Swissquote sperrt Konto mit verdächtigen Offshore-Geldern

Eine Bank aus Puerto Rico hat über 100 Millionen Dollar an Kundengeldern bei der Schweizer Onlinebank parkiert. Jetzt laufen Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung im grossen Stil.

Hier wurden die Gelder aus Puerto Rico verwaltet: Swissquote-Sitz in Gland bei Nyon am Genfersee. Foto: Vanessa Cardoso (TDG)

Hier wurden die Gelder aus Puerto Rico verwaltet: Swissquote-Sitz in Gland bei Nyon am Genfersee. Foto: Vanessa Cardoso (TDG)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Swissquote gilt in der Schweizer Finanzwelt als aufstrebender Stern. Die Bank präsentiert sich als junges, innovatives Digitalunternehmen, als Nummer eins im Onlinebanking. Anders als viele etablierte Gross- und Privatbanken hatte die 1996 gegründete Bank aus Gland VD praktisch keine Probleme mit der Justiz – bis jetzt.

Swissquote gerät derzeit wegen einer Affäre im Ausland in den Fokus der Schweizer Justiz. Es geht um mehr als 100 Millionen Dollar, um mögliche Steuerhinterziehung im grossen Stil und um einen belgischen Prinzen.

Das Recherchedesk von Tamedia hat gemeinsam mit der französischen Zeitschrift «L’Obs» Dokumente ausgewertet, die zeigen, dass Swissquote letzten Juni eines ihrer Kundenkonten der Schweizer Geldwäschereistelle MROS meldete. Es handelt sich um ein Sammelkonto der puerto-ricanischen Bank Blue Ocean. Auf dem Konto hatte Blue Ocean Vermögenswerte ihrer eigenen Kunden hinterlegt, im Gesamtwert von über 100 Millionen Dollar. Swissquote hatte also Gelder von Kunden einer fremden Bank bei sich.

Dass Swissquote nervös reagiert wegen dieser Kunden, ist nachvollziehbar. Denn die ausländische Bank ist in eine grosse Steueraffäre verwickelt.

Gelder einer anderen Bank landeten plötzlich bei Swissquote

Der Gründer von Blue Ocean, ein Franzose Mitte 50, strukturierte seine Bank so, dass seine Kunden praktisch hermetisch von jeglichen Steuerbehörden abgeschirmt werden. Bei Blue Ocean entgehen die Kunden sogar dem automatischen Informationsaustausch (AIA). Das ist ein globaler Standard, der seit kurzem auch in der Schweiz gilt. Eine Schweizer Bank muss zum Beispiel dem deutschen Fiskus melden, wie viel Geld ein Deutscher bei ihr hat. So soll verhindert werden, dass er Gelder bei uns verstecken kann.

Blue Ocean ist jedoch in Puerto Rico domiziliert. Die Insel gehört rechtlich zu den Vereinigten Staaten – und die USA machen beim AIA bis heute nicht mit. Die Kunden können ihre Gelder ausserdem in einen Fonds in Mauritius investieren. Diese Konstellation schirmt ihr Vermögen weiter ab.

Diese Zusammenhänge kamen erstmals in den sogenannten Dubai Papers ans Licht, veröffentlicht vom französischen Magazin «L’Obs». Ein Bericht des Revisionsunternehmens Deloitte beschreibt das Vorgehen von Blue Ocean im Detail.

Mehr als eine Geschäftsbeziehung

In den Dubai Papers kam auch ans Licht, dass eine ganz bestimmte Gruppe von Kunden diese Diskretion von Blue Ocean sehr aktiv nutzte. Der Chef von Blue Ocean hat inzwischen zugegeben, dass er mindestens 63 Millionen Dollar in seiner Bank von Kunden der sogenannten Helin-Gruppe verwaltete. Dabei handelt es sich um eine weitere Vermögensverwaltung, die vom belgischen Prinzen Henri de Croÿ und seinem Bruder geführt wird, und zwar von Neuenburg aus. Diese Gruppe steht im Verdacht, bei der Hinterziehung von Steuern geholfen zu haben. Dazu laufen bereits mehrere Verfahren.

Wie Fotos zeigen, war die Beziehung zwischen Blue Ocean und Helin mehr als rein geschäftlich. So posierte der Chef der puerto-ricanischen Bank bei einem von Henri de Croÿ organisierten Empfang in einem französischen Château im Smoking im Arm von zwei Frauen in Abendkleidern.

Der Gründer der Bank Blue Ocean an einem Anlass, organisiert von einem belgischen Prinzen. Foto: PD

Der Blue-Ocean-Chef sagte aus, die Helin-Gelder hätten geschützt werden müssen in seiner Bank, nachdem diese in den Vereinigten Arabischen Emiraten wegen eines Betrugsfalls gesperrt wurden. Deswegen habe Blue Ocean diese Gelder zu Swissquote verschoben.

Es bahnt sich eine grosse Steueraffäre an

Als Swissquote also die Kundengelder von Blue Ocean und Helin bei sich entdeckte und der Geldwäschereistelle meldete, reagierte die Justiz sofort. Die Genfer Staatsanwältin Caroline Babel Casutt eröffnete gleich ein Verfahren wegen Verdachts auf Geldwäscherei bei einem Steuerdelikt. Das Konto bei Swissquote mit über 100 Millionen Dollar wurde erst mal gesperrt. Wie viel davon bis heute wieder freigegeben wurde, ist unklar.

Dass es in den Ermittlungen tatsächlich um Steuerhinterziehung geht, will offiziell niemand bestätigen, weder die Staatsanwaltschaft noch der Anwalt von Blue Ocean. Auch Swissquote wollte sich zu den Vorgängen nicht äussern.

Recherchen haben aber ergeben, dass das Konto gesperrt wurde wegen Verdachts auf Geldwäsche als «qualifiziertes Steuerdelikt». Damit ist gemeint, dass hier möglicherweise derart hohe Summen am Fiskus vorbeigeschleust wurden, dass jeder sich strafbar macht, der diese Gelder versteckt. Ob hier Blue-Ocean-Kunden tatsächlich Schwarzgeld in der Schweiz parkierten, ist nun Gegenstand der Ermittlungen. Entsprechend gilt die Unschuldsvermutung.

Staatsanwältin Casutt beschlagnahmte inzwischen Kundenprofile, interne Notizen, E-Mails und Sitzungsprotokolle. Wie der Fall nun ausgeht, ist offen. Es kann jedoch sein, dass sich hier ein grosser Steuerskandal anbahnt.

Erstellt: 28.11.2019, 18:04 Uhr

Artikel zum Thema

Mehr Rendite als auf dem Bankkonto

Passive Indexfonds können eine attraktive Alternative sein zum mageren Zins eines Bankkontos. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.