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Kampf gegen soziale MedienErdogan vergleicht Twitterer mit Terroristen

Der türkische Präsident ist eigentlich ein Super-User von Facebook und Co. Nun aber ist seine Tochter via Twitter beleidigt worden.

Wer die Tochter beleidigt, beleidigt die gesamte Familie: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Tochter Esra, die via Twitter die Geburt des vierten Kindes bekannt gegeben hat.
Wer die Tochter beleidigt, beleidigt die gesamte Familie: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Tochter Esra, die via Twitter die Geburt des vierten Kindes bekannt gegeben hat.
Foto: Gregorio Borgia (AP)

Weil seine Tochter auf Twitter beleidigt worden ist, will der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die sozialen Medien scharf kontrollieren und einzelne Plattformen wegen Unmoral in der Türkei «komplett verbieten». Erdogans Tochter Esra hatte über Twitter die Geburt ihres vierten Kindes bekannt gegeben, im Anschluss wurden sie und ihr Ehemann Berat Albayrak von anonymen Usern unter Anspielung auf angebliche Beziehungsprobleme des Ehepaares massiv beleidigt. Der Präsidenten-Schwiegersohn ist türkischer Finanzminister.

«Wir akzeptieren nicht, dass 83 Millionen Bürger sich gegen den Terror der sozialen Medien nicht wehren können.»

Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei

Erdogans Reaktion war harsch: «Versteht man nun, warum wir gegen Social-Media-Plattformen wie Youtube, Twitter und Netflix sind? Weil wir diese Unmoral beseitigen wollen», erklärte er. «Sie sind unmoralisch.» Der Präsident, der rasche Gesetzesänderungen ankündigte, ging noch weiter. Er rückte die User in die Nähe des Terrorismus: «Wir akzeptieren nicht, dass 83 Millionen Bürger sich gegen den Terror der sozialen Medien nicht wehren können.»

In der Türkei spielen soziale Medien – vor allem Twitter – eine enorme politische Rolle als Plattform jeder Art von Opposition. Die freie Medienlandschaft ist von der Regierung nach dem gescheiterten Staatsstreich 2016 zerschlagen worden: Seit dem Putschversuch wurden 119 TV-Sender, Zeitungen, Magazine, Nachrichtenagenturen und Radiostationen geschlossen. Zahlreiche Journalisten wurden inhaftiert oder sind ins Ausland geflohen. Obwohl auch die Regierung die sozialen Medien erfolgreich nutzt – Präsident Erdogan hat auf Twitter 16 Millionen Follower –, bleiben die Plattformen das kaum kontrollierbare Terrain jeder organisierten oder spontanen Opposition.

Weiterer Schlag gegen die freie Presse und die Opposition

Auch wenn die öffentliche Beleidigung seiner Tochter und damit der gesamten Familie für Erdogan ein starkes Motiv sein dürfte – ein Verdächtiger wurde bereits festgenommen –, steht hinter der Ankündigung einer Offensive gegen Twitter und andere womöglich ein politisches Kalkül: Erst vor wenigen Tagen musste der Staatschef persönlich erleben, wie schnell sich die Opposition zu Hunderttausenden digital organisieren lässt. Anlass war ein Videodialog mit Studenten: Aus Protest gegen die kurzfristige Vorverlegung des Eingangsexamens für die Universitäten wegen Corona twitterten Studenten während der Präsidentenrede unter dem Hashtag «Unsere Stimmen kriegst du nicht». Das Presseamt musste die Kommentarfunktion während der Ansprache schliessen, auf Youtube bekam das Video mit dem Präsidenten und den Studenten 368’000 Dislikes.

Versuche, das Internet politisch zu kontrollieren, gibt es in der Türkei seit langem, jüngst hatte die Erdogans Regierung unterstützende rechte MHP vorgeschlagen, allen Usern eine Art Ausweisnummer aufzuzwingen. Der Vorfall mit den Studenten zeigt aber exemplarisch, wie schnell sich politischer Widerstand auch ohne freie Medienlandschaft unter griffigen Hashtag-Parolen landesweit formulieren lässt: «Unsere Stimmen kriegst du nicht» ist die perfekte Wahlkampfparole. Und das in Zeiten, in denen der seit knapp zwanzig Jahren regierende starke Mann der Türkei wegen der schlechten Wirtschaftslage spürbar an Zustimmung verliert.

Erdogan will Twitter türkischem Recht unterwerfen

Mit den von Erdogan angekündigten Gesetzesänderungen will die Führung aber nicht nur gegen einzelne User vorgehen. Betreiberfirmen sozialer Medien wie Twitter sollen verpflichtet werden, Niederlassungen in der Türkei zu gründen: Dann unterlägen sie der türkischen Rechtsprechung – und könnten so für jeden Tweet juristisch zur Verantwortung gezogen werden.