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MamablogEs lebe der Durchschnitt!

Unsere Autorin bricht eine Lanze fürs Mittelmass und findet, dass Eltern ihren Kindern vorleben sollten, wie wunderbar Normalsein ist.

Was macht es mit uns Eltern, wenn Leistungen und Anforderungen an unsere Kinder ständig optimiert werden?
Was macht es mit uns Eltern, wenn Leistungen und Anforderungen an unsere Kinder ständig optimiert werden?
Foto: Julia M Cameron (Pexels)

Ich bin durchschnittlich. Nicht zu gross, nicht zu klein, nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht reich, nicht arm, weder hoch- noch tiefbegabt. 2 Kinder, 1 Mann, 1 Katze, 1 Haus. Nullachtfünfzehn eben. Langweilig? Hmpf ... Mittelmass? Nicht erstrebenswert. So jedenfalls scheint es. Denn Mittelmass ist verpönt! In der breiten Masse schwimmen – ein No-go.

Da wir heutzutage in unseren Breitengraden nur noch ein bis zwei Kinder zeugen, setzen wir grosse Hoffnung in unseren Nachwuchs. Schon früh beginnen manche Eltern, Pläne zu schmieden, Ziele zu setzen und ihre Sprösslinge in alle Richtungen zu fördern. Genügend Zeit, Geld und Möglichkeiten sind meist vorhanden. Von Anfang an, so scheint es, wird in die Zukunft des Projektes Kind investiert. Schliesslich ist jedes Kind einzigartig. Und als etwas Besonderes sollen es bittschön auch alle wahrnehmen.

Unser zweites Leben

Auf sozialen Medienplattformen etwa. Auf Instagram, Snapchat, Facebook oder in diversen Foren können wir ein öffentliches Bild von uns erschaffen, das nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen muss. Es wird uns sozusagen ein zweites Leben geschenkt. «Fake it till you make it» ist so attraktiv wie nie. Wir können uns tagtäglich weltweit mit allen messen und werden dabei permanent mit Überfliegern konfrontiert, die den Eindruck vermitteln, die grosse Mehrheit der Menschen sei hochbegabt, Spitzenreiter in irgendeiner Disziplin, bildhübsch, top in shape und hätte die Traumkarriere mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt.

Vieles davon ist «fake news» – denn wirklich Aussergewöhnliches ist immer noch rar. Durch die Flut an Bildern und Filmchen jedoch wird das Extravagante zur Gewohnheit. Und manch einer kommt unbewusst zum Schluss, dass das Leben wohl genauso sein müsse.

Nur das Beste ist gut genug

Wer gar nichts auf die Reihe kriegt, hat heutzutage immer noch die Möglichkeit, sich in trashigen TV-Formaten lächerlich zu machen oder auf Youtube, Tiktok und Co. die Hose runterzulassen. Hauptsache aus der breiten Masse herausstechen. Surft man auf den Wellen des Internets, schreien manche Stories geradezu: Seht mich an! Beachtet mich! – Egal zu welchem Preis. Schliesslich leben wir in einer Welt, der unbegrenzten Möglichkeiten. Internet sei Dank auch für Normalsterbliche. Ja, jeder kann ein Star sein!

Doch was macht es mit uns Eltern, wenn Leistungen und Anforderungen an unsere Kinder ständig optimiert werden und das Level hochgeschraubt wird? Laufen wir etwa Gefahr, nur noch Topleistungen zu würdigen, weil ja irgendeine Lisa und irgendein Noel alles noch viiiel besser können? Ist nur noch das Beste, gut genug?

Eine Lehrerin meiner Tochter fragte sie einst, was sie beruflich einmal lernen möchte. Meine Tochter, damals total im Motivtorten-Backfieber, sagte, sie könne sich vorstellen, eine Bäcker-Konditoren-Lehre zu machen. Darauf die Lehrerin: «Oh super, da gibt es ganz tolle Aufstiegsmöglichkeiten. Zum Beispiel könntest du einst in einer dieser hochklassigen Patisserien in Paris arbeiten!» Sie meinte es bestimmt gut. Doch letztlich suggerierte sie meiner Tochter, naja, der Job sei buchstäblich altbacken und es erscheine nicht besonders erstrebenswert, in einer durchschnittlichen Bäckerei auf dem Land seine Brötchen zu verdienen.

Für Höhenflüge braucht es Bodenpersonal

Dummerweise sind die allermeisten Menschen aber durchschnittlich, was Talent und Intelligenzquotient betrifft. Nun, das liegt in der Natur der Sache: In einer hinreichend grossen Grundgesamtheit liegen die meisten Messpunkte immer nahe beim Durchschnitt. Ausschläge nach oben und unten sind seltener, was die sogenannte Gausssche Glockenkurve, auch Normalverteilung genannt, visualisiert.

Fast alle Menschen haben einen IQ zwischen 85 – 115, also um die 100 rum. Den Anteil von Genies oder völlig Minderbemittelten schätzen Experten auf nur 2 bis 5 Prozent. Dasselbe Prinzip gilt für Talente aller Art. Es wird deshalb schwierig, wenn sich die Mehrheit der Erdlinge innerhalb dieser 2 bis 5 Prozent der Gesamtmasse ansiedelt.

Unweigerlich kommt es zu Frust und Überforderung. Es wächst ein Gefühl von nicht zu genügen – was nicht selten in Depressionen, Wahrnehmungsstörungen und anderen psychischen Krankheiten endet. Und dies traurigerweise schon bei Kindern und insbesondere bei Heranwachsenden. Diese prägende Zeit des Umbaus während der Pubertät, die gepflastert ist mit Unsicherheit und Selbstzweifel, muss unweigerlich mit der perfekten Welt der Influencer und Youtuber kollidieren.

Dabei ist die Rechnung eigentlich einfach: Für die Höhenflüge der Elite braucht es Bodenpersonal. Ganz viele von uns Normalos also. Deswegen breche ich jetzt hier mal eine Lanze für alle Mittelmässigen und Durchschnittstypen. Denn wie heisst es so schön, wie leise wäre es im Wald, wenn nur die begabtesten Vögel singen würden?

Mit einer 4-5 durchs Leben gehen

Ich finde es wichtig, dass gerade wir Eltern unseren Kindern vermitteln und vorleben, dass Normalsein ganz wunderbar ist. Dass man auch mit einer 4-5 durchs Leben kommt und Makel, Schwächen und Fehler zum Leben dazugehören. Wir Eltern sollten als Vorbild vorausgehen, zu uns stehen und der Welt erklären: Ich bin einer unter vielen und das ist gut so. Ich habe keine Rekorde gebrochen, keine Goldmedaille gewonnen, ich habe nichts erfunden und konnte die Welt nicht retten.

Doch auch das kleinste Rädchen im Getriebe ist wichtig, damit der Rolls-Royce rollen kann. Geben wir unseren Kindern mit auf den Weg, dass sie okay sind, wie sie sind, auch wenn sie nur für die Menschen, die sie lieben, etwas Besonderes sind. Wichtig scheint mir, dass sich Erwachsene, wie Kinder und Jugendliche, ab und zu die Frage stellen: Wer bin ich, wenn ich Niemand sein muss?

16 Kommentare
    Käthy Stocker

    Danke für diesen Artikel. Er spricht mir aus dem Herzen. Ich bin dankbar für alle handwerkliche Berufsleute, denn diese ermöglichen unseren Alltag.