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Da war mal wasErwünschte und weniger erwünschte Flüchtlinge

Soll die Schweiz wirklich 100’000 Hongkong-Chinesen als Flüchtlinge aufnehmen?

Eine ungarische Flüchtlingsfamilie wird 1956 bei ihrer Ankunft in Buchs (SG) verpflegt.
Eine ungarische Flüchtlingsfamilie wird 1956 bei ihrer Ankunft in Buchs (SG) verpflegt.
Foto: Keystone/Archiv

Wie ernst der Vorschlag gemeint war, bleibe mal dahingestellt. Gewisse Zweifel an der Seriosität der jüngst vom ehemaligen BaZ-Chefredaktor Markus Somm in der «SonntagsZeitung» erhobenen Forderung, die Schweiz solle doch 100’000 Hongkong-Chinesen als Flüchtlinge aufnehmen, sind aber angebracht. Kein Zweifel, die Volksrepublik China macht es den Einwohnerinnen und Einwohnern der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong im Allgemeinen und mit dem neuen Sicherheitsgesetz im Besonderen nicht leicht. Aber soll die Schweiz deswegen gleich 100’000 Personen Zuflucht gewähren? Und warum ist beispielsweise von den unterdrückten Uiguren bei Somm nirgends die Rede?

Der Vorschlag erinnert an die Zeiten des Kalten Kriegs. Damals, als der Eiserne Vorhang Europa teilte und sich die Vorherrschaft der Sowjetunion bis weit nach Deutschland hinein erstreckte, nahm die Schweiz jeweils grosszügig Flüchtlinge auf, wenn die sowjetischen Panzer wieder eine Widerstandsbewegung plattmachten. Das war beim Ungarnaufstand von 1956 und nach dem beendeten Prager Frühling von 1968 der Fall. Dazwischen fanden Anfang der Sechzigerjahre rund 1500 vor den Chinesen fliehende Tibeter Aufnahme in der Schweiz.

Der Kalte Krieg ist vorbei, auch wenn Nachbeben davon bis in die heutige Zeit spürbar sind.

Insgesamt erhielten auf diese Weise etwa 25’000 Menschen, die vor der kommunistischen Unterdrückung geflohen waren, in der Schweiz eine neue Heimat. In vielen Fällen handelte es sich um relativ gut ausgebildete und integrationswillige Menschen mit der «richtigen» politischen Einstellung – was in jenen Zeiten nicht ganz unwesentlich war. Wohl nicht zuletzt deshalb schrieb der ehemalige NZZ-Chefredaktor Alfred Cattani 1991 in einem «Folio»-Aufsatz von «erwünschten Flüchtlingen». Es gab nämlich auch zu jenen Zeiten solche, die weniger erwünscht waren. Beispielsweise diejenigen Chilenen, die 1973 nach dem Putsch gegen den sozialistischen, aber demokratisch gewählten Salvador Allende vor den Schergen des Militärdiktators Augusto Pinochet geflohen waren.

Vielleicht dachte Markus Somm bei seinem Vorschlag ja an jene «erwünschten Flüchtlinge» von damals. Nur sind die Zeiten des Kalten Kriegs eben vorbei, auch wenn Nachbeben davon bis in die heutige Zeit spürbar sind. Gerade bürgerliche Bundesräte wie Ueli Maurer (SVP) dürften an Somms Forderung jedenfalls kaum Freude gehabt haben. Aus handelspolitischen Gründen lässt man China gegenüber in Menschenrechtsfragen nämlich fünf gerne mal gerade sein. Nicht auszudenken jedenfalls, welche Verstimmung in den Beziehungen zur Volksrepublik die Aufnahme von 100’000 Hongkong-Chinesen zur Folge haben könnte.