-Zeitung eine Kampagne gegen den Star-Virologen Christian Drosten lanciert, indem sie eine seiner Studien zur Viruslast bei Kindern als «grob falsch» gebrandmarkt und dieses Urteil von anderen Wissenschaftlern vermeintlich hat bestätigen lassen. Drosten wehrte sich per Twitter, und die zitierten Wissenschaftler distanzierten sich öffentlich vom Artikel.

Keine eindeutigen Antworten

Ganz abgesehen vom tendenziösen und unzumutbaren Vorgehen der «Bil-Journalisten zeigt sich schon in der Ausgangslage ein grosses Missverständnis zur Funktion von Experten. Denn natürlich verdient deren Einschätzung eine andere Autorität als diejenige eines Laien. Aber erstens bezieht sich die jeweilige Autorität des Experten immer auf sein Fachgebiet, ist also auf einen einzigen Aspekt beschränkt und schliesst damit notwendig andere Aspekte aus. Zweitens ist die gegenwärtige Situation viel zu dynamisch, als dass es auch nur annähernd gesichertes Wissen und geschweige denn endgültige Antworten geben könnte. Drittens garantiert auch die wissenschaftliche Methode kein sakrosanktes Wissen. Das Konzept Wissenschaft beruht im Gegenteil auf dem Wettstreit der besten Theorien, heisst experimentieren, forschen, berechnen, und das beinhaltet auch, sich zu irren, Fehler zu begehen und korrigieren zu müssen.

Alle sehnen sich nach medizinisch und politisch eindeutigen Antworten. Doch die gibt es nicht, zumindest noch nichtselbst wenn man alle Experten der Welt beiziehen würde. Übrig bleibt das Individuum, der souveräne Bürger oder Politiker, der zwar Experten konsultieren soll, aber sich letztlich selber eine Meinung bilden und entscheiden muss.

Letztlich handelt es sich um dieselbe Unterscheidung zwischen Wissen und Bildung, wie sie Wilhelm von Humboldt vor rund 200 Jahren beschrieb. Dabei reicht es nicht bloss, Wissen anzuhäufen, vielmehr ist das Ziel, auch geistig daran zu wachsen und so schliesslich zu souveränen Entscheidungen befähigt zu werden. Etwa, wie wir in dieser Krise als Gemeinwesen handeln sollen. Diese Verantwortung kann nicht an Experten delegiert werden, sondern ist Aufgabe der Politik und der öffentlichen Debatte. Die wird uns weder ein Orakel noch ein einzelner Experte abnehmen können.