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Infizierte FlüchtlingeEine Quarantäne nach der andern

Flüchtlingsheime haben sich in Deutschland zu Epidemieherden entwickelt. Erste Asylbewerber sind deswegen bereits vor Gericht gezogen, mit Erfolg.

Eingepfercht und eingeschlossen: In Sankt Augustin bei Bonn steckte sich im Mai jeder zweite Asylbewerber mit dem Coronavirus an. (KEYSTONE/DPA/Marcel Kusch)
Eingepfercht und eingeschlossen: In Sankt Augustin bei Bonn steckte sich im Mai jeder zweite Asylbewerber mit dem Coronavirus an. (KEYSTONE/DPA/Marcel Kusch)

Abstand halten, Hygiene beachten, Kontakte einschränken: All das ist schwierig bis unmöglich, wenn Hunderte Menschen sich Küchen, Duschen, Klos und Kantinen teilen. Es verwundert deswegen nicht, dass sich Sammelunterkünfte nicht nur in Alters- oder Pflegeheimen und in der Fleischindustrie als Hotspots der Corona-Pandemie entpuppt haben, sondern auch in Flüchtlingsheimen.

Wie viele Asylbewerber sich in Deutschland seit Beginn der Seuche infiziert haben, zählt niemand. 1500 waren es aber allein in Bayern. Und immer wieder werden neue Herde bekannt. Zuletzt gab es in Regensburg fast 100 Infektionen. Im ebenfalls bayerischen Schweinfurt waren insgesamt 150 von 580 Flüchtlingen infiziert, in Frankfurt 65 von 385, im nordrhein-westfälischen Sankt Augustin 150 von 300. Zuvor im baden-württembergischen Ellwangen 380 von 580 – und noch 20 Mitarbeiter dazu.

Tausende in pauschaler Quarantäne

In den meisten Fällen reagierten die Behörden auf die Massenausbrüche damit, dass sie die Heime mit Zäunen abriegelten, die Infizierten auf einzelnen Stockwerken isolierten, zusätzliches Sicherheitspersonal einstellten und alle Bewohner unter strikte Quarantäne stellten. Die Geflüchteten, ob infiziert oder nicht, durften die Unterkünfte oft wochenlang nicht mehr verlassen. Eine Studie der Universität Bielefeld kam gerade zum Schluss, dass mindestens 7300 Menschen in den letzten Wochen derart unter Kollektivquarantäne standen – das sind 70 Prozent aller Flüchtlinge in den untersuchten 42 Aufnahmezentren.

Die Asylbewerber hätten sich «wie im Gefängnis» gefühlt, sagen Helfer. Sobald sich ein Flüchtling neu infizierte, habe sich die Ausgangssperre für alle anderen um zwei weitere Wochen verlängert. In Schweinfurt endete die pauschale Ausgangssperre erst vor kurzem – nach mehr als acht Wochen. Michael Knipper, Migrationsforscher an der Universität Giessen, hält das Vorgehen für «stigmatisierend» und «rechtlich fragwürdig». Keine andere Bevölkerungsgruppe sei in diesem Umfang abgeschottet worden.

Wie auf einem Kreuzfahrtschiff

Zum Schutz der Gesundheit hat die Kollektivquarantäne nach dem bislang Bekannten jedenfalls wenig beigetragen, eher im Gegenteil: In den Flüchtlingsheimen habe sich die Seuche so stark ausgebreitet wie auf Kreuzfahrtschiffen, hält die Bielefelder Studie fest. Sei das Virus mal in ein Heim eingedrungen, habe sich danach mehr als jeder sechste Asylbewerber infiziert.

Mittlerweile haben etliche Anwälte und Lobbygruppen gegen die Behandlung geklagt. In Bayern machte der Flüchtlingsrat geltend, die Unterbringung in Sammelzentren habe gegen die Corona-Schutzverordnungen der Regierung verstossen. In Chemnitz, Dresden und Leipzig erstritten zwei schwangere Frauen und zwei Männer vor Gericht, dass sie aus abgesperrten Flüchtlingsheimen entlassen und in Wohnungen untergebracht wurden. Sie könnten sich sonst nicht wirksam vor einer Infektion schützen. In Schweinfurt demonstrierten Asylbewerber lautstark gegen die pauschale Ausgangssperre, 16 von ihnen wurden festgenommen. Auch an vielen anderen Orten kam es zu Protesten.

«Blinde Flecken» im deutschen System

Die Münchner Staatsanwaltschaft hat diese Woche Ermittlungen im Fall eines im April an Covid-19 verstorbenen 35-jährigen Afghanen aufgenommen. Der Mann war erst eine Woche nach dem Auftauchen ernster Krankheitssymptome ins Spital eingeliefert worden. Der Verdacht lautet auf fahrlässige Tötung. «Der Staat hat eine Schutzpflicht», betonte der Leipziger Anwalt Raik Höfler kürzlich in der «Zeit». «Die gilt für alle Menschen in Deutschland. Nicht nur für deutsche Staatsbürger.» Im Asylwesen zeigten sich «blinde Flecken» im ansonsten in vielem vorbildlichen deutschen Gesundheitssystem, stellten Forscher im britischen Fachmagazin «The Lancet» fest.

In den vergangenen Wochen fiel jedoch auch auf, dass bei weitem nicht alle Flüchtlingseinrichtungen gleichermassen betroffen waren. Überall dort, wo die Unterkünfte mehr Platz boten, die Behörden zusätzliche Gebäude mieteten oder geschlossene Einrichtungen wieder öffneten, um die Belegung auszudünnen, verbreitete sich das Virus erheblich schlechter. Baden-Württemberg etwa senkte die Belegung seiner Erstaufnahmestätten von 60 auf 34 Prozent. Auch die konsequente Isolierung von Infizierten auf Zeit in externen Quarantänestationen bewährte sich. Zumindest solange die gesunden Flüchtlinge in der Zwischenzeit die Möglichkeit hatten, sich selbst vor dem Virus zu schützen.