Winterthur

Eine Indie-Pop-Ikone als Höhepunkt

Das eigentliche Finale der Musikfestwochen findet bereits am Samtagabend statt. Mit Feist betritt ein akkustisches und optisches Gesamtpaket die Steibi-Bühne.

Mal nicht im Trenchcoat oder mit hochgestecktem Hemdkragen: die kanadische Musikerin Feist.

Mal nicht im Trenchcoat oder mit hochgestecktem Hemdkragen: die kanadische Musikerin Feist. Bild: zvg

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Auf der Dating-App Tinder wären die Kanadierin Feist und die Musikfestwochen wohl so was wie der perfekte Match für eine Kurzzeitbeziehung: Die beiden werden am Samstagabend für wenige Stunden ihre inneren Widerstände gegen den sogenannten Mainstream teilen, und wohl auch viel Wärme – auf der einen Seite ausgehend von Feists hauchender Stimme und auf der anderen von der dichten Menge in der Häuserschlucht der Steinberggasse. Leslie Feist, das ist eine 41 Jahre alte Weltbürgerin, die im kanadischen Nova Scotia geboren wurde; heute reist sie zwischen Los Angeles und dem Prenzlauer Berg in Berlin hin und her. Und ihr Kunstprodukt Feist, das ist so etwas wie eine Ikone der Alternativ- oder Indie-Pop-Musik der 2000er-Jahre. Und nur dass es im Lärm der Steibi keine Missverständnisse gibt: Der Name wird deutsch ausgesprochen, aus Deutschland kommen auch ihre Vorfahren.

«Sooo indie»

Feists Markenzeichen ist ihr virtuoser Stimmlagenwechsel. Von hauchenden Höhen geht es hinunter in rockige Tiefen, die Brüche dazwischen sind mal sanft, mal kantig. Kontrastiert wird der Gesang von kräftigen Gitarrenlicks, die sie auch immer wieder selber zupft. Zudem zeigen ihre Arrangements: Feist hat ein Gefühl für den dramatischen Synthie-Einsatz. Vieles davon hat sie übrigens ausgerechnet in einem Coversong perfektioniert: der Ron Sexsmith-Ballade «Secret Heart» (2004).

Die Feist-Erfahrung lebt aber auch stark von der Optik, oder wie es ein Youtube-Kommentator ausdrückt: «Feist’s face is sooo indie.» Die Künstlerin, die nie an der Spitze der Charts lag und der ein Grammy nur knapp verwehrt wurde, beweist auf Konzerten und in Videoclips, dass man sie unbemerkt in einen jener bizarr-düsteren Filmszenen der Coen Brothers oder Quentin Tarantinos stecken könnte. Egal, ob sie im milchigen Trenchcoat minutenlang Rolltreppe fährt («My moon, my man», 2007) oder im 70er-Jahre-Glitzer-Einteiler ihren berühmtesten Song choreographiert («1234», ebenfalls 2007): Feist tut es stilvoll, mit ironisch aufgeladenem Sex-Appeal und dem Selbstbewusstsein einer Künstlerin, die vom Punk zum Pop fand.

In Schwung kam Feists Karriere um die Jahrtausendwende, damals nannte sie sich tatsächlich Punkerin, hiess als Künstlerin noch «Bitch Lap Lap» und zog mit der ebenfalls aus Kanada stammenden Elektroclash-Sängerin Peaches um die Häuser. Peaches ist bekannt für ihre Elektro-Hymne «Fuck the pain away» und nicht minder für ihre freizügigen Konzerte. Im 2000 gedrehten Videoclip zu «Lovertits» von Peaches fährt Feist so lasziv Fahrrad, wie man halt lasziv Fahrrad fahren kann. Die Kamera wackelt, Feist umfasst mit ihren Händen die Mittelstange – dass dahinter eine parodistische Grundsatzkritik am Sexismus der Musikindustrie steckte, brauchte Feist nicht auszuformulieren.

Fertig Klassentreffen

Ohnehin behelligt sie ihre Fans nicht wie andere Indie-Künstler mit Politik. Auch ihr fünftes Studioalbum «Pleasure» (2017) macht da keine Ausnahme. In Zeiten der Totalopposition aus Künstlerkreisen gegen den US-Präsidenten schlägt Feist eine andere Richtung ein, singt über Gefühle und kehrt laut eigenen Angaben zu sich zurück, und laut Musikkritikern zu den «Wurzeln des simplen Gitarrenrocks».

Am vorletzten Tag der Musikfestwochen ist die gemütliche Klassentreffen-Stimmung heute definitiv vorbei. Der Höhepunkt des Festivals beginnt nach Sonnenuntergang, wenn nur noch ihre dichten Strähnen, die es mit Attitüde wegzuwischen gilt, zwischen Feist und dem Publikum stehen.


Feist: Samstag, 22.15 Uhr, Steinberggasse. 20.15 Uhr: Glen Hansard; 18.45 Uhr: Andy Shauf. (Der Landbote)

Erstellt: 18.08.2017, 16:33 Uhr

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