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Dauerläufer Remo Freuler Er ist der Schweizer Motor im aufregendsten Team Italiens

Der 28-Jährige überzeugt bei Atalanta Bergamo mit Ballsicherheit und langem Atem. Diese Qualitäten möchte er am Samstag auch mit der Schweiz in der Nations League gegen Spanien zeigen.

Remo Freuler dirigiert und hält das Mittelfeld bei Atalanta Bergamo zusammen.
Remo Freuler dirigiert und hält das Mittelfeld bei Atalanta Bergamo zusammen.
Foto: Giuseppe Cottini (Getty Images)

Vorwärts gehts, immer nur vorwärts. Und dafür gibt es Applaus von allen Seiten. «Was für ein Spektakel!», hat die «Gazzetta dello Sport» neulich voller Anerkennung geschrieben. «Die perfekte Maschine, die den alten Fussball in den Ruhestand schicken will», lobt «La Repubblica» am Montag. Und nach dem jüngsten 5:2 gegen Cagliari berichtet der «Corriere dello Sport» von der «x-ten Show».

Die Serie A mag mit Juventus einen Serienmeister haben, sie hat mit Inter, Milan, Napoli oder der Roma manch weiteren Club mit reichlich Ausstrahlung. Aber keine Mannschaft steht seit geraumer Zeit für so viel Spektakel wie Atalanta Bergamo mit seinem Trainer Gian Piero Gasperini. In der vergangenen Meisterschaft kommen 98 Tore in 38 Partien zusammen, jetzt sind es nach drei Runden mit drei Siegen schon wieder 13 Treffer für den Drittplatzierten der Saison 2019/20.

Darum die Frage an Remo Freuler: Wie ist diese Leichtigkeit zu erklären? «Wir sind fit», sagt er. Das klingt simpel, nach einem unkomplizierten Rezept, ist für ihn aber ein massgebender Faktor: «Wir haben keine konditionellen Probleme, wir brechen nach der 70. Minute nicht ein. Das verdanken wir unserer harten Vorbereitung.»

Aufstieg nicht selbstverständlich

Der 28-jährige Freuler ist nicht irgendein Mitläufer, nein, er prägt Atalanta mit, er gilt mit seiner Laufstärke und Ballsicherheit als unverzichtbarer Wert. «Er wirkt zwar oft unscheinbar», meldet Journalist Pietro Serina von der Lokalzeitung «Eco di Bergamo», «aber wenn er nicht auf dem Platz steht, fällt das sofort auf. Freuler gibt der Mannschaft Halt. Und wenn er nun noch ein paar Tore erzielen würde, wäre er erst recht aussergewöhnlich.»

«Wachsen kann ich auch bei Atalanta Bergamo.»

Remo Freuler vor seinem Wechsel nach Italien

Dabei ist der Aufstieg des 22-fachen Nationalspielers keine Selbstverständlichkeit. Freuler, der in Wetzikon zur Welt kommt und in Hinwil aufwächst, gilt zwar als Talent, das es von Winterthur zu GC schafft und dort in der Super League debütiert, das angeschlagene Tempo ist hoch. Aber Anfang 2012 wird er gebremst, als ihm eröffnet wird, dass er keine grossen Perspektiven auf Einsätze hat. Freuler begegnet am Hallenturnier in Winterthur dem damaligen FCW-Trainer Boro Kuzmanovic und fragt: «Herr Kuzmanovic, darf ich zurückkommen?» Dessen Replik: «Ja, aber ich kann dir keinen Stammplatz garantieren.»

