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Fall Pierin VincenzEx-Raiffeisen-Chef könnte noch vor dem Sommer angeklagt werden

Die Zürcher Staatsanwaltschaft kündigt an, dass sie Anklage gegen Pierin Vincenz und seinen Berater Beat Stocker erheben will. Ein Überblick über die Punkte, die im Verfahren untersucht wurden.

Trotz Corona-Krise geht es offenbar vorwärts im Strafverfahren gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und seinen Berater Beat Stocker sowie eine Handvoll anderer Beschuldigter. Die Staatsanwaltschaft Zürich hat im Mai deren Anwälte darüber informiert, dass sie das Verfahren noch vor den Sommerferien abschliessen will und es dann zur Anklageerhebung kommen soll. Dies, obwohl im Moment die Beweiserhebungen noch nicht abgeschlossen sind und die Einvernahmen von Zeugen und Beschuldigten weitergehen. Im Wesentlichen geht es um umstrittene private Gewinne von Vincenz und Stocker bei Firmenkäufen von Raiffeisen und der Kreditfirma Aduno. Offenbar ist der zuständige Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel zum Schluss gekommen, dass er genügend Material beisammenhat, um den Fall vor Gericht zu bringen. Weitere Details will die Staatsanwaltschaft nicht bekannt geben. Sprecher Christian Philipp schreibt: «Die Staatsanwaltschaft wird zu gegebener Zeit per Communiqué über die Erledigung der Strafuntersuchung berichten.» Hier die wichtigsten Punkte, die untersucht wurden.

Die Sache mit der Ehefrau

Als Vincenz im Herbst 2015 Raiffeisen verliess, machte seine Frau Nadja Ceregato einen Karrieresprung: Sie wurde neu Mitglied der Raiffeisen-Geschäftsleitung und hatte dadurch Zugang zu vielen Informationen. Am 1. November 2017 erfuhr Vincenz, dass gegen ihn ein Verfahren eröffnet wurde. Dann soll es zur Verletzung des ­Geschäftsgeheimnisses durch Ceregato gekommen sein.

Pierin Vincenz, der ehemalige Raiffeisen Schweiz-Chef mit seiner Partnerin Nadja Ceregato an der Galaveranstaltung des Schweizer Fernsehens, Swiss Award, 2008 im Hallenstadion in Zürich. Gegen beide läuft eine Strafuntersuchung.
Pierin Vincenz, der ehemalige Raiffeisen Schweiz-Chef mit seiner Partnerin Nadja Ceregato an der Galaveranstaltung des Schweizer Fernsehens, Swiss Award, 2008 im Hallenstadion in Zürich. Gegen beide läuft eine Strafuntersuchung.
Foto: Heike Grasser (People-Press.ch)

Der Fall Investnet

2011 verhandelte Raiffeisen mit den Gründern von Investnet über eine Übernahme. Die Firma sollte Kredite an KMU vergeben. Als sich Vincenz im Herbst 2015 von Raiffeisen ­verabschiedete, beteiligte er sich mit 1,5 Millionen Franken an der Investnet-Holding. Finanziert wurde das mit einem Kredit von Raiffeisen, der ihm unter Umgehung der Richtlinien gewährt wurde. Die Staatsanwaltschaft taxiert das «Darlehen» als «Bestechung». Stocker, Vincenz und die Gründer wurden als Beschuldigte aufgeführt.

Der Fall Commtrain

Die Kreditkartenfirma Aduno kaufte 2007 Commtrain Card Solutions (CSS). Vincenz war als Raiffeisen-Chef von Amts wegen Präsident des Aduno-Verwaltungsrats. Zur fraglichen Zeit war Beat Stocker der Geschäftsführer von Aduno. Angeblich besteht der Verdacht der un­getreuen Geschäftsbesorgung, weil sich Stocker und Vincenz zuerst privat an Commtrain beteiligten und sie dann mit einem erheblichen Gewinn an Aduno verkauften. Beschuldigt wurden Stocker, ­Vincenz und ein Treuhänder.

Eurokaution und GC&L

2014 kaufte Aduno das faktisch konkursite Unternehmen zum Preis von 5,6 Millionen Franken und fütterte es im Nachgang nochmals mit 4 Millionen Franken. Stocker hatte Geld in der Eurokaution, angeblich 1 Million Franken als Kredit und Optionen. Eurokaution hinterliess einen Millionenverlust, Stocker hingegen garnierte eine Millionensumme. Beschuldigt sind Stocker, Vincenz und der frühere Eurokaution-Hauptaktionär.

Die Genève Credit & Leasing SA (GC&L) vergibt Privatkre­dite und Leasingverträge. 2012 kam es zu einer Partnerschaft mit Aduno. Daraus wurde ein Kauf. Angeb­lich seien Stocker und Vincenz vorab verdeckt beteiligt gewesen. Beschuldigt wurde neben Vincenz und Stocker ein Genfer Immobilienhändler.

Spesen und Bezüge

Vincenz’ Spesenbezüge sind legendär. Abgerechnet wurden unter anderem ­Besuche im Striplokal Red Lips in Zürich. Auch Köbi Nett, der Starkoch des St. Galler Restaurants Schützengarten, musste aussagen. Kann nachgewiesen werden, dass die Spesen und Bezüge keinem Geschäftszweck dienten, sondern Vincenz’ persönlichen Bedürf­nissen, erfüllt dies den Tatbestand der ungetreuen ­ Geschäftsbesorgung.