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Krimi der WocheEine Frau zieht in den Bandenkrieg

Mit «Capitana» setzt die amerikanische Autorin Melissa Scrivner Love ihre knallharte Geschichte um die Gang-Chefin Lola in Los Angeles gekonnt fort.

Im Grossstadt-Dschungel von Los Angeles spielt der neue Krimi von Melissa Scrivner Love.
Im Grossstadt-Dschungel von Los Angeles spielt der neue Krimi von Melissa Scrivner Love.
Foto: Keystone 

Der erste Satz

Als Scott sich eine Zigarette anzündet, muss Christopher auf dem Rücksitz das Fenster herunterlassen.

Das Buch

Lola Vazquez lebt vom Verkauf harter Drogen in Los Angeles. «Achtundzwanzig Jahre alt, einen Meter sechzig gross, knapp fünfzig Kilo schwer, und zu diesem Gewicht tragen auch die festen langen schwarzen Haare bei.» Diskret im Hintergrund agierend, ist sie zur Chefin einer Latino-Gang geworden. Sie ist die «Capitana». Dies ist der deutsche Titel des zweiten Romans von Melissa Scrivner Love um Lola, der im Original «American Heroin» heisst.

Lola macht es nicht allzu viel Bauchschmerzen, wenn sie einen Gegner töten muss. Einfühlsam zeigt sie sich dagegen gegenüber den Menschen in ihrer Nachbarschaft. Wenn es um Misshandlung von Kindern oder Frauen geht, kennt sie kein Pardon. So ist sie gerne bereit, der schwangeren Cousine eines ihrer Krieger zu helfen, die sich vor ihrem gewalttätigen Mann fürchtet, der bald aus dem Gefängnis entlassen werden soll. Sie beauftragt ihren Bruder, der im gleichen Gefängnis sitzt, den Mann zu töten.

Doch dann stellt sich heraus, dass die vermeintlich hilfsbedürftige Frau gar nicht die Cousine des Gang-Mitglieds ist. Und der tote Mann ist der Chef eines Drogenkartells, das von Texas aus daran ist, Los Angeles zu erobern. Lola steht plötzlich mitten in einem Bandenkrieg. Und hinter dem Auftrag für den Mord im Knast steht offenbar Lolas stille Geschäftspartnerin, eine Staatsanwältin.

Frauen am Drücker

Es entwickelt sich eine schonungslos erzählte Geschichte, in der es auch um ein dunkles Geheimnis der Staatsanwältin geht. Was die Gang-Romane von Melissa Scrivner Love besonders macht, ist die Umkehrung der üblichen Rollen. Bei ihr sind die Frauen am Drücker. Wobei Lola gleichzeitig auch eine Mutterrolle zu erfüllen hat, nachdem sie Lucy adoptiert hat, ein Kind mit düsterer Geschichte: «Genau wie Lolas eigene Mutter verkaufte Lucys Mutter ihr Kind für Drogen an Männer.»

Die mit Light-Feminismus gewürzte Mischung aus knallhartem Gang-Thriller und der realistischen Schilderung des Lebens in einem Latino-Viertel von Los Angeles macht diesen Roman faszinierend. Und dass man sich bei der Lektüre um eine Drogenhändlerin und Mörderin sorgt, zeigt, wie gut Scrivner Love ihr Handwerk beherrscht.

Hommage an L.A.

Nebenbei ist «Capitana» auch eine kleine Hommage an die Stadt Los Angeles, in der die aus Kentucky stammende Autorin seit mehr als 15 Jahren lebt. Etwa wenn sich Lola «mit Leib und Seele dieser Stadt verbunden fühlt – in der alle Hautfarben und Schichten, das ganze Geld, der ganze Mist, die ganze Kunst über Hunderte Kilometer Freeway verbunden sind, in der sich alle dieselbe dicke Luft aus Autoabgasen teilten – und sie will für jeden einzelnen Menschen kämpfen, der dies sein Zuhause nennt».

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★★

  • Spannung: ★★★☆☆

  • Realismus: ★★★★

  • Humor: ★★★☆☆

  • Gesamteindruck: ★★★★

Die Autorin

Die Autorin Melissa Scrivner Love, geboren in Frankfort/Kentucky, lebt seit 2004 in Los Angeles.
Die Autorin Melissa Scrivner Love, geboren in Frankfort/Kentucky, lebt seit 2004 in Los Angeles.
Foto: Suhrkamp-Verlag  

Melissa Scrivner Love, geboren ca. 1980 in Frankfort im US-Bundesstaat Kentucky, ist die Tochter eines Polizisten und einer Gerichtsstenografin. Nach dem Highschool-Abschluss 1998 ging sie an die Vanderbilt University nach Nashville, wo sie Russisch studierte. Da sie schon immer gerne schrieb, besuchte sie auch Schreibkurse und die Drehbuchklasse. An der New York University machte sie dann einen Master-Abschluss in Englisch.

2004 ging sie nach Los Angeles, um in der Filmindustrie Arbeit zu suchen. Sie konnte sich da rasch etablieren und Folgen für bekannte TV-Serien wie «CSI Miami», «Person of Interest» und «Rosewood» schreiben; für eine Episode von «Person of Interest» wurde sie mit dem renommierten Edgar ausgezeichnet.

2017 erschien ihr erster Roman «Lola» (auf Deutsch 2019 unter dem gleichen Titel), für den sie mit dem britischen New Blood Dagger Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet wurde. In «Capitana» (Original: «American Heroin», 2019) setzt sie die Geschichte der Gang-Chefin Lola fort.

Melissa Scrivner heiratete 2012 den kalifornischen Comedy-Autor David Love. Das Paar lebt mit seinen Kindern im Stadtviertel Pacific Palisades in Los Angeles.

Melissa Scrivner Love: «Capitana» (Original: «American Heroin», Crown, New York 2019). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Sven Koch. Suhrkamp, Berlin 2020. 333 S., ca. 24 Fr.