Das Lob von Markus Babbel

Freuler macht einen Schritt retour und kurz darauf zwei nach vorne. Weil er sich durchsetzt. Weil er aufblüht. Weil er sich einen Transfer zum FC Luzern verdient. Weil er auch in der Zentralschweiz überzeugt. Dort attestiert ihm Trainer Markus Babbel eine «hohe Spielintelligenz», vor allem aber sagt er, was allen Wegbegleitern imponiert: «Er marschiert wie ein Verrückter.» Babbel spricht von «phänomenalen Laufwerten», regelmässig spult der Mittelfeldspieler zwischen 11,5 und mehr als 13 Kilometer ab: «Er ist wie ein 12-Zylinder-Motor. Und nach weiten Strecken hat er immer noch Energie, um mit dem Ball etwas Vernünftiges anzufangen. Das beweist er auch jetzt im aufregendsten Team Italiens.»

Highlights der Champions-League-Partie zwischen Atalanta Bergamo und Valencia, bei der auch Freuler mit einem sehenswerten Distanzschuss traf.
Video: Blue (ehemals Teleclub)

Babbel hätte sich Freuler in der Bundesliga vorstellen können, aber Interesse zeigte kein deutscher Verein, sondern ein italienischer: Atalanta Bergamo, das im Ruf steht, ein exzellentes Scouting zu betreiben. Als im Januar 2016 die Offerte vorliegt, zögert Freuler nicht: Er will sie annehmen. Luzerns Goalie David Zibung fragt ihn: «Willst du nicht noch ein halbes Jahr bei uns bleiben und danach zu einem grösseren Verein wechseln?» Freuler winkt ab: «Wachsen kann ich auch bei Atalanta.» Heute sagt Zibung: «Es war ein hochintelligenter Entscheid von Remo.» Der FCL wird mit 1,5 Millionen Euro entschädigt. Freulers Marktwert hat sich inzwischen vervielfacht.

Wenn Zibung nun dem früheren Teamkollegen zuschaut, erkennt er «eine Maschine», einen Dauerläufer, «der im dritten Match einer englischen Woche mit der gleichen Intensität unterwegs ist wie in der ersten Partie». Freuler glaubt, dass dies naturgegeben ist: «Meine konditionelle Verfassung war schon immer gut.»

Als Freuler ins Tor wollte

In Italien legt Freuler an Robustheit zu, «das ist in jedem Zweikampf zu sehen». So sagt das Zoltan Kadar, sein einstiger Trainer bei der U-18 in Winterthur. Eines aber überrascht ihn nicht: Freulers Unerschrockenheit. Kadar erinnert sich an ein U-18-Turnier, für das sich der Goalie abgemeldet hatte. «Remo sagte: ‹Trainer, ich stelle mich ins Tor, ich kann das›», erzählt der Coach, «er hatte nie Angst, dafür umso mehr Ehrgeiz.» Kadar aber fand damals doch eine andere Lösung: Er bekam den zweiten Goalie eines Gegners.

Was aus Freuler geworden ist, das beeindruckt sie alle, von Babbel über Kadar und Kuzmanovic bis Zibung. Er tritt selbstsicher auf, aber nicht so, dass man ihm das als Überheblichkeit auslegen könnte. «Er ist von dem, was er tut, total überzeugt», sagt Kuzmanovic. Freuler ist der Fleissige, der Arbeiter, den man sich auch gut im Nationalteam an der Seite des Strategen Granit Xhaka vorstellen kann.

Macht auch im Dress der Nationalmannschaft eine gute Figur: Remo Freuler beim Testspiel gegen Kroatien.
Macht auch im Dress der Nationalmannschaft eine gute Figur: Remo Freuler beim Testspiel gegen Kroatien.
Foto: Harry Langer (Getty Images)

174 Wettbewerbspartien hat er für Atalanta bestritten, und die Geschichte in Bergamo ist noch nicht zu Ende geschrieben. «Es gibt derzeit keinen besseren Club für mich», sagt der Zürcher Oberländer, der bis 2023 vertraglich an die Norditaliener gebunden ist. Und eines stellt Journalist Pietro Serina mit lauter Stimme am Telefon klar: «Wer ihn vorher will, muss viel Geld abliefern, sehr viel Geld.